Kardels Tagebuch: 1914-1918

Einträge von Mai 1918

Harboe Kardel
Frankreich
Zuletzt aktualisiert um:
Foto: DN

Kardels Tochter Elsbeth Kardel Knutz hat unserer Zeitung die eigenhändig abgetippten Tagebücher zur Verfügung gestellt, sodass Der Nordschleswiger bis zum Ende der Aufzeichnungen bis 2018 Kardels Tagebucheintragungen abdrucken kann. Die Einträge sind immer am 1. eines Monats 100 Jahre später abrufbar.

1. Mai 1918.

Endlich am 27.4. mittags 2 Uhr kam der Befehl zur Ablösung.Schusterritt gleich zurück.

Ich folgte um 8 Uhr mit dem Geschützen. Am nächsten Tag um 6.30 Abmarsch aus

Unserm schönen Ruhequartier Halluin. Es war doch nett bei Jeanne.

Um 8.15 Ankunft in Ledeghem. Ein Teil der Fahrzeuge wurden hier verladen, mit den übrigen zog ich nach Lendelede. Ein Platzregen durchnässte uns. Am nächsten Tag erreichten wirMeulebeke .

Eine Fliegerabteilung nahm gerade Abschied von diesem Ort. Ihnen sah auch ein wunderbar schönes Mädchen nach, das Schuster und mir gleich auffiel.

Wir hatten uns vorgenommen Meulebekeauf den Kopf zu stellen. Zu dem Zweck genehmigten wir uns gleich nach Tisch in KurzinskisQuartier bei dem Herrlichen Klavier, und eine Flasche Burgunder. Leider war in der Stadt nur ein Zigarettenladen,

Die Wirtschaft war aufgehoben. Wir kauften also jeder eine Schachtel Zigaretten und unterhielten uns dafür mit dem allerliebsten Mädel, dass wir schon an Morgen bewundert hatten.

Leider konnten wir den Abend dort nicht verleben, Nach kurzem Aufenthalt in de „Zwaan“ und de „Olifant“ feierten wir noch mit Stern und Gätgens, dessen Geburtstag am 30.4. bei dickem Burgunder bis 2 Uhr.

Am 30.4. ging`s nach Rysselede.Und heute nach Cleit. Nun müssen wir hier wieder raus und sollen nach Raverschoot.

Die Einwohner sind sehr deutschfreundlich. Marthe, Schusters filia erklärte uns:“ Die Deutschen können alles, sie sind doch feine Kerle.“

Allgemeine Betrübnis erweckt unser Aufbruch.

3. Mai 1918.

Nun, unsere Quartiere in Eecloo-Nieuwendorpsind doch garnicht so schlecht. Die Leute haben zum größten Teil einzel Quartiere.

Unser Kasino liegt in einer herrschaftlichen Villa mit Klavier. Kuchen f.f. gibt`s bei der „schönen Alma“. Und dabei herrscht herrliches Maiwetter.

Eben habe ich wieder mit Lt. Karpinskiin Eecloo Kaffee getrunken—es ist ja herrlich, aber wenn man das jeden Tag macht, dann leidet die Kasse zu sehr.

Nun bin ich zu Hauptmann v.Kalksteingeritten. Er ist einstweilen noch nicht da, und ich erwarte ihn, indem ich am Kanal bei Balgerhoekspaziere. Hier kann man sich wirklich wohl fühlen. Den Kanonendonner hört man kaum.

Bruder Andreas ist zur 4. Batterie versetzt. Auch da wird er sich ein leben.

Es ist so warm, dass ich diese Zeilen im Freien sitzend schreiben kann. Man fühlt wieder, wie schön Friede sein kann- himmlisch.

4. Mai 1918.

Nun bin ich so recht wieder drin im Rausch, im Genießen und komme nicht zum Nachdenken. Tags nach Gent, um den verwundeten Lt. Friedrichsen zu besuchen.

Abends folgten wir den 5 Mädels ins Kino.

6. Mai 1918.

Wir hatten gestern –Sonntag-- viel Zerstreuung. Bei Zylma wurde zum Grammofon getanzt. Auf dem Markt spielte die 163 er Kapelle. Gätgensund Trumpf besuchten uns.- Bei Alma gab`s Kaffee. Wir sangen„Heut ist Heut“.Abends wurde bei Emmi und Lisbeth bis 12.30 getanzt.

Heute begann der Dienst.

10. Mai 1918.

O wonnevolle Jugendzeit, voll Freude ohne Ende, mit Minnefahrten weit und breit, wo sich die schönste fände“. So wickeln sich hier die schönen Ruhetage ab.

Mit HauptmannWaltfriedund Lt. Selige waren wir bei Alma. So jung und lustig habe ich unsern Hauptmann selten gesehen. Und Alma verstand es schön mit ihm zu tändeln.

Am 7. Mai war Hauptmann WaltfriedsGeburtstag. Am Vormittag gratulierten Schuster und ich, und abends feierten 25 Offiziere des Regiments in Kiesselaere. Hauptmann Hattenhauer nahm Abschied.

Am 8. Mai besuchte uns Hauptmann Waltfried, der Stellungen an der holländischen Grenze erkundete.

Himmelfahrt:Kirchgang. Besuch von Pape, Selige,Gätgensund Stern, alles alte 6er.

12. Mai 1918.

Sonntag Nachmittag. Kaffeetrinken im Hilfsdienst-Kaffee. Bei Anni waren 3 Cousinen angelangt. Wir hatten viel pläsier mit ihnen. Es war herrlich, jeder von uns 4 hatte ein Mädel.

Aber unsere Wege trennten sich. Schusterging zu Clementine, Karpinski zu Anni, Dobriner nach Hause. Ich sprach noch mit Mariechen und Rachel. Dann revidierte ich die Wache und ging schlafen.

15. Mai 1918.

Kegelabend mit den Unteroffizieren! Auch da fand sich ein freundliches Mädchen: Susanne. Um 1 Uhr war ich zu Hause und bestellte dann noch die Meldereiter für die Übung, der Karpinskiund ich beiwohnen sollten.

Gestern Besuch von Lt. Rudophund Veterinär Dr. Gerlach. Es war nett.

Vormittags Dienst von 8-11. Nachmittags: Singen von 3-4. Die Kanoniere müssen mehr Lieder lernen. Dann Baden. Bei Temermanntreffe ich Clementine. Verlebte mit ihr ein gemütliches Kaffeestündchen. Der Abend war herrlich, so duftig und warm.

Bei Temermannstand Clementine wieder vor der Tür. Wir gingen nicht vorbei, sahen uns das Kegeln der Leute an.

17. Mai 1918.

Am 16. Mai abends: Großes Batteriefest in der Kaistraat. Es verlief sehr nett, vor allem wurde zu rechten Zeit Schluss gemacht. Schön spielte die Musik „In Hamburg, da bin ich gewesen“. Wir sangen Schnaderhüpfeln: „Wenn wir uns hier lustig imTanze tun drehn“, das sollte einmal Lt. Friedrichsen sehen!

Heute große Übung bei Ronsele . Furchtbare Hetze.- Oberst Sick, Oberst v. Werder, General v. Mutius, sie alle waren mit uns zufrieden.

19. Mai 1918. Pfingstsonntag.

Festgottesdienst in der Kirche mit dem Regiment 163. Schöne Predigt von Div.Pfarrers.

Der Regimentsbefehl sagte mir, dass Hauptmann Waltfried,Haupt. Heidecke, Oberlt. Kolster und Lt. Friedrichsendas Ritterkreuz des Hohenzollerschen Hausorden erhalten haben. Selige, Bruse und Gätgens das EK I.

Ich bin vom 20.-25.Mai zu einem Antennen-KursusnachGent kommandiert.

Also erstmal: A`de Eecloo.

20. Mai 1918.

Pourquoi est-ce que vous,vous en allez et pas un autre?“fragte mich gestern Abend

Marie Louise de Greve. Ich schenkte ihr mein Bild.

Ich habe heute in Gent das Bedürfnis, mich einmal wieder in aller Stille zu sammeln und auszuruhen. Gent genießen kann ich nicht. Dazu fehlt mir das Geld und der gute Kamerad, der mich begleitet. So lasse ich hier das Leben an mir vorüberziehen und bleibe ein ruhiger Zuschauer.

Ich sah S.M. den König von Bayern.

Unser Dienst dauert von 8.30 bis 1.30. Schwierigkeiten macht die Verpflegung. Man kann alles kriegen aber es ist sehr teuer. Am besten ist`s doch bei unserm Koch Hermann Behnke. Wenn ich auch in diesem Monat nichts erspare, will ich doch auskommen.

22. Mai 1918. Pfingstmontag.

Gestern richtete ich Schusters Gruß an Berthe aus. Wohl jeder Offizier, der in Flandern kämpft, kennt Malwine und vor allem ihr blühendes Töchterlein, das „Bertchen“. Sie ist auch die jugendschöne Unschuld in Person. Ihre Verehrer sind ungezählt, siehe Stammbuch und Zigarrenkasten mit Photographieen. Sie spielt glänzend Klavier. Ich spielte mir ihr: „Tresor o mio“.

Nun will ich Lt. Frenzel in Oostacker besuchen.

23. Mai 1918.

Lt. Frenzel ist bei der Staffel 16, des „Begohl“, das Englandflüge ausführt. Sein Staffelführer war Oberleutnant v. Seydlitz-Kurzbach. Sie wohnten sehr hübsch in einem Schlösschen bei Oostacker.

Zufrieden und gemächlich kehrte ich zum Abendessen am Kornmarkt ein. Ich sass allein. Als ich gehen wollte, rief mich der Tisch der Kameraden an, alles lud mich ein, ich solle mich zu ihnen setzen. Alle waren lustig und tranken F. Wein. Nachher

waren Roggenbau, Dierksund ich noch im „Kristallpalast“, wo uns gleich halbnackte Mädchen entgegen hüpften. Aber der Betrieb widerte uns an. Dieser Abend hat nun meine Finanzen vollständig ruiniert.

Nach dem Kaffeetrinken heute Morgen hatte ich nichts mehr, und mussteGoslar Carstens anpumpen. Aber ich kann mich auch nicht von meinen Kameraden isolieren.

Wäre ich doch erst wieder in Eecloo.

Der Geldmangel macht mich ganz solide. Ich zähle jeden Pfennig. In der Offz. Messe traf ich Lt. Förster, Führer der II M.G. K/-163-. Er ist für 4 Wochen nach Spandau kommandiert. Wann sehe ich Deutschland wieder? Nun wird gelesen und gepafft.

24. Mai 1918.

Gestern Abend langte ich wieder in Eeclooan, herzlich empfangen von den Kameraden. Selige war bei uns und nach dem Abendbrot machten wir wieder Betrieb. Tanz in Kaaistraße 6.

29. Mai 1918.

Gestern Sport-und Batteriefest unter Teilnahme von Hauptmann Waltfried. Wieder mal gemütlich.

Betrübend war für mich nur die Laschheit im Dienst bei Unteroffizieren und Mannschaften heute morgen.

Heute ist SchustersGeburtstag. Er kann aber noch nicht gefeiert werden, weil das Geburtstagskind noch in Lotteren ist.

Mehr lesen