Kardels Tagebuch: 1914-1918

Einträge von August 1917

Harboe Kardel
Frankreich
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Kardels Tochter Elsbeth Kardel Knutz hat unserer Zeitung die eigenhändig abgetippten Tagebücher zur Verfügung gestellt, sodass Der Nordschleswiger bis zum Ende der Aufzeichnungen bis 2018 Kardels Tagebucheintragungen abdrucken kann. Die Einträge sind immer am 1. eines Monats 100 Jahre später abrufbar.

2. August 1917.

Heute bin ich von vorne zurückgekommen, in strömendem Regen. Ich bin immer noch krank. Alles um mich herum ist dunkel und Nacht. Hergott, wie lange?

Eben war Wachtmeister Wenzel hier und erzählte, dass Gätgens Leutnant geworden sei.

4. August 1917.

Heute Morgen kamen Max Schuster und Hans Gätgens zurück. Ich muss Gätgens immer wieder ansehen im Schmuck der schlichten Achselstücke und denke: Wärst du erst so weit.

Die Beförderung wurde durch eine Bowle gefeiert. Leider konnte ich nicht mitmachen.

Es beunruhigt mich, dass ich von Bruder Rudi gar nichts höre.

Es ist ihm doch nichts zugestoßen?!

8. August 1917.

Es ist immer dasselbe, immer Krieg, immer Schiebung, immer Unruhe. Ich bin furchtbar niedergeschlagen. Ich kann nicht in dem Geiste leben, der im Heer der Herrschende ist.

Ich fühle mich vereinsamt,und ich werde einsam bleiben, bis ich wieder nach Hause komme, wo redliche Arbeit ihren verdienten Lohn findet, wo Kameraden in wahrer Freundschaft mich umgeben, und eine sanfte Mutterhand mir die Sorgenfalten von der Stirn streicht. Da allein kann ich glücklich sein. Hier bleibe ich ein Fremder unter Fremden.

10. August 1917.

Ich bin AVO bei der Gruppe. Den ganzen Tag trommelte Tommy auf Infanterie und Artillerie, aber von Überläufern wussten wir, dass er um 9 Uhr angreifen wollte, und um 8.30 setzte ein mörderisches Feuer ein, das seinen Angriff vereitelte. Die Kiesgrube lag von 9 bis 10 Uhr unter schwerem Feuer. Feindliche Flieger flogen tief und schossen mit M.G.`s .--Seit heute ist Major Dziobek Kommandeur.

14. August 1917.

Dass ich mich gestern verleiten ließ, wieder Karten zu spielen, musste ich schwer büßen. Ich verlor viel. Wann werde ich endlich klüger?

Am ruhigsten werde ich, wenn ich mich in meine Bücher versenke. Dann vergesse ich die unerquicklichen Verhältnisse, in denen ich stecke, und doch habe ich trotz allen Unglücks so viel zu danken!

15. August 1917.

Der gestrige Tag war für mich genussreich. In meiner „bel ètage“ sitzend, lernte ich deutsche Geschichte und las ab und zu eine Novelle von Liliencron. Ich werde von keinem gestört. Ich bin am glücklichsten allein.

Eben kommt Gätgens aus Brüssel zurück. Er hat sich dort „amüsiert“.

Rechts rummelt die Schlacht. Wie lange noch?! Gott allein weiß es. Ich denke nach Hause, und in der Heimat denken sie meiner. So bin ich nicht verlassen, solange ich im Geiste meiner lieben Eltern mein Leben führe. Deutschland soll leben, trotz aller seiner Feinde, trotz aller hassgespickten Reden. Was ist das Leben in einem geknechteten Vaterland? Ein Elend ohnegleichen, ohne Ende. Herr, mach` uns frei.

19. August 1917.

Ich bin auf unserer B-Stelle bei Vis-en Artois. Es ist der 4. Tag. Das Wetter war dauernd schön, und deshalb hat mir der Dienst gut gefallen. Der Tag ging immer sehr schnell hin, teils mit Beobachten, teils mit Lesen.

21. August 1917.

Ich war einen Tag hinten. Das war gut. Zusammen mit Lt. Friedrichsen, Gätgens und Dobriner. Abends saßen wir gemütlich im Garten und spielten Skat. Ich gewann sogar. Ich ließ mich als Offizier zur Wahl stellen. Nun bin ich A.V.O.

Ich kam rechtzeitig, aber meine Telefonisten nicht, die verliefen sich. Es war meine Schuld. Weshalb habe ich die Tölpel auch nicht sorgfältig instruiert? Der Tag verlief ruhig. Es sind alles neue Gesichter hier. Ich komme mit den Herren nur dienstlich zusammen.

Morgen früh gehe ich mit Lt. Schütz zum „Bois du Vert“ zum Schießen. Hoffentlich ist „Tommy“ dann artig.

22. August 1917.

Das Schießen ging gut. Es dauerte über 2 Stunden. Es gingen einige Schüsse in den Wald, in dem wir beobachteten, aber mehr auf das linke Ende. Die 5. Batterie war furchtbar ängstlich wegen der Flieger. Ich wurde oft ungeduldig.

Nachher sagte mir Lt. Selige und nachher auch Lt. Friedrichsen, dass ich zum Offiziers-Aspiranten ernannt, zugleich aber wieder Vizewachtmeister geworden sei.

Ein weiterer Schritt vorwärts. Soli Deo Gloria!

24. August 1917.

Beim Schießen auf „Cäsar“ ging ein Schuss rechts in die Kiesgrube. 2 wurden verwundet. Sie schrien jämmerlich. Nachts wimmelt es in der Kiesgrube, wie auf einem Jahrmarkt.

27. August 1917.

Gestern teilte Lala Koch mir mit, dass Otto Roedenbeck in Oels tödlich abgestürzt ist.

Sie war sehr traurig, sie hat ihn sehr lieb gehabt. Nun ist auch dies blühende Leben ein Opfer des Krieges geworden! Er war mir ein treuer Freund, obgleich er eigentlich ganz anders geartet war. Sein leichter Sinn ließ ihn bald hier, bald dort die Freuden des Lebens pflücken. Kein Mädel konnte ihm wiederstehen. Kaum war er in Husum, da war er schon ein kleiner Sultan. Aber im Grunde war er ein treuer Mensch. Ein echter Preuße! Für ihn war Horazens Worte Wahrheit: „Dulce et Decorum est pro patria mori.“(Süss und schön ist es für das Vaterland zu Sterben).

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