Mindestpreis für Alkohol

Den Deutschen soll das Trinken abgewöhnt werden

Anna Behrend, Christopher Chirvi, shz.de
Flensburg
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Trinken gehört in Deutschland für viele Jugendliche zur Freizeit. Foto: Uwe Anspach, dpa

Ein Mindestpreis für Alkohol könnte auch in Deutschland übermäßigen Konsum verhindern. Die Bundesregierung zeigt sich offen für das Modell, das gerade in Schottland eingeführt wurde.

Rund 10.000 Kinder kommen in Deutschland jedes Jahr alkoholgeschädigt auf die Welt. Das ist das Ergebnis einer Analyse des Jahrbuchs Sucht. 2,65 Millionen Kinder wachsen in Deutschland demnach mit alkoholkranken Eltern auf. Um etwas gegen diese Zahlen zu unternehmen, ist jetzt ein Mindestpreis für Alkohol im Gespräch - ähnlich dem Modell, das in diesem Monat in Schottland eingeführt wurde. Die Bundesregierung zeigt sich dafür offen.

„Wir können uns nicht zurücklehnen und abwarten, sondern müssen gemeinsam weiter nach passenden Lösungsansätzen für Deutschland suchen“, sagte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler (CSU), den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. „Wenn wir wollen, dass in Deutschland weniger Menschen alkoholabhängig werden, weniger Jugendliche 'Komasaufen', dann ist nicht nur die Politik gefragt.“

„Billig-Alkoholika zum Discountpreis haben nichts mehr mit Genuss zu tun, sondern zielen auf Masse und animieren gerade Jüngere mit wenig Einkommen zum 'Saufen'“, so Mortler. „Das Problem ist doch, dass Alkohol in unserer Gesellschaft viel zu allgegenwärtig, viel zu selbstverständlich ist.“

Erklärung zur Grafik unten: Der Preislevelindex gibt an, wie teuer Alkohol im jeweiligen Land verglichen mit dem EU-Mittelwert ist. Werte größer als 100 bedeuten, dass Alkohol in dem Land teurer ist als im europäischen Mittel. Bei einem Wert kleiner 100 ist der Alkohol dort billiger. In Schweden etwa ist Alkohol 44 Prozent teurer als im EU-Durchschnitt (Index 144), in Norwegen sogar 152 Prozent (Wert 252). Der Index macht die Preise in den verschiedenen Ländern trotz unterschiedlicher Währung und Kaufkraft vergleichbar. Am meisten kostet Alkohol laut diesen Daten in Island (Index = 255).

In Schottland müssen seit dem 1. Mai Bier, Wein und Spirituosen so teuer sein, dass der darin enthaltene reine Alkohol für 50 Pence (57 Cent) pro zehn Milliliter verkauft wird. Auf diese Weise sollen innerhalb von fünf Jahren rund 400 Todesfälle und etwa 8000 Klinikaufenthalte verhindert werden.

Raphael Gaßmann, Geschäftsführer der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen, sagte den Funke-Zeitungen, ein Mindestpreis für Alkohol sei der erste, wichtige Schritt, um den Alkoholkonsum zu senken. Es sei nachgewiesen, dass mehr Alkohol getrunken werde, je niedriger sein Preis sei. „Wer den Alkoholkonsum reduzieren will, muss dafür sorgen, dass die in Deutschland unverhältnismäßig niedrigen Preise für alkoholische Getränke angehoben werden.“

Erklärung zur Grafik unten: Der Alkoholkonsum pro Kopf wird von der Weltgesundheitsorganisation geschätzt aus den Produktions- und Verkaufszahlen alkoholischer Getränke – umgerechnet auf die Bevölkerung eines Landes über 15 Jahren. Laut den Daten trinken Menschen im Kosovo und in Litauen im Europa-Vergleich am meisten – nämlich pro Kopf 16,2 Liter reinen Alkohol pro Jahr. Deutschland liegt mit 10,6 Litern pro Kopf und Jahr auf Platz 18 der europäischen Länder, für die Daten verfügbar sind.

Auch der Suchtexperte des AOK-Bundesverbands, Kai Kolpatzik, plädierte für höhere Verkaufspreise: „Deutschland zählt zu den Hochkonsumländern. Deshalb plädiere ich dafür, auch hierzulande stärker über höhere Preise von Alkohol nachzudenken.“ Die vor 14 Jahren eingeführte Steuer auf sogenannte Alkopops habe gezeigt, „wie wirksam man über gezielte Besteuerung eine positive Lebensstiländerung auf breiter Front einleiten kann“.

Laut dem Jahrbuch, das sich auf Zahlen aus dem Jahr 2015 bezieht, trinkt jeder Bundesbürger über 15 Jahre im Schnitt 10,7 Liter reinen Alkohol im Jahr.

(mit dpa)

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