Kardels Tagebuch: 1914-1918

Einträge von Juni 1917

Harboe Kardel
Frankreich
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Kardels Tochter Elsbeth Kardel Knutz hat unserer Zeitung die eigenhändig abgetippten Tagebücher zur Verfügung gestellt, sodass Der Nordschleswiger bis zum Ende der Aufzeichnungen bis 2018 Kardels Tagebucheintragungen abdrucken kann. Die Einträge sind immer am 1. eines Monats 100 Jahre später abrufbar.

2. Juni 1917.

Ich bin noch immer in Hamel und wundere mich selbst darüber. Der Chef ist in der letzten Zeit wieder freundlicher gegen mich. Gestern kam auch Lt. Schuster vom Urlaub wieder.

Vor einigen Tagen suchte ich Stabsarzt Fischer auf, der zu mir gesagt hatte:“ Wenn Sie mal Langeweile haben, kommen Sie nur zu mir.“ Die Einladung durfte ich nicht unbefolgt lassen.

Am nächsten Abend ließ Hauptmann Waltfried mich zu sich bitten. Aber wenn ein anderer hätte Klavier spielen können, hätte er den wohl gebeten. Es war aber ganz schön, wir sangen Volkslieder zusammen.—Ich fand auch Gelegenheit Lt. Huster mein Leid zu klagen, welcher einer der wenigen ist, mit dem man reden kann.

Lt. Schuster erzählt von dem großen Mangel in der Heimat.

Wie soll dies Unglück noch einmal enden! Der lange Krieg mit all seinem Jammer und Elend liegt wie ein Albdruck auf mir und lässt mich nicht fröhlich und sorglos werden.

Es ist noch kein Zeichen vorhanden, dass dies schreckliche Morden bald ein Ende nehmen wird. Ich darf nicht leichtsinnig dem Augenblick leben. Ich muss mein Ziel verfolgen: Heraus aus der Masse, hinauf auf die Höhe menschlicher Bildung.

3. Juni 1917.

In der Feuerstellung nordwestl. Sailly redete Lt. Friedrichsen nach dem Abendbrot offen mit mir. Er habe Gätgens zum Offizier vorgeschlagen, weil der am meisten geleistet hätte und auch im Dienst älter sei als ich. Er hoffe, nach Gätgens auch mich befördern zu können. Aber ich müsse mich noch sehr anstrengen. Es käme ihm oft so vor, als sei ich von meinen militärischen Fähigkeiten zu sehr eingenommen. Wenn es sich einrichten lasse, wolle er mich Offizier-Dienste tun lassen, denn ich könne ebenso viel leisten wie der Durchschnitt der jungen Offiziere. Also warten, warten, warten!

4. Juni 1917.

Heute Nacht um halb eins kam Streufeuer in der Nähe der Batterie. Der erste Schuss lag 10 m hinter den Geschützen. Wir wichen nach rechts aus.—Nachher mähten die Leute Grünes, um es auf die Unterstände zu streuen.

Zwei Fortschritte gibt es: Ich habe einen Burschen im Hauptfach bekommen und darf die Befehle lesen, die vom Regiment kommen. Ich sitze vor dem Eingang zu unserem Unterstand. Links und rechts ist die Lehmwand, aber wenn ich nach oben sehe, erblicke ich den blauen Himmel, das grüne Gras und darin die gelben Blumen: Ein liebliches Bild. --Vorne krachen die Granaten--!

5. Juni 1917.

Gestern Abend führte ich zum ersten mal Gespräche mit Lt. Friedrichsen, die nicht steif und formell waren. Er fing an, sich freier und persönlicher mit mir zu unterhalten. Ich ging natürlich mit Freuden auf den Ton ein.

Um 6 Uhr morgens löste ich Hamann auf der Abteilungs-Beobachtungsstelle im Cronières-Wald ab. Ich beobachtete vor allem nach Roeux, das eine traurige Trümmerstätte darstellt.

Am Waldrand liegen zwei tote Infanteristen. Wie gerne würden ihre Lieben daheim sich um sie bemühen, sie beweinen und ihnen ein ehrenvolles Grab bereiten. Hier sind sie vergessen.

Auch mir war der Tod wieder Nahe. Der Feind beschoss die rechte Waldecke, und wir wollten zur linken ausweichen. Da trifft ein Schuss genau den Platz, wo wir hin wollten. Wir waren noch nicht ganz da, und zum Glück gingen die Sprengstücke in die Erde. Die Erdklumpen, die umherflogen, waren minder gefährlich. Wann wird bloß dieser schreckliche Krieg aufhören?

Lt. Glienicke schrieb mir wieder. Wörtlich: „Nun lassen Sie sich`s gut gehen, l.K., und machen Sie, dass Sie bald Offizier werden!“ Er war 6 Monate mein Kamerad und weiß genau, was ich leisten kann.

6. Juni 1917.

Im Bois de Cronières.

Am Abend, pünktlich um 9 Uhr 15, setzte aus allen Kanonen ein tolles Feuer ein, das bis in die Nacht hinein anhielt. Ich pennte in einem Granatloch. Um 6 Uhr 30 löste Offizier-Stellvertreter Peters mich ab. In Hamel wurde natürlich gleich ein Bad genommen.

7. Juni 1917.

Diesmal konnte ich meine Ruhe nicht genießen. Gestern kam Befehl, wir sollten heutnacht abgelöst werden und ein Offizier soll in der Stellung bleiben. Da war ich wieder dran. Als ich die Mulde sah, wo wir Stellung beziehen sollten, sagte ich zu Gätgens:Nun steckt man uns auch noch in dies Leichenfeld hinein!“ Alles ist umgepflügt, ein Trichter neben dem andern. Über uns hinweg rauschen die 30,5 cm Granaten. Hamel müssen wir verlassen, wir kommen nach Gouy ins Biwak.

10. Juni 1917.

Das war eine Umzieherei! Erst nach Gouy, und kaum waren wir da—gleich nach dem Mittagsessen—wurden wir nach Hamel zurückdirigiert. Dort war ein Teil unserer Quartiere von der Infanterie belegt. Doch wir fanden guten Ersatz.

Heute Morgen fanden Johannsen und ich das Kasino plötzlich in der großen verlassenen Ferme des Maire bei der Kirche. Die armen Einwohner haben alles hier zurück lassen müssen.

In einem kleinen Zimmer fand ich die Bilder der Familie. Der Vater—ein aufrechter, selbstbewusster Mann, der sich seines Wohlstandes bewusst ist. Die Mutter, aus deren Gesicht die Arbeit und Sorge sprach, die alles das gehegt und gepflegt hat, was jetzt verkommt. –Und zwischen beiden ein niedliches Mädchen von etwa 19 Jahren—sorglos und heiter, wie die Jugend ist. Der Krieg wird jetzt auch hier seinen Stempel auf das liebliche Gesicht gedrückt haben.

14. Juni 1917.

Lt. Friedrichsen besucht Hauptmann Waltfried auf „Gruppe Nord“, und ich reite mit. Schon stellte Hauptmann W. mir die Aufgabe, mit dem Artillerie-Verbindungs-offizier vorn Winkerverbindung aufzunehmen. Da aber die Telefonverbindung wieder bestand, blieb mir diese unliebsame Aufgabe erspart. Wir reiten zurück.

In Abständen von 5 Minuten schlagen Krach Granaten eben vor Tortequenne ein.

Der Chef will links ausweichen. Da sage ich: „Herr Leutnant, wenn wir schnell zureiten, kommen wir noch hindurch.“ Und richtig! Eben waren wir mitten in T., da dröhnte der Einschlag am Dorfeingang.

Eben kommt eine Trauernachricht: Schliefka ist tot, John Fuhrmann, Heinemann schwer, Lohse und Klatte leicht verwundet.

Beim Sperrfeuerschiessen hat ein Flieger die Batterie erkannt, und nun ist das Unglück da.

16. Juni 1917.

Gestern suchte ich unsere Verwundeten in den Lazaretten Fèrin, Cantin, Dechy, und Erchin. Ich fand sie nicht. Stattdessen fand ich Lehrer Kickert aus Tondern in Erchin, er war im „Bois du Vert“ verwundet worden.

Heute war mein erster Tag vorne. Eine Bullenhitze! Dabei musste ich mit Lt. Friedrichsen seinen schweren Sack in die Stellung schleppen.

Vizewachtmeister Martens (10/17) ist tot. Der kleine Hamann (5/17) liegt im Sterben.

18. Juni 1917.

Ich habe kaum jemals so anstrengende Tage vorn durchgemacht, wie gerade jetzt. Jede Nacht wache ich. Tagsüber herrscht eine Bruthitze. Wir müssen unheimlich viel schießen. Dabei stören uns am Tage die englischen Flieger, die auch nicht eine Minute verschwinden. Letzte Nacht wurde durch das Unternehmen „Morgenstunde“

die alte Linie von Monchy wieder erreicht. Wir schossen über 900 Schuss in 1½ Stunden. Zuletzt fielen 2 Geschütze aus. Mit Brisanzgeschossen schoss der Engländer

in unsere Batterie. Einer lag 5 Schritte hinter dem 3. Geschütz. Gottseidank ist alles gut gegangen! Dabei war auch die Kolonne gerade da mit Munition.

Wir wollen jetzt die Kanonen etwas weiter nach links nehmen, um aus der Gefahrzone rauszukommen. Heute Morgen wurde unsere Batterie mindestens eine Stunde lang andauernd beschossen. Das Artilleriefeuer hält den ganzen Tag über an-es ist zermürbend.

19. Juni 1917.

Da habe ich einen lieblichen Auftrag bekommen! Ich soll auf Befehl der Division in unserm Gruppenabschnitt die vorderste Linie feststellen.

Schon bald, nachts um 2 Uhr 30 geht`s los. Es ist keine leichte Aufgabe. Ist`s ruhig geht`s, aber bei heftigem Feuer wird es schwer werden. Also, vorwärts mit Gott! In seiner Hand liegt mein Schicksal.

20. Juni 1917.

Mein Begleiter, der um 2 Uhr 30 bei „Rotpunkt 08“ sein sollte, kommt nicht. Ich gehe allein durch den Trümmerhaufen Boiry zum Bataillonsstab in der Kiesgrube. Nach Rücksprache mit dem Kampftruppen-Kommandeur erklärt der mir: nach vorne zu gehen hat gar keine Zweck. Der Morgennebel verdecke alles. Ich könne mich höchstens in irgendeinen Granattrichter pflanzen und da bis zum Abend warten, ohne jede Orientierungsmöglichkeit. Lt. Selige sagte mir auch, ich solle nur wieder nach Hause gehen. Unvernünftiger weise ging ich noch nach Vis, denn als ich von dort zurückkam, waren meine Füße dermaßen kaputt, dass ich kaum noch vorwärts kommen konnte. Nachher erstattete ich dann Bericht auf der „Gruppe Nord“ die mit allem einverstanden war.

Nun sollte Gätgens es am nächsten Morgen es versuchen. „Wenn K. es nicht schaffte, so macht Gätgens es,“ sagte der Hauptmann Heidecke zu Oberleutnant Gossler.

Die Leute haben eine große Meinung von mir, und ich habe doch gar nicht so viel Mut.

Lt . Friedrichsen ist eben auf Urlaub gefahren. Die ganze Batterie atmet auf.

21. Juni 1917.

Leutnant Kleppe sprach eben wieder von meiner Beförderung, ach ja! Ich passe nicht in diese Welt, ich verstehe nicht die Sachen zu „schieben“. Ich tue meine Pflicht, aber der Lohn bleib aus. Doch wenn es mal etwas Schwieriges zu vollbringen gibt, wie neulich, da muss ich ran. Das kann ja dann kein anderer. Warum können da nicht die jungen Leutnants ihre Fähigkeit nachweisen? Wenn ich über diese Frage nachdenke, möchte ich verzweifeln, zumal ja auch ein Ende dieses Schlachten nicht abzusehen ist. Wenn einer friedlich gesinnt ist, dann bin ich es. Ich habe wenig, was mich zum „Krieger“ befähigt. Herrgott, mach` dem Jammer ein Ende! Die Völker wälzen sich im Blut und schreien nach Erlösung.

22. Juni 1917.

Gestern Abend war gemütliches Zusammensein bei der 4. Batterie. Nachdem Lt. Selige und Dierks gegangen waren, blieben noch Kleppe, Bußmann, Goldbek, Martens, Trumpf, Dobriner und ich zusammen. Erst um halb vier trennten wir uns.

Morgen gehe ich mit Bußmann in die in die Batterie. Ich hätte lieber die Beobachtung besetzt.

24. Juni 1917.

Es kam noch anders. Hauptmann Heidecke sagte mir, ich müsse Lt. Reichel als „A.V.O.“ ablösen. Dieses geschah um 7 Uhr abends ohne Zwischenfall. Kriegeris war „A.V.O.“ bei 163.

Die Sicht war gestern sehr klar; ich sah von der Kiesgrube aus so manche Stätte, die ich von der ersten Arrasschlacht her kannte. Der braune Hügel, mit dem „Bois du Vert“, zeigt jetzt nur einige zerfetzte Baumstümpfe und ist ein Bild des Jammers.

Aber es war ruhig. Auch als ich mit Christian Jebsen vom Bois du Vert aus schoss.

Nun liege ich faul in der Sonne. Der Batal. Adjutant, ein Lt. Morgenroth, ist freundlich.- An Bruder Hans muss ich immer denken, wenn ich Dury sehe mit der hochgelegenen Windmühle.

25. Juni 1917.

Heute in aller Frühe sollten die 76 er eine vorspringende Sappe besetzen. Ich machte gestern spät darüber Meldung und Skizze an die Gruppe.

Das vielseitige Leben in der Kiesgrube ist interessant. Tagsüber pflegt fast alles der Ruhe vom Btl. Kdr. Bis zum Musketier. Wenn Flieger kommen verhält sich alles mäuschenstill. Hat doch erst vor 3 Tagen ein Flieger hier Bomben geschmissen, und eben hinter der Grube liegt in seiner jetzt zur Ohnmacht verurteilten Majestät, ein 38 er Geschoss.

Leider höre ich, dass die Protzen Hamel verlassen haben. Wann bekommen wir mal endlich wieder ein anständiges Ruhequartier wie Sallauminès, Carnin und Cambrai.

In der verflossenen Nacht störte Tommy die Bewohner der Kiesgrube zweimal in ihrer Ruhe durch Schrapnellfeuer. Die Nächte hier auf dem nackten Kalk waren nicht rosig. Glücklicherweise kommt nun die letzte Nacht, denn morgen früh werde ich durch Lt. Goldbek abgelöst.

28. Juni 1917.

Morgens war ich noch einmal mit Lt. Goldbek im „Boisdu Vert“, um das Übergreifen der 4. Und 10. Batterie zu prüfen. Wir wurden wahrscheinlich gesehen und bekamen Feuer. Nach Gouy gelangte ich „per pedes Apostolorum“.

Nachm. Reite ich mit Johannsen nach Douai und besorge Eintrittskarten für`s Theater. – Ich sah viele bekannte Gesichter vom Theater Cambrai.

Heute habe ich bis 11 geschlafen. Um 3 reite ich wieder nach Douai.

30. Juni 1917.

Keiner weiß, wie es in mir kocht und wühlt, weil ich äußerlich immer guter Dinge bin und auf die Frage –wie es mir geht-, immer antworte: „Sehr gut!“ Vier Söhne meines Vaters sind Soldaten. Deshalb war ich ja damals auf dem Kursus. Ich war ohne Zutrauen zu mir selbst, ohne Zuversicht auf Erfolg. Wäre ich der einzige Sohn gewesen, hätte ich wohl bestanden.

Das muss ich doch aufschreiben, dass ich heute in Douai „Die spanische Fliege“ sah.

Ein urkomisches Stück. Wir haben andauernd gelacht.

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