Kardels Tagebuch: 1914-1918

Einträge von Mai 1917

Harboe Kardel
Frankreich
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Kardels Tochter Elsbeth Kardel Knutz hat unserer Zeitung die eigenhändig abgetippten Tagebücher zur Verfügung gestellt, sodass Der Nordschleswiger bis zum Ende der Aufzeichnungen bis 2018 Kardels Tagebucheintragungen abdrucken kann. Die Einträge sind immer am 1. eines Monats 100 Jahre später abrufbar.

3. Mai 1917.

Am 1. Mai morgens bekam ich den Befehl, Gätgens um 2 Uhr in der Feuerstellung abzulösen. Mit Wachtmeister Wenzel fuhr ich raus. Der Feind schoss nach dem Orival-Wald. Den umgingen wir.—Am nächsten Morgen kam Lt. Huster. Ich freue mich, mit ihm zusammen in der Feuerstellung zu sein. Lt. Friedrichsen lässt mich den ganzen Tag nicht zur Ruhe kommen.

Am 2.5. morgens schoss ich Feuervereinigung Ribècourt ein. Am Nachmittag zimmerten wir uns eine Bank neben unserm Stolleneingang, auf der wir den Mai-sonnenschein genießen wollen.

Heute Morgen um halb sechs musste ich mich auf den Weg machen um „Sperrfeuer rechts“ zu prüfen, das zwischen Kanal und Eisenbahn Havrincourt-Hermes liegt.

Der Feind hielt Gräben und Havreincourt unter starkem Feuer. Ein Zunder flog unmittelbar hinter Nussbaum, meinen Begleiter, und mir in die Erde. Im Abschnitt

Der 76er fand ich eine Stelle, von der ich, hinter einem Misthaufen liegend, das Gelände fein sehen konnte. Aber gerade um 7, als das 2. Geschütz abfeuern sollte, schoss Tommy dauernd nach meinem Standort. Bis halb acht schoss er noch unentwegt dauernd in unserer Nähe. Dann hörte es plötzlich auf, und wir kamen ohne Zwischenfall in die Feuerstellung zurück.

4. Mai 1917.

Heute Morgen kam Befehl von Lt. Friedrichsen, dass ich die Beobachtung besetzen sollte. Doch musste ich heute Nachmittag noch das neue Sperrfeuer „rechts“ vor den Vorposten einschießen. Glänzend sah ich Kanal und Kalkhalde vor mir liegen, und das Einschießen gelang. Es war eine Bullenhitze. Diesmal ging ich hindurch Havreincourt.

5. Mai 1917.

Seit gestern Abend bin ich auf der Beobachtungsstelle. Heute Morgen überbringt mir Dobriner den Befehl, Sperrfeuer links vor den Vorposten einzuschießen, und ich fange an, ohne es Lt. Friedrichsen zu melden. Als Dobriner in die Batterie kommt, sagt Lt. Friedrichsen, der in der Batterie ist- zu ihm- es sei eine Disziplinlosigkeit sondergleichen dieses selbständige Schiessen, - und -, wie Kruse mir nachher erzählte, sagte er zu Lt. Huster: „Die Herren Vizewachtmeister will ich mir noch mal ganz gehörig kaufen!“ – So werden wir behandelt, unter aller Kanone!

6. Mai 1917.

Vergangene Nacht war bei der linken Nachbardivision ein heftiger Angriff, den ich eine Zeitlang verfolgte.

Wiesler und 20 andre sind Leutnants geworden!

Nach den warmen Tagen ist es kühl geworden. Um 4 wurde ich so müde, dass ich mich bis halb 7 schlafen legte. Dann schoss ich auf Engländertrupps, die ich bei der klaren Sicht in der Nähe von Beaucamp sah.- - Als ich um viertel vor 9 in den Stollen hinunterkam, hatte Kruse schon Feuer angemacht, und wir verzehrten unser Abendbrot. Morgen früh werde ich wohl abgelöst. Ich freue mich auf Cambrai.

7. Mai 1917.

Es kommt der Befehl: Wachtmeister Kardel wird noch nicht abgelöst. Nachher kam Lt. Friedrichsen auf die Beobachtungsstelle. Er erzählt: Lt. Frenzel und Lt. Engelbrecht sind zur 6. Batterie gekommen, außerdem ein Vizewachtmeister Johannsen. Wiesler ist zur 5. Batterie versetzt.—Vielleicht nehme ich mir meinen Misserfolg zu sehr zu Herzen, aber ich kann gegen die gedrückte Stimmung nicht an. Ich sehe gar keinen Weg, wie ich mein Schicksal wenden soll.

8. Mai 1917.

„Jetzt hast du ausgedient, mein Tagebuch und sollst einem neuen Platz machen. Du weißt von traurigen und fröhlichen Ereignissen zu berichten. Leider konntest du nicht das letzte „Kriegstagebuch“ sein. Der Weltkrieg ist noch nicht zu Ende.

Meinen lieben Vater habe ich verloren. Mein Ziel als Soldat, -Offizier zu werden-, habe ich noch nicht erreicht. Möchte es mir bald gelingen.

Aber wie oft hat nicht der gnädige Gott über mir Flügel gebreitet! Ihm befehle ich mich auch für alle Zukunft. Er wird`s wohl machen.“

Ich schreibe diese Zeilen in Cambrai. In der Rue St.Sadre, die der 6. Jetzt wieder als Quartier dient. Viele Einwohner erkannten mich wieder und begrüßten mich herzlich,

besonders Mr. Deltour und seine Familie, wo wir diesmal unser Kasino haben.

9. Mai 1917.

Ich sitze im Garten unseres Kasinos im Cambrai. Hier merke ich nichts vom Krieg. Hier herrscht Friede.

Im Theater wurde „Johannisfeuer“ von Sudermann gegeben. Es verfehlte nicht seine Wirkung. Doch habe ich die Erfahrung gemacht, dass man im Kriege lieber lustige Sachen sehen soll.

Nachher ging ich noch mit einigen Offizieren nach dem Offiziers-Speisehaus, wo wir bei einigen Flaschen Wein vergnügt waren: Hauptmann Hattenhauer, Leutnant Huster, Leutnant Selige, Leutnant Kleppe, Leutnant Goldbek-Löwe und ich.

12. Mai 1917.

Nun sitze ich schon wieder in dem kalten, dumpfigen Unterstand auf der Beobachtungsstelle. Es ist ein Jammer, dass man so seine Tage hinbringen muss. Wann wird dies Elend endlich ein Ende haben?

Vorgestern war ich Wagenbegleiter, holte Schienen vom Pionier-Park Ribècourt. Um Die Morgenluft hebt meine Stimmung ein wenig. Bei Arras bullert es in einem fort. Die Höhe, auf welcher Tommy sitzt, ist noch in Dunst gehüllt. Eben kommt die Siegfried-Stellung heraus.

13. Mai 1917.

Ein Gerücht, das sich seit langem hartnäckig erhält, bewahrheitet sich: Wir kommen fort! Schade! Hier wären wir gern geblieben. Wohin? Hoffentlich nicht wieder nach Arras.

Seit gestern habe ich immer ein Geschütz auf die Höhe 130 Südwestl. Beaucamp eingestellt. Und sobald sich dort ein Trupp Engländer zeigt, wird er mit Erfolg beschossen.

15. Mai 1917.

Um 5 Uhr baute ich auf der Beobachtungsstelle ab.

Heute um 7 Uhr Abmarsch von Cambrai nach Fenain zwischen Douai und Valenciennes. Uns allen wurde der Abschied von der Rue St. Sadre schwer. Ich war Führer des II. Zuges. Kurz vor Somain ritt der Regimentsstab an uns vorbei mit meinem Mitschüler Christian Jebsen. Ich verliere dir Hoffnung, weiterzukommen.

Hier in F. fühlten wir uns auch schon sehr wohl, da kommt heute Abend die Nachricht, dass wir morgen die Wotan-Stellung besetzen sollen.

Hans Gätgens ist mein guter Kamerad, mit dem ich Freud` und Leid teile, und dem ich mein Herz ausschütten kann, so einen muss ich haben.

Übrigens Mr. und Madame Deltour sagen mir, ich dürfe gern wiederkommen , aber in Civil!

Mutter schickt mir 2 Sonntagsblätter. Von Tondern fehlen die Anzeigen christlicher Vorträge. Ich merke es auch hier: Mein lieber Vater ist tot. Ich denke viel zu wenig an ihn. Ich muss ihm mehr nachfolgen, er war ein ganzer Mann, ein treuer Christ, ein guter Vater.

16. Mai 1917.

Leider mussten wir heute Fenain wieder verlassen. Das Bett in meinem Stübchen im „Cafè du Commerce“ war ausgezeichnet. In der kurzen Zeit hatten sich zwischen unsern Leuten und französischen Frauen schon viele zarte Verhältnisse gebildet.

Um 2 Uhr rückten wir ab. Es regnete. Über Aniche – Auberchicourt – Pugnicourt – Arleux erreichten wir Hamel. Wir hatten schon mit Biwak gerechnet, aber Pferde und Leute sind unter Dach. Noch rieselt der Regen unaufhörlich.

17. Mai 1917.

In der Nacht- etwas nach 4- fragt die Ordonnanz Beyer, ob wir schon wüssten, dass um viertel vor 6 die ganze Batterie angespannt haben solle? Wir hatten nicht erwartet, das sich die Dinge so schnell entwickeln würden und schimpften reichlich. Bei Tortequenne empfing Hauptmann Waltfried die Abteilung. Den einzelnen Batterien wurden die auszubauenden Stellungen übergeben. Unsere liegt links der Straße Noyelles – Vitry.

Heute führte ich die Leute zur Kirche. Als ich nach dem Gottesdienst herauskomme, steht Leutnant Friedrichsen vor der Tür und sagt zu mir: „ Lassen Sie alles antreten und gleich abtreten.“ Als die ersten herauskommen, rufe ich: „Antreten! Dort der rechte Flügel, front zur Mauer! Stillgestanden! Richt Euch.“ Da sagt Lt. Fr.: „ Lassen Sie gleich abtreten!“ Ich kommandiere: „Augen gerade aus! Tretet weg.!“

Danach ruft Lt. Friedrichsen mich an: „ Was war das für ein Antreten! Sie hätten sich hinstellen müssen und rufen: „ Batterie formieren“.

Vor dem Wegtreten hätten Sie „Batterie kehrt!“ kommandieren müssen.“—

Er ging ein kleines Stück fort, darauf kehrte er noch einmal zurück und sagte: “ Sie beschweren sich immer, auch bei den anderen Herren, dass Sie noch kein Offizier sind. Das ist lediglich eine Sache Ihrer Vorgesetzten, und Sie müssen sich noch ganz gehörig ändern, bis Sie das Ziel erreichen. Bis jetzt ist das noch gar nichts mit Ihnen.“

Damit ist das Ziel, dem ich zustrebe, wieder in weite Ferne gerückt.

Lt. Friedrichsen ist der erste, der mir mein dienstliches Verhalten vorhält. Er hat den Anlass gesucht, mich niederzuboxen und ihn gefunden.

Andere, die gar nicht wissen, weshalb sie eigentlich Offizier geworden sind, erreichen spielend das Ziel. Mir, der ich hart darum ringen muss, legt man fortwährend Hindernisse in den Weg. Ich möchte fort von der 6. Batterie. Mit diesem Chef werde ich niemals fertig.

19. Mai 1917.

Gestern sah ich mir Bruder Hans`s Brief vom 6. Mai genauer an. Am Kopf stand: Romaucourt, den---- Ich kriege Gätgens Karte her: Da liegt Romaucourt, Luftlinie 5 km von hier—über Lècluse leicht zu erreichen. Eine telefonische Anfrage bei der Ortskommandantur gab mir die Gewissheit, dass die Sanitätskompagnie 531 noch in R. lag.

Ich ritt sofort hinüber. Hans war gerade im Kasino, kam aber sofort. Wie freute ich mich ihn wiederzusehen und mit ihm von unseren Lieben zu sprechen, die natürlich auch einen Gruß bekamen. Hans hatte dann eine Beerdigung. Nachher spazierten wir an den See bei Ecourt. Um halb sieben ritt ich wieder fort.

Als ich in Hamel ankam, war Lt. Frenzel eingetroffen.

Heute hatte ich die Aufsicht beim Stellungsbau. Mein Pferd weidete draußen. Ich sah

Sailly, Hamblain, Boiry, Bois du Vert, Monchy und viele andere bekannte Orte.- Der Feind schoss weit ins Hintergelände.

20. Mai 1917.

Bruder Hans kam so gegen 3. Als ich gerade die Straße raufging, kam er um die Ecke geritten. Er trank mit uns Kaffee. Nachher auf einem Spaziergang sprachen wir darüber: Sie genügen uns alle nicht, es sind keine Persönlichkeiten die uns imponieren können. Und: Könnten wir uns unsern Umgang doch erst wieder selbst wählen!—Nun ist er wieder fortgeritten, ich habe ihn ein Stück nach Lècluse begleitet.

24. Mai 1917.

Ich sah Hans gestern- wohl zum letzten mal, denn die Verluste seiner Division bei dem Angriff vor ein paar Tagen sollen sehr schwer gewesen sein.- - Im Kasino tranken wir ein großes Glas Kaffee, lernte dabei den Chefarzt kennen. Nachher spazierten wir ein Stück nach Saudemont raus und sahen die Windmühle hinter Dury, wo ein deutscher Flieger abgeschossen wurde und von den umstehenden nachher 6 getötet wurden.- Bis kurz hinter Ecourt begleitete mich der gute Hans mit seinem Pferd „Anton“. Dort verabschiedeten wir uns.

Abends feierte Lt. Friedrichsen seinen Geburtstag. Es war gar nicht gemütlich. Um 12 Uhr gingen wir schon Schlafen.

Heute führe ich draußen die Aufsicht. Das Wetter ist schön. Hauptmann Waltfried war mit Lt. Huster hier. Er ist mit allem sehr zufrieden.

Gestern Abend hörten wir schon, dass wir eine Stellung einnehmen sollen, aus der wir Sperrfeuer vor Pelves legen können. Wir entschieden uns heute für eine Stellung nahe bei Sailly. Gätgens ist schon eben mit einigen Kanonieren rausgegangen um die Vorarbeiten zu machen.

Übrigens gestern erhielt Gätgens einen Fragebogen zum Ausfüllen. Also für ihn hat Lt. Friedrichsen gesprochen, für mich nicht. Deshalb auch der Anschiss vor einigen Tagen. Nun ist mir alles klar.

25. Mai 1917.

Lt. Friedrichsen ist ein rücksichtsloser Mensch. In der letzten Nacht habe ich nur 3 Stunden geschlafen, und diese Nacht lässt er mich wieder wachen. Er hat natürlich zu Mittag geschlafen. Eben schimpfte er hier wieder herum. Er hatte ganz die Gewalt über sich selbst verloren. Es ist zum Verzweifeln, der Mensch macht mich noch verrückt.

29. Mai 1917.

Kaum hatte ich mich gestern Morgen in dem Offiziers-Unterstand hingelegt, da nahm Lt. Friedrichsen mich mit nach Hamblain. Er wollte eine Beobachtungsstelle suchen.

Am Mittag, als ich die Küche herankommen ließ, da kein feindlicher Zu sehen, und es sehr diesig war, rief Friedrichsen vor Zorn bebend: „Haben Sie Worte für so etwas? Ich bestrafe Sie Herr Vizewachtmeister!“ Dann sprang er wieder in den Unterstand. Ich fuhr mit dem Küchenwagen nach Hamel.

Pfingstsonntag kam mit dem schönsten Pfingstwetter. Und doch wurde ich nicht froh. Das werde ich erst, wenn ich in der Heimat Pfingsten feiern kann. Um 6 war Gottesdienst. Der Abend war verfehlt. Wir tranken jeder eine Flasche Wein. Das war alles. Dabei fiel der Musikapparat herunter.- - Martens kam zu spät in die Stellung und wurde lausig angeschissen.

Am nächsten Abend spielten wir im Garten Skat, wobei Dobriner unverschämt gewann. Ich muss sparsam leben. Wenn erst Friede wird, brauche ich jeden Pfennig.

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