Leitartikel

Nachhaltiger Fremdenverkehr

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
Apenrade/Aabenraa
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Massentourismus ist ein zweischneidiges Schwert. Wie die Beispiele Berlin und Barcelona zeigen, können die Großstädte aber schnell ein Limit erreichen, nämlich dann, wenn die eigene Bevölkerung verdrängt wird. Dann ist der Tourismus ausgeufert. Wie jeder Wirtschaftsbereich muss daher auch der Tourismus nachhaltig sein, meint Gwyn Nissen.

„Tourist go home“. Mit solchen Parolen werden immer mehr Touristen in Europa konfrontiert. In Barcelona, in Venedig oder zum Beispiel auf Mallorca. „Your tourism kills my neighbourhood“ – dein Tourismus tötet meine Nachbarschaft. Dabei denken die meisten Touristen, dass sie nicht nur sich selbst, sondern auch der Lokalbevölkerung etwas Gutes tun.

Die Proteste zeigen, dass der Fremdenverkehr – und vor allem der Massentourismus – ein zweischneidiges Schwert ist. Wovon würden die Leute in Barcelona oder Venedig heute leben, wenn es keine Touristen gäbe? Dabei sind sie wahrscheinlich gar nicht gegen die Besucher in ihrer Stadt, sondern fühlen sich eher von der stets steigenden Zahl der „Touris“ bedrängt: 10 Millionen jährlich in Barcelona, 30 Millionen in Venedig. Der Städtetourismus explodiert – und die Einwohner gleich mit. Denn die Gäste belegen jetzt nicht nur die Hotels, sondern durch Internetdienste wie Air BnB auch immer mehr private Wohnungen. Eine ganz neue Industrie hat sich dadurch entwickelt, doch die Kehrseite der Medaille: Dadurch wird die Wohnung in der Nachbarschaft immer teurer und für die eigentlichen Bewohner in der Stadt unbezahlbar.

Sicherlich gibt es auch in Dänemark Orte, in denen „die Lokalen“ gegen Ende der Saison nach dem Touristenansturm Ermüdungserscheinungen haben. Aber Schilder mit „Tourist go home“ dürfte es in Dänemark nicht geben. Die dänische Westküste lebt förmlich vom Fremdenverkehr, und so manche Gegend ist neidisch auf die magische Anziehungskraft der Nordseeküste. Dänemark hat noch Platz für mehr Touristen – sei es an den Küsten oder in den derzeitigen Städtemagneten Kopenhagen und Aarhus.

Die Gefahr, überlaufen zu werden, ist noch gering. Das hängt damit zusammen, dass Dänemark an den Küsten weiterhin mit harter Hand reguliert und keine Hotel-Betonwüsten entstehen lässt. Wie die Beispiele Berlin und Barcelona zeigen, können die Großstädte aber schnell ein Limit erreichen, nämlich dann, wenn die eigene Bevölkerung verdrängt wird. Dann ist der Tourismus ausgeufert, und dann heißt es plötzlich „Tourist go home“. Wie jeder Wirtschaftsbereich muss daher auch der Tourismus nachhaltig sein – sei es an der Küste oder in der Stadt.

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