Kardels Tagebuch: 1914-1918

Einträge von September 1917

Harboe Kardel
Frankreich
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Kardels Tochter Elsbeth Kardel Knutz hat unserer Zeitung die eigenhändig abgetippten Tagebücher zur Verfügung gestellt, sodass Der Nordschleswiger bis zum Ende der Aufzeichnungen bis 2018 Kardels Tagebucheintragungen abdrucken kann. Die Einträge sind immer am 1. eines Monats 100 Jahre später abrufbar.

1. September 1917.

Gestern Abend wurde ich plötzlich in die Batterie gerufen. Ich sollte mit dem rechten Zug die Stellung verlassen. 19er aus Erfurt lösten uns ab. Wir stehen jetzt in Rèmy, und ich bin in Ruhe. Ich war mit Gätgens in Douai.

5. September 1917.

Seit heute bin ich vorne. Schon freute ich mich 4 Tage auf der Beobachtungsstelle verleben zu können, da blühte mir schon wieder ein Extraposten:

Artillerie-Beobachtungs-Offizier im 1. Graben.

Morgen früh geht die Sache los. Aber ein Gutes ist dabei. Ich bin ganz selbständig.

8. September 1917.

Angenehm ist der Posten nicht gerade. Wir liegen in einem Stollen mit nur einem Ausgang mit Infanteristen zusammen und schlafen auf Minierhölzern. Jeden Tag spreche ich bei den Kompagnie-Führern vor. Nach rechts habe ich hier eine blendende Beobachtung. Ich sprach mit einen Unteroffizier, der 3 Jahre beim Train in der Etappe gewesen und jetzt plötzlich zur Infanterie gekommen war.-Der Arme!

Ich freue mich, dass ich morgen früh aus diesem Dreckloch herauskomme. Einen Wagen bekomme ich nicht. Da winkt mir also ein 17 km langer Fußmarsch.

10. September 1917.

Mein Bruder Rudi ist gefallen! Eben hab` ich noch den schönen, lebendigen Bericht von Ihm in der Zeitung gelesen, da bekam ich gleich darauf die Zeilen von Rektor Siemonsen in die Hand. Nun ist er dahin, dieser tapfere, treue Mensch. Ich sollte ihn nicht mehr sehen. Er hat seine Treue zuletzt doch mit dem Tode besiegelt, so oft dem Tode entgangen. Ich kann nicht weiter. Ich bin ganz zerschlagen. Gott tröste meine liebe Mutter!

12. September 1917.

Ich bin zu Hause! Mutter ist schon etwas gefasst. Und doch Ergreift mich die Trauer auf Schritt und Tritt, wenn ich an den guten Rudi erinnert werde, wenn ich die Beute-

stücke sehe, die er Willi vermachte, die lieben Briefe, die er schrieb, von den Geschenken höre, die er seinen Geschwistern machte. Einer der besten Menschen ist mit ihm dahingegeangen.

„Frons hosti, amico pectus“ kann man von ihm sagen. Jeder, der ihn kannte, liebte und verehrte ihn. In welcher erhabener Weise lobte ihn sein Regimentskommandeur, mit welch` schlichten, wahrheitsgetreuen Worten sein langjähriger Bursche!

Ein Volltreffer, wie er unglücklicher nicht treffen konnte, traf das Bretterhäuschen, in dem die Stäbe des I. und III. Bataillons versammelt waren. Rudi war auf der Stelle tot.

13. September 1917.

Eben las ich die Beileidsschreiben der Bekannten. Wie haben sie ihn alle geschätzt wegen seines fröhlichen Wesens! Was es Gutes, Schönes und Großes in der Welt gab, das umarmte er in ungestümer, sonniger Lebenslust. Das Niedrige und Gemeine wies er weit von sich. Er soll mir ein Vorbild sein zum Guten. Auch ich will sein, gleich ihm, ein Streiter im Heer des Lichts.

20. September 1917.

Ich bin an Ruhr erkrankt. Welch` grässliche Krankheit! Seit dem 19. Liege ich hier im Krankenhaus, im Lazarett in Tondern. Jede Stunde muss ich aus dem Bett, habe Tag und Nacht keine Ruhe. Immer kommt noch Blut. Und keine Besserung ist zu bemerken.

22. September 1917.

Gebe Gott, das endlich eine Besserung eintritt. Auf den Knien will ich ihn dafür danken. Tag und Nacht quält mich die Frage: Bist Du zum Offizier eingereicht? Wenn nicht, so können alle meine Erfolge wieder in Nichts zerfließen.

25. September 1917.

Endlich ist die Wendung gekommen. Der Stuhlgang wird seltener, und wie ich den Haferschleim satt habe! Es ist doch so ein Genuss, gut zu essen! Wenn ich das erst wieder könnte!

Dem Höchsten sei Dank für seine Hilfe. Ihm befehle ich auch meine anderen Sorgen und Wünsche. Er wird noch alles wohl machen.

Nur noch ein paar Tage Geduld, dann wird alles wieder gut. Das ist mein einziger Trost in diesen Tagen. Draußen ist so schönes Herbstwetter.

29. September 1917.

Gestern gab`s Hühnersuppe und Pudding. Und es bekommt mir gut.

Im Felde denkt man an mich. Hauptmann Waltfried ließ mir durch Johannsen sagen, ich solle Nachurlaub einreichen, damit ich nach meiner Genesung wieder zum Regiment komme. Das geschah gleich gestern Abend.

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