Kardels Tagebuch: 1915-1918

Einträge von Februar 1917

Harboe Kardel
Frankreich
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Kardels Tochter Elsbeth Kardel Knutz hat unserer Zeitung die eigenhändig abgetippten Tagebücher zur Verfügung gestellt, sodass Der Nordschleswiger bis zum Ende der Aufzeichnungen bis 2018 Kardels Tagebucheintragungen abdrucken kann. Die Einträge sind immer am 1. eines Monats 100 Jahre später abrufbar.

4. Februar 1917.

Morgen früh rücken wir ab nach Roulers. Erst war noch grosser Krawall wegen der Ammon-Munition. Alle Fehler, die gemacht worden sind werden mir zur Last gelegt.

Am 2. Febr. morgens schneidende Kälte. Als ich in Roulers ankam, hatte ich in den Füssen kein Gefühl mehr. – Mein Zimmer, Südstr. 46 ist gut, nur sehr kalt. Einfach großartig ist das Essen im Kasino.

Sonnabend war Dienst. Von halb acht an hielt ich Vortrag über die Kriegsartikel, dann fuhren wir zum Exerzierplatz. Nachmittags wurde dort exerziert. – Heute führte ich die Leute zur Kirche. – Ich muss mich vor Vergnügen hüten, die mir nicht liegen. Ich muss mehr an mein Elternhaus und meine Zukunft denken.

9. Februar 1917.

Alles wiederholt sich.

Das Aufstehen in der kalten Stube, Kaffeetrinken, Gang zum Stall, Führung der Batterie zum Exerzierplatz. Fahren in der Umgebung, wobei ich Staffelführer bin. Essen im Kasino. Nachmittags Dienst bis vier. Kaffeetrinken in irgendeinem Cafè.

Unterricht, Besorgungen. Abendessen. Skat bezw. Gemütliches beisammen sein auf Husfeldts Bude.—Nun ist der Nachmittag Dienst genau verteilt, und ich brauch nicht immer da zu frieren, sondern kann manchmal auf meinem einigermaßen angewärmten Zimmer bleiben.

Hauptmann W. schenkt mir Vertrauen und sagt mir seine Meinung über Husfeldt, die gering ist. Und doch wird er in ein paar Tagen Offizier!

Vaters Neujahrsbrief erreichte mich heute. Ebenso ein Brief von Bruder Andreas, der aus seinem Herzen keine Mördergrube macht, aber er ist fast etwas zu frivol.

13. Februar 1917.

In den letzten Tagen übten wir bei „ De Ruiter“.

Kriegeris ist zur 2., Goldbek-Löwen, zur 4. Batterie versetzt.

14. Februar 1917.

Vater ist gestorben—Karl Greve sagte es mir, als ich mit Leutnant Pape, Husfeldt und Wiesler vom Kasino nach Hause ging. Ich kann es noch gar nicht fassen. Vaterlos—die arme Mutter! Ihm, seiner strengen, tiefernsten Erziehung verdanke ich so unendlich viel. Hauptmann W. drückte mir fest die Hand.—Sie alle fühlen mit mir. Wenn ich nun nach Hause komme, will ich Mutter trösten.

16. Februar 1917.

Gestern machte ich noch Dienst, wie alle Tage.—

Husfeldt ist mit dem Pferd gestürzt.

Wenn ich so vor der Front herumkommandierte, musste ich oft nach Hause denken, wo mein lieber Vater tot liegt und die Meinen meine Ankunft herbeisehnen.

Hauptmann W. hat alles getan, was in seiner Macht steht, um meine Abreise schnell zu ermöglichen. Abends telefonierte er noch mit dem Regimentsstab, und ich konnte noch abends die Fahrscheine, heute früh unterschrieben, in der Hand halten.

In der Marketenderei hatte ich gestern allerhand eingekauft. Jetzt sitze ich in Thielt und warte auf den Zug nach Gent.

17. Februar 1917.

4.50 fuhr ich von Brüssel ab.

Der Zug war gedrängt voll. In Herbesthal mussten wir alle durch die Sperre. Schmuggler stiegen da auch noch in den Zug, die unter ihren Mänteln Butter verborgen hielten. Ein langer Trainsoldat ließ von seiner Leberwurst allen Zivilisten eine gute Schnitte schmieren.

In Köln kam ich noch glücklich in den Zug nach Hamburg und sass zusammen mit 2 prächtigen Fussartilleristen, die bei Aggerschau liegen.—Der Zug nach Tondern war schon weg, als ich in Altona ankam. Ich fuhr also über Flensburg. Da mein Fahrschein mir schon in Roulers abgenommen war, eggte ich überall an bei den kleinen Schaffnerinnen. Endlich schrieb mir ein Zugführer einen neuen Schein aus.

Jetzt sitze ich im Wartesaal in Flensburg.

Om 3.50 langte ich in Tondern an. Hulda, Grete, Hans (Johannes) und Else waren an der Bahn. Rudi (Rudolf) war auch schon da. Welch` trauriges Wiedersehen mit meiner lieben Mutter! Seit langer Zeit waren wir alle vereint, nur das Oberhaupt fehlte! Es ist zu traurig!

Wenn ich an frühere glücklichen Zeiten denke, und nun Vater so still und bleich in dem blumengeschmückten Zimmer liegen sehe, in dem er rastlos arbeitete, so muss ich weinen. ---Nie gönnte er sich Muße und Erholung. Er hat sich nie geschont, und der Krieg tat das übrige. Da konnte die tückische Krankheit ihn fällen.

19. Februar 1917.

Beerdigung des lieben Vaters in Tondern.

Heute haben wir unseren lieben Vater zur letzten Ruhe bestattet. Viele liebe Verwandte und Freunde unseres Vaters sahen wir hier. Wie viele trauern um diesen Mann! Alle, selbst seine Gegner haben Ihn geachtet. Wie hat er gearbeitet, treu und

Selbstlos, für seine Schule und das Reich Gottes!

Um halb drei begann die Trauerfeier in unserem Hause. Der Sarg stand in „Vaters Stube“, die beste Stube, die Diele und Treppe waren voll von Trauergästen. Hans (Bruder Johannes) hielt eine ergreifende Ansprache und schilderte, wie Vater sich um uns Kinder gemüht und gesorgt hat, für unser Fortkommen und leibliches Wohl, aber noch mehr für unser geistiges Wohlergehen. Nun wartet er auf uns droben, dass wir ihm nachfolgen.

Dann trug der alte Leichenwagen mit den beiden schwarzverhangenen Pferden den lieben toten hinaus. In der Nähe der Kapelle war ihm das Grab geschaufelt. Der Sarg wurde hinabgelassen. ----Probst Steffen sprach von dem Bekennermut unseres lieben Vaters, der seinen Heiland stets bekannt hat, auch vor der feindlichen Welt.

Onkel Franz Muuß(Mutters Bruder) sprach den Segen. Dann fiel die Erde schwer auf den Sarg, und der Leib meines lieben Vaters wird wieder zu Erde werden. Aber er wird stets lebendig vor mir stehen und mir ein Wegweiser sein zum Guten, zum Licht, zu Gott.

„ Ach, sie haben einen guten Mann begraben, und mir war er mehr.“

22. Februar 1917.

Nachruf der Realschule beim Tod meines lieben Vaters.

Am 14. Februar verstarb nach kurzem, schwerem Leiden im 58. Lebensjahr der Lehrer a.d. Realschule Herr Rektor Andreas Kardel.

Erfüllt von tief religiösem Geiste und aufopfernder Hingabe an die Ziele menschlicher Veredelung, hat er 7 Jahre mit unermüdlicher Schaffensfreude und Pflichttreue an unserer Anstalt gewirkt und sich liebe und Hochschätzung bei Schülern und Lehrern erworben.

Im Lokalen Teil stand über ihn:

Wieder hat der unerbittliche Tod einen Mann aus unserer Mitte dahingerafft, der auf dem Gebiet der Schule in Tondern fruchtbringend und segensreich gewirkt hat;

heutemorgen ist nach kurzer Krankheit Herr Rektor Kardel unerwartet aus dem Leben geschieden. Was er als Schulmann geleistet, das wissen diejenigen, die zu seinen Füssen gesessen –und deren Zahl ist sehr groß—am besten zu würdigen.

Nachdem er lange Jahre an der städtischen Mittelschule mit großem Segen gewirkt hatte, trat er bei Übernahme der hiesigen Realschule durch den Staat in den Königl. Staatsdienst als Lehrer dieser Anstalt ein und hat auch in diesem Amt erfolg- und segensreich gearbeitet.

Rektor Kardel war ein Mann von großer Frömmigkeit und edlem Charakter; sein emsiges Wirken auf dem Gebiet der Mission und im Dienst des blauen Kreuzes ist bekannt und wird in weiten Kreisen dankbar anerkannt werden.

Seine unermüdliche Arbeit, seine große Pflichttreue, wie sein ganzer Wandel, und seine allzeit eifrige Wirksamkeit im Dienst der Kirche und Schule sichern ihm ein dankbares Gedenken auch übers Grab hinaus.

23. Februar 1917.

Gestern Abend war ich mit Bruder Rudi bei Oberlehrer Jensen, Wir sprachen u.a. über Vater: --“ Sein ganzes Leben war angefüllt von der Sorge und Arbeit für seine Familie und seine Mitmenschen“.—

Während Mutter heute Nachmittag mit Grete und Willi auf dem Friedhof weilte, besuchten Rudi und ich Rektor Siemonsen.

24. Februar 1917.

Nun haben sie mich eben wieder zur Bahn gebracht, lange winkten sie mir noch nach auf dem Bahnsteig, letzte Grüße.

Wie viel Liebe habt ihr mir alle erwiesen, trotz der Trauer, die in unser aller Herzen war. Und wie der Zug nach Süden fuhr, lag meine Heimatstadt da, in ihrer stillen Schönheit mit klarem, ernsten Farben. Ich grüßte sie: „ Auf Wiedersehen“!

Hoffentlich nach erkämpftem Siege.

Liebe Mutter, möge Gott mit Dir sein! Dein Leben ist schwer und voller Leiden. Ich will Dir beistehen, soviel ich immer kann.-- Rudi hat ein gutes Herz. Heute schenkte er Willi und Grete je 5 M. Gott wolle Dich behüten und uns erhalten!

Hoffentlich sehe ich ihn nicht zum letzten Mal.

26. Februar 1917.

Ich sitze im Wartesaal des Kölners Hauptbahnhof und will einen kurzen Rückblick halten. Am Sonnabend-abend war in Neumünster die liebe Familie Suhren noch wach und nahmen mich freundlich auf. Nach einer erquickenden Nacht, ging ich noch vor meiner Reise nach Kiel zu Großmutter Kardel.

Kiel weckte alte, schöne Erinnerungen in mir. S. Magnifizenz (Rektor der Universität) traf ich nicht, glaube aber, dass meine Vorstellung erst nach beendetem Kriege erfolgen soll.

Der Hafen, - mit Deutschlands stolzer Seemacht- das Rauschen der Wellen- wie war es mir so lieb, Du teures, schönes Heimatland Schleswig Holstein.

Um 8.09 fuhr mein Zug. In der Halle des Hauptbahnhofes, welch`ein Leben! Mir flimmerte es vor den Augen. Ein flirten, Flüstern, Haschen und Winken.

Die Nacht verlief wieder zwischen Schlafen und Wachen, und heute Morgen kam ich in Köln an.

27. Februar 1917.

Ich benutze den Urlauberzug –Köln – Gent-. Sehr bummelig. Schweinskotelett in der Offiziersmesse. Dann durchgehender Zug bis Roulers. Bekomme von der Ortskommandantur Quartier im Hotel Java. Am nächsten Morgen—heute—Besorgungen. Seife etc. Um 2 Uhr langte ich wieder im Quartier an.

Es hat manche Veränderungen gegeben. Hauptmann Waltfried ist Abteilungs-Kommandeur, Leutnant Friedrichsen ist Batterie-Führer. Husfeld ist Offizier geworden.

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