Kardels Tagebuch: 1914-1918

Einträge von November 1917

Harboe Kardel
Frankreich
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Kardels Tochter Elsbeth Kardel Knutz hat unserer Zeitung die eigenhändig abgetippten Tagebücher zur Verfügung gestellt, sodass Der Nordschleswiger bis zum Ende der Aufzeichnungen bis 2018 Kardels Tagebucheintragungen abdrucken kann. Die Einträge sind immer am 1. eines Monats 100 Jahre später abrufbar.

1. November 1917.

Eben war ich bei Probst Steffen. Er war sehr liebenswürdig. Ich wurde zuerst ins Familienzimmer geführt, traf dort aber nur eine fremde Dame. Vor der Tür stand ein Damenrad—Also war die Tochter Emmy doch zu Hause! Ich muss mehr Selbstvertrauen haben, ich bin zu schüchtern.

6. November 1917.

Am Donnerstag werde ich aus dem Lazarett entlassen. Das kam schnell. Mir ist es sehr recht, wenn ich auch fühle, dass ich noch nicht ganz gesund bin. Nur meiner Mutter zuliebe wäre ich gern noch einige Zeit geblieben. Von Itzehoe aus hoffe ich dann Urlaub zu bekommen.

11. November 1917.

Am Mittwochnachmittag ging ich mit Bruder Willi nach Korntwedt.—Es war mein erster größerer Spaziergang. Nach meiner Rückkehr schmerzten mir alle Glieder, ich hatte Fieber und Halsschmerzen. Nun konnte ich nicht reisen. Gestern konnte ich zum ersten mal wieder auf sein. Das schöne Sonntagswetter kann ich leider nicht gebührend genießen. Ich will nach draußen. Das Leben ruft mich.

14. November 1917.

Was bin ich für ein kläglicher Mensch! ---Heute Morgen traf ich Emmy Steffen in der Richtenstrasse ganz allein—und ich hab` sie nicht angeredet, ich Schafskopf.

16. November 1917.

Eine ruhelose Stimmung hat mich gepackt. Es treibt mich hinaus aus der Stille des Hauses, aber ich komme unbefriedigt zurück. Es ist die Sehnsucht nach dem geliebten Mädchen. Ich zuckte zusammen, als ich ihr auf der Straße begegnete. Geschäftig eilte sie vorüber, so dass ich alter Tagedieb nicht dazu kam, sie Anzureden.

Wie soll das enden? Ich liebe mal wieder nur platonisch, denn in Wirklichkeit kann sie niemals die Meine werden. Hier fehlt mir ganz und gar der Anschluss. Keinen bekannten habe ich hier. Der ganze Geist hier ist entweder auf verbotene sinnliche Ausschweifungen oder philisterhaftes Spießbürgertum zugeschnitten. Es ist ein Jammer. Wie werde ich um meine Jugend betrogen!

30. November 1917.

Am Dienstag, den 20. November, mittags 12 Uhr, verließ ich Tondern.

Lange winkten Willi und Mutter mir auf dem Bahnhof nach.

Bis Husum erfreute mich die Gesellschaft der blauäugigen Kindergärtnerin unseres Landrats.

Frl. Wieding holte mich ab. In der Süderstrasse (Husum) traf ich Jim Koldewey und seinen Bruder. Bei Westedts gab`s Kaffee und eine Einladung zum nächsten Tag zum Mittagessen.

Der alte Itje (Knüppel) trug noch denselben Rock wie 1912. An dem ist die Zeit spurlos vorübergegangen. Auf dem Bummel treffe ich Lala, die niedlich aussieht weil sie viel schlanker geworden ist. Wir tranken zusammen ein Glas Portwein bei Baland. In altgewohnter Weise bring `ich sie nach Hause.—Abends war ich bei Pastor Rienau. Gern wohnte ich am Bußtag wieder den Gottesdienst bei.

Später traf ich Julius Thordsen und besuchte bei Frau Riewerts, Prof. Möller und Anneliese Storm.

Viele Husumer haben sich an unserm fröhlichen Treiben mitgefreut und erinnern sich noch gern mit uns dieser schönen Zeiten. Spießbürgerlichkeit habe ich in Husum immer vergebens gesucht.

21. November 1917.

Bei Dr. Westedt wurde wieder in alter Weise getafelt und das Mittagessen noch durch die urwüchsigen Witze des Hausherrn gewürzt.

Den Nachmittag verbrachte ich bei der Familie Koch in der Wasserreihe. Lala, Liesel und Leni waren da, eine schönere als die andere. Und ich freue mich daran. Aber dauernd könnte ich mich mit keiner von ihnen Verbinden. Es fehlt die Harmonie des Geistes. Ich passe nicht in das Koch`sche Haus hinein.

22. November 1917.

Am Donnerstagmorgen nahm ich Abschied von meiner Freundlichen Wirtin und fuhr südwärts nach Itzehoe.

Um 9.02 konnte Andreas mich in Itzehoe in Empfang nehmen.

Major Hopf war freundlich und bewilligte mir aus eigenem Trieb 14 Tage Erholungsurlaub. Nun konnte ich ja wieder auf Reisen gehen! Das mag ich zu gern.

Kaffeehaus Mohr führte noch gute Torten, und Familie Bahrt von „Doppeleek“ Itzehoe --besonders Bertha-- freute sich sehr, mich wiederzusehen.-

Um 16 Uhr 37 Abfahrt nach Neumünster. Bei Tante Marie war ich einlogiert. Onkel Theo redete dauernd. Ich konnte kaum zu Worte kommen.

23. November 1917.

In Neumünster, Freitagmorgen, war ich bei Familie Tonner in der Steinmetzerstrasse. Nachmittags, 13 Uhr 20 Abfahrt nach Bordesholm. Hier empfangen mich Guste und Vicky Paulsen. Endlich sah ich Brügge, den Ort von dem ich so viel gehört hatte.

Ich muss sagen: Nun verstehe ich, weshalb es meinen Bruder Hans so dahinzog. Und jetzt verstehe ich Deine Neigung zu Lotte, lieber Rudi!

Sie ist ein ideales Mädchen. Else und Lotte brachten mich wieder zur Bahn. Der Zug hielt noch lange auf dem Bahnhof, sie warteten so lange an der Barriere. „Hätte ich das gewusst“, rief Lotte mir zu, „so hätte ich noch eine Bahnsteigkarte genommen.“

Lange winkten sie mir nach mit weißen Tüchern .

Freitag Abend bei Tante Dora. –Sie zeigten mir die Aufnahmen von Rudis Begräbnis.-

24. November 1917.

Sonnabend brachte Regen und Sturm. Um 13.24 verließ ich Neumünster und kam um 16.28 in Flensburg an. Man hielt mich bei Onkel Franz zuerst für den Verlobten von einem Frl. Hansen, weil ich zugleich mit ihr ins Haus kam.-

Etwas eilig kam ich 19.10 wieder zur Bahn.

In Tingleff kam Schwester Hulda in mein Abteil.

25. November 1917.

Mit voller Liebe deckten Mutter, Willy und Grete uns am nächsten Tag den Geburtstagstisch. Da lag für mich zwei Bilder : „ Der Geist der deutschen Armee“ und „Elisabeth“ sowie ein Kissen fürs Feld. Trotz der teuren Zeiten prangten noch 2 Kuchen auf dem Tisch.

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