Innenstadt als „gefährlicher Ort“

Jugendbanden in Flensburg: Wenige Intensivtäter, viele Mitläufer

Carlo Jolly/shz.de
Flensburg
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Polizeibeamte zeigen mehr Präsenz in Flensburg Foto: Dommarsch/shz.de

Die Lage zwischen Südermarkt und Zob soll sich wieder normalisieren. Nicht nur durch Polizeipräsenz.

Gefährlicher Ort – das ist weder ein Rechtsbegriff noch die Beschreibung einer akuten Lage. Der Flensburger Polizei gibt diese seit vergangenem Freitag zunächst für vier Wochen ausgerufene Regelung für den gesamten Citybereich zwischen Holm und Süderhofenden, zwischen Hafenspitze und Angelburger Straße im wesentlichen zwei zusätzliche Kompetenzen: Die Polizei darf Personen in diesem Gebiet ohne jeden aktuellen Verdacht samt Gepäck kontrollieren und die Personalien überprüfen.

Hört man Jörn Tietje, dann ist dies derzeit polizeilich notwendig: „Wir haben eine Situation rund um die Galerie, den Zob und den Reismühlenhof, die sich in den vergangenen Monaten verschärft hat“, sagt der Leiter des Führungsstabes der Flensburger Polizei. Es habe eine Vielzahl von Straftaten gegeben, Diebstahl und jugendtypische Delikte: „Es gab Sachbeschädigungen, kleine Mutproben, mitgeführte Messer und Spielzeugwaffen, viele Ladendiebstähle.“

Zwischen Schul- und Geschäftsschluss

Mittlerweile habe es eine Dimension angenommen, die nicht tolerierbar sei. Höhepunkt sei der Montagabend vor einer Woche mit der verabredeten Schlägerei zweier Gruppen gewesen, die von der Polizei verhindert worden sei: „Wir haben fünf Personen in Gewahrsam genommen, alle fünf waren Deutsche“, sagt Jörn Tietje. Ob es bei den Tätergruppen vor allem um (deutsche) Jugendliche aus der Heimunterbringung in Einrichtungen gehe, um junge Flensburger mit ausländischen Wurzeln oder um junge unbegleitete Flüchtlinge?

„Es geht um alle“, sagt Tietje. Die tatkritische Zeitspanne sei zwischen Schul- und Geschäftsschluss. Bevor man junge Leute in Gewahrsam nehme, gebe es immer Aufenthaltsverbote (wie zum Beispiel auf dem Jahrmarkt Exe) und Platzverweise. „Es geht auch um Körperverletzungen, Sachbeschädigungen und Aggressionen gegen die Polizei, aber relativ wenig Aktionen gegen Außenstehende.“ Neben Intensivtätern gebe es auch viele „erlebnisorientierte Mitläufer“, zum Beispiel Auszubildende, die nach 16 Uhr dazustoßen. Gerade diese Mitläufer will die Polizei mit der aktuellen Vier-Wochen-Ausnahmeregelung wachrütteln.

Am vergangenen Wochenende zum Beispiel habe man „Antanzdiebstähle“ einer kleinen Gruppe von Nordafrikanern wahrgenommen. Diese seien identifiziert: „Das haben wir im Griff.“

Angebote und Perspektiven schaffen

Vor sechs Wochen habe man zwei (deutsche) Intensivtäter durch Inhaftierung aus dem Verkehr gezogen. Dabei arbeiteten Polizei und Jugendbehörden Hand in Hand: „Wir können mit den Jugendlichen dann arbeiten, wenn wir sie kennen und die Zuständigkeit haben“, sagt Sozialdezernentin Maria-Theresia Schlütter. Neben 200 bis 300 Jugendlichen in Flensburger Zuständigkeit gebe es eine vierstellige Zahl von Jugendlichen im Kreisgebiet, für die auswärtige Behörden wie zum Beispiel Jugendämter in Berlin zuständig seien.

In der Diskussion um den kommunalen Ordnungsdienst (nicht Sicherheitsdienst) gehe es eher um Situationen wie rund um den Südermarkt mit Treppe und Plattform, wo erste bauliche und pflanzliche Veränderungen bereits umgesetzt sind. Schlütter: „Alles, was mit Kriminalität zu tun hat, ist Sache der Polizei.“ Nötig seien auch Sozialarbeit, Jugendarbeit und Streetworker.

Oberbürgermeisterin Simone Lange sagt, sie finde die Diskussion wichtig, aber man benötige keine Hilfspolizisten: „Wir brauchen Polizei und Pädagogik, aber auch Angebote und Perspektiven.“

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