Leitartikel

Böser Zaun, guter Zaun

Sara Wasmund
Sara Wasmund Hauptredaktion
Apenrade/Aabenraa
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Ein 70 Kilometer langer Zaun an der deutsch-dänischen Grenze, um Wildschweine abzuhalten: Die einen jubeln und freuen sich, andere halten die Idee hingegen für wenig durchdacht und nicht durchführbar. Einen Zaun abzulehnen, nur weil es ein Zaun ist und der Zaun als solcher für Trennendes und Abgrenzendes steht und sich Rechtsnationale vorfreudig die Hände reiben, kann kein Grund sein, gegen einen Zaun zu sein, wenn er die dänischen Schweinebauern vor einer Katastrophe bewahrt, meint Sara Wasmund.

Böser Zaun, guter Zaun. Die Lager waren schnell gebildet, als am Donnerstag die Meldung von einem geplanten Wildschwein-Schutzwall an der deutsch-dänischen Grenze die Runde machte. Regierung und Dänische Volkspartei hatten zuvor die Errichtung eines 70 Kilometer langen Zaunes beschlossen, um Wildschweine vom Königreich fernzuhalten. Geht gar nicht, war auf der einen Seite zu hören. Zäune sind etwas Trennendes und auf einer solch langen Strecke entlang der deutsch-dänischen Grenze ohnehin nicht umsetzbar. Eine hermetische Abriegelung der Grenzübergänge sei nicht durchführbar, die Pläne nicht durchdacht, so beispielsweise der Hauptvorsitzende des Bundes Deutscher Nordschleswiger, Hinrich Jürgensen. Und Schleswig-Holsteins Innenminister Robert Habeck brandmarkte die Pläne als falsch und als „innenpolitische Aktion“. Der Virus werde schließlich nicht von Wildschweinen eingeschleppt, sondern „über Menschen, über Tiertransporte, über infizierte Wurstwaren“, so Habeck gestern im NDR-Gespräch.

Auf der anderen Seite brandete Jubel auf. Ein Zaun, endlich, ein Zaun. Zwar nur anderthalb Meter hoch, aber immerhin. Und vielleicht könnte man ja, hörte man die Nachtigall trapsen, wo man denn schon dabei ist, den Draht hie und da ein wenig höher spannen, um das Königreich auch gegen illegale Einwanderer abzusichern? Wildschweine und Asylbewerber auf einen Streich stoppen – DF-Sprecher Peter Kofod Poulsen sprach den Gedanken offen aus. „Wenn wir den Zaun auch für andere Dinge nutzen können, um Leute aufzuhalten, die die grüne Grenze auf zwei Beinen kreuzen, dann wäre das doch klasse“, so der Politiker. Der Zaun sei eine Stärkung der Grenzkontrollen, und das sei zu begrüßen. Patrouillen an der grünen Grenze seien dann einfacher durchzuführen. Er rechne im Übrigen nicht damit, dass ein solcher Zaun irgendwann wieder abgerissen werden sollte.

Meinungen, wie sie weiter voneinander entfernt nicht sein könnten. Fragen, die man sich stellen kann: Ist ein Zaun im Grenzland per se schlecht? Macht man sich mit rechtsnationalen Politikern eins, wenn man einen Zaun gegen Wildschweine befürwortet? Sind Zäune böse?

Ein objektiver Blick lohnt allemal. Ja, in erster Linie sind es nicht die Wildschweine, die die Krankheit in ganz Europa verbreiten, sondern Lkw und Menschen. Oder, wie es Jørgen Popp Petersen, LHN-Vorsitzender, ausdrückte: „Ein Schwein läuft ja nicht in einem Tag von Russland nach Lettland.“ Dennoch sind Wildschweine brandgefährlich – sie haben ganze Bestände in der Ukraine angesteckt – durch Kontaktaufnahme mit domestizierten Schweinen in offenen oder zum Teil offenen Ställen. Nascht also ein Wildschwein in Schleswig-Holstein ein weggeworfenes Brot, das mit verseuchter Wurst eines Lkw-Fahrers belegt ist, kann es das Virus beim Spaziergang über die Grenze bislang ohne Hindernisse an dänische Bioschweine im Freigehege übertragen. In diesem Fall gilt: Jedes aufgehaltene Wildschwein ist ein gutes Wildschwein. Oder, wie es die Jäger hierzulande ausdrücken würden: Nur ein totes Wildschwein ist ein gutes Wildschwein.

Mag ein Zaun gegen Wildschweine auch Lücken aufweisen – dass er für die Tiere ein Hindernis darstellt und Jägern der gezielte Abschuss leichter fällt, ist nicht von der Hand zu weisen. Einen Zaun abzulehnen, nur weil es ein Zaun ist und der Zaun als solcher für Trennendes und Abgrenzendes steht und sich Rechtsnationale vorfreudig die Hände reiben, kann kein Grund sein, gegen einen Zaun zu sein, wenn er die dänischen Schweinebauern vor einer Katastrophe bewahrt. In dem Fall ist ein Zaun weder gut noch böse, sondern schlichtweg ein Schutz. Vielleicht einer mit einzelnen Löchern – aber bislang ist das Loch 70 Kilometer lang. Über die Umsetzung der Pläne mögen sich nun die Experten Gedanken machen – im besten Fall in enger Absprache mit den deutschen und europäischen Veterinär-Beauftragten.

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