Diese Woche in Kopenhagen

Wie Kamal Sido täglich über seine kurdische Heimat berichtet

Jan Diedrichsen
Jan Diedrichsen Sekretariatsleiter Kopenhagen
Kopenhagen
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Panzer der türkischen Armee in Syrien Foto: dpa

Jan Diedrichsen, Leiter des Kopenhagener Sekretariats der deutschen Minderheit in Dänemark, möchte in dieser Woche deutlich machen, mit welchem Politikversagen, ja Verrat wir es aktuell in Nordsyrien zu tun haben.

Ich werde heute nicht über dänische Politik berichten und auch das Machtgerangel in Brüssel bleibt unbeschrieben. Ich werde Euch von Kamal Sido erzählen.
Kamal ist Nahostreferent der Gesellschaft für bedrohte Völker (GfbV) und ein viel gefragter Mann in diesen Tagen. Die Bildzeitung ruft ihn an und auch die Tagesschau meldet sich bei ihm. Kamal Sido hat einen schwierigen Job. Er macht auf die dramatischen Ereignisse in Afrin aufmerksam. Afrin ist eine Stadt und ein Kanton in Nordsyrien, in dem Kamal Sido vor 56 Jahren geboren wurde. Seine Mutter und große Teile seiner Verwandtschaft leben noch immer in der Gegend.
Vor zehn Tagen hat die Türkei eine Offensive gegen die Kurden in Nordsyrien (Kurden nennen das Gebiet Rojava) begonnen. Nichts fürchtet die türkische Regierung um Präsident Erdogan mehr als ein unabhängiges Kurdistan in Nordsyrien. Das Verhältnis der Türkei zu den Kurden ist eine tragische Geschichte, die seit Jahrzehnten immer wieder zu bürgerkriegsähnlichen Zuständen führt.

Die Türkei bekämpft jedwede Autonomie- bzw. Unabhängigkeitsbestrebungen der Kurden mit aller Macht. Demokratisch gewählte Politiker sitzen in den türkischen Gefängnissen. Kurden leben in der Türkei, in Syrien, im Iran und im Irak. Die meisten Schätzungen gehen von 25 bis 30 Millionen Menschen aus. Die Kurden müssen sich auch Kritik gefallen lassen. Die Politik der PKK in der Türkei und der Öcalan-Kult, welche auch unter den Kurden in Nordsyrien eine große Rolle spielen, dürfen nicht als politische Folklore abgetan werden.

Naiv daherkommende Kurden-Romantik

Die zum Teil äußerst naiv daherkommende Kurden-Romantik, die kritiklos das agieren der PKK und der politischen Eliten in Nordsyrien unterstützt, ist wenig hilfreich. Denn natürlich müssen sich auch Kurden für die Einhaltung aller Menschen- und Minderheitenrechte einsetzen. Wo wir wieder bei Kamal Sido wären. Wer ihn in den Sozialen Medien oder den Publikationen der GfbV folgt, sieht, wie er sich manchmal zwischen alle Stühle setzen muss. Denn natürlich kritisiert er auch das Vorgehen der kurdischen Eliten, wenn dies nötig ist. Er prangert Menschenrechtsverletzungen an, egal von wem begangen. Manchmal wird Kamal von Türken und Kurden gleichermaßen beschimpft.

Die Kurden leiden an einer disfunktionalen Elite. Der Kampf um Einfluss und Macht in den kurdischen Gebieten tragen maßgeblich zur Verhinderung einer Lösung der verzweifelten Lage bei. Der Konflikt ist so verzwickt und so vielschichtig, dass dieser einen – je mehr man sich in die komplexe Thematik einliest oder mit Betroffenen Gespräche führt – immer weiter verzweifeln lässt.

Ich möchte deutlich machen, mit welchem Politikversagen, ja Verrat wir es aktuell in Nordsyrien zu tun haben. Denn bei allen Schwierigkeiten, die es beim Aufbau demokratischer Strukturen und Verhalten in Rojava noch geben mag, gibt es zahlreiche gute Ansätze. Der Minderheitenschutz und die Frauenrechte werden bedeutend ernster genommen, als in den anderen Ländern des Nahen Osten. Die Kurden wurden als Bodentruppen, den IS bekämpfend, als heldenhafte Soldaten gefeiert, man denke nur an die Verteidigungsschlacht um die Grenzstadt Kobane, als diese vom IS belagert wurde. Heute ist die faktische Situation nicht viel anders, nur der Gegner ist nicht der IS sondern diesmal das NATO-Mitglied Türkei. Die Weltpolitik und größtenteils auch die Öffentlichkeit sind durch ostentatives Desinteresse vereint.

Kamal Sido wird wohl noch lange traurige Berichte aus seiner Heimat in die Öffentlichkeit tragen müssen. Wahrlich, kein einfacher Job.

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Kommentar

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