Kardels Tagebuch: 1915-1918

Einträge von Januar 1917

Harboe Kardel
Frankreich
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Kardels Tochter Elsbeth Kardel Knutz hat unserer Zeitung die eigenhändig abgetippten Tagebücher zur Verfügung gestellt, sodass Der Nordschleswiger bis zum Ende der Aufzeichnungen bis 2018 Kardels Tagebucheintragungen abdrucken kann. Die Einträge sind immer am 1. eines Monats 100 Jahre später abrufbar.

Januar 1917

1. Januar 1917
Die Sylvesterfeier war beim III. Geschütz, die Musik, als improvisiert, sehr gut.

So sind wir denn nun im Jahre 1917 angelangt, und ich frage: Sollte es Dir wohl gelingen, diesen Weltbrand zu bezwingen?

Um halb sieben ging links von uns eine Schießerei los. Es schoss auch rechts von der Batterie.

Hauptmann W. ist hier. Er sagte mir: „Sie werden nun wohl auch bald die Offiziers-Stellvertreter – Litzen bekommen. Hoffentlich glückt es! Sie haben es verdient“.

Wenzel machte auch wieder so geheimnisvolle Andeutungen, als er Löhnung auszahlte. Ob es heut` Abend schon im Befehl steht? Das wäre schön.

Um 11.45 sollen wir noch ein Patrouillen-Unternehmen der 76 er unterstützen.

2. Januar 1917
Heute Morgen war Generalmajor Reuter hier. „Er hat mich lausig angeschissen“, sagte Leutnant Pape. Wir berichtigten die Grundrichtung des Geschützes I und schossen dann mit dem Messtrup.

4. Januar 1917
Gestern hatte ich den ganzen Tag über mit der Munition zu tun. Meine Arbeit hatte Erfolg. Jetzt ist alles wohlgeordnet.

Mutter freut sich, dass sie mich an Ihrem Geburtstag (11. Januar) zu Hause hat. Wie tut es mir leid, dass ich sie wieder enttäuschen muss, denn Leutnant Pape meinte gestern Abend, mit dem Urlaub würde es nichts werden.

6. Januar 1917
Gestern kam der große Moment. Wachtmeister Wenzel sagte es mir durch, alle gratulierten mir. Die Offiziere nehmen mich wieder in die geheiligten Räume des Kasinos auf, aus denen ich vor einem halben Jahr verstoßen wurde. Soli Deo Gloria! Ich bin froh, mein Sehnen ist erfüllt. Unter gleichdenkenden Menschen kann ich meine Ruhe wiederfinden. Ich muss an das kleine Lied von Friedemann Bach denken: „Wenn Du auch ganz verlassen
In Waldesnacht allein,
Einst wird von Gott Dir kommen
Dein Tau und Sonnenschein.“
Darauf will ich auch im ferneren Leben trauen.

7. Januar 1916
Heute morgen, als ich aufgestanden war, um 10 Uhr, zischten die Geschosse mit bedenklicher Schnelligkeit über uns hinweg, erschütterten die Ruinen über uns, uns selbst aber taten sie keinen Schaden.
Am Nachmittag ging ich zum Barbier in Liévin. Die Zivilisten, besonders die Mädchen, sind durch den Krieg vollständig verwildert.
Am unangenehmsten ist mir in Liévin der Anblick der Leichenräume. – Lt. Meinssen ist ein urgemütlicher Herr, ein echter Holsteiner.
Morgens kam Oberlt. Rehfeldt von einem großen Fest auf die Beobachtung und fühlte das Bedürfnis zu schlafen. Unten liegt er in der „Flohkiste“.
Mir ist das Schießen der Batterie R. übertragen. Gleich sollen die Franzosen die ersten Grüße von mir haben, und bald hatte der „Franzmann“ seine 20 Schuss weg. Ich habe zum erstenmal selbstständig geschossen.
Dann muss ich dem Oberlt. einen kleinen Bericht geben von dem, „was ich bisher getan hatte“. Er war sehr gnädig. Dann schlief er weiter.
Es wird 7 Uhr abends – Oberlt. Rehfeldt schläft noch immer.

13. Januar 1917
Gestern bin ich durch Dreck und Wasser gestiefelt. Ich sollte auf die Punkte 405 und 407 einschießen, für das Unternehmen „Lübeck“. Alle Beobachtungen waren zehnfach besetzt. Oft war ich bis zum Knie im Wasser. Schließlich schoss ich vom „Pulverturm“ aus. Es ging, wenn auch langsam und unsicher. Hauptmann W. war mit meinen Entfernungen nicht zufrieden. Das Unternehmen glückte: Zwei Gefangene.
Abends sah ich dann noch, dass ich nicht auf Urlaub fahre.
Unteroffizier Junge fuhr auf Urlaub. Er war persönlich beim Hauptmann gewesen.
Ist das nicht eine Komödie mit dem Urlaub?

14. Januar 1917
Gleich heute Morgen kam Munition, mit der ich fast den ganzen Tag zu tun hatte.
Am Nachmittag wanderten wieder Schrapnells zum Engländer rüber.
Wie ein Rekrut muss ich um Urlaub betteln. Dieser ganze Kommissbetrieb ist mir verhasst. Aber es ist kein Ende dieses Elends zu sehen.

15. Januar 1917
Die Ammon-Munition, die in der letzten Nacht kam, sollte heute unter dem Beisein von Herren aus dem Kriegsministerium geprüft werden. Hauptmann W. nahm diese Herren gleich mit in den Graben, worüber ich mich sehr amüsierte.
Ich schrieb einen Brief an Wenzel, indem ich ihn bat, dafür zu sorgen, dass ich diesmal auf Urlaub fahren kann. Und doch sind meine Hoffnungen gering. Ich bin zu oft enttäuscht worden.
Die Protzen kommen wahrscheinlich nach Westroosebeeke.

20. Januar 1917
Ich kann morgen nicht fahren „wegen Spionagegefahr“. Erst erfasste mich ein Gefühl der Bitterkeit. Sollte ich auf Dänemark überlaufen? Jetzt bin ich gefasst. – Geduld, was Gott tut, das ist wohlgetan. Ich schreibe dies auf meinem Strohlager.

23. Januar 1917
Leutnant Friedrichsen sagte durchs Telefon, nach Tondern könne ich keinen Urlaub bekommen. Ich müsse meine Eltern nach Neumünster kommen lassen. Das wäre aber nur ein halber Urlaub gewesen. Das Fragen in mir, ob ich nicht lieber ganz auf den Urlaub verzichten sollte, hörte erst auf, als ich vernahm, dass der Urlaub fürs ganze Heer aufgehoben ist.
Nun bin ich im „Bärenloch“. Es ist kalt, aber ich habe trotz des klaren Wetters meinen kleinen Ofen angemacht.

26. Januar 1917
Ich bin sehr stark erkältet, habe etwas Fieber, denn ich friere den ganzen Tag. Es ist ja auch eine Hundekälte, und tagsüber können wir nicht heizen. Es ist ein ganz trostloser Zustand. Tagsüber frieren wir. Abends wenn wir heizen können, tauen wir auf.
Rheinländische Infanterie umgibt uns jetzt.

27. Januar 1917
Kaisers Geburtstag – ich merke nichts davon. Vom Schweinebraten, den die Königl. 6. Batterie heute spendet, kriegen wir nichts zu sehen, auch nicht von dem Wein, der die Infanterie heute erquickt! Als Artillerie-Beobachter ist man Stiefkind.
Die englische Artillerie war heute Nacht recht fleißig. Ich mag nicht an die früheren Zeiten denken, in diesem engen, muffigen Loch. In Husum war Ball an diesem Abend. – O Gott!
Mit welcher Begeisterung haben wir damals das Kaiserhoch ausgebracht. Und jetzt müssen wir ihm beweisen, dass wir ihm die Treue halten können, stumm, ohne Feier, auf dem Posten, auf den uns die Pflicht gestellt hat.

30. Januar 1917
Gestern gab Leutnant Pape mir einige Anstandsregeln. Er hat recht, ich kann mich noch nicht so benehmen, wie ich soll. Ich bin ihm dankbar, dass er mich auf meine Fehler aufmerksam macht.

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