Leitartikel

Seitenwechsel

Cornelius von Tiedemann
Cornelius von Tiedemann Stellv. Chefredakteur
Apenrade/Aabenraa
Zuletzt aktualisiert um:
Journalist
Foto: Nik MacMillan/Unsplash

Inzwischen gibt es in Dänemark mehr PR-Mitarbeiter als Journalisten. Dieses Ungleichgewicht sei vor allem deshalb problematisch, weil die verbleibenden Journalisten unter enormem Zeitdruck stünden, meint Cornelius von Tiedemann. Ein Ausweg sei ein neues Selbstverständnis der Presse – weg vom Skandalisieren, hin zu konstruktivem Journalismus.

Schon vor Jahren hat die dänische Journalistengewerkschaft DJ darauf aufmerksam gemacht, dass sie inzwischen mehr Mitglieder hat, die als „Kommunikationsmitarbeiter“ arbeiten als solche, die als Journalisten in der Presse tätig sind. Jetzt zeigen Zahlen des Innenministeriums, die auf Bitte des Finanzausschusses vorgelegt wurden, dass die Ausgaben für solche Kommunikationsmitarbeiter in den Kommunen von 2010 bis 2017 um 63 Prozent auf mehr als 147 Millionen Kronen zugenommen haben. Die Regionen geben 51 Millionen Kronen dafür aus.

Das ist an und für sich überhaupt kein Grund zur Aufregung. Und doch ist es Teil eines großen Problems.

Warum ist es kein Grund zur Aufregung? Weil es positiv ist, wenn die öffentlichen Verwaltungen darin investieren, uns Bürger über ihre Arbeit und ihre Erfolge aufzuklären. Vieles würde unbemerkt in den (inzwischen meist digitalen) Aktenschränken der Rathäuser und anderen Einrichtungen versteckt bleiben, wenn die Kollegen von der Öffentlichkeitsarbeit uns, auch die Journalisten „auf der anderen Seite“, nicht informieren würden.

Doch die Verlagerung des Gleichgewichts vom Wachhund-Journalismus hin zum Mitteilungs-Journalismus hat auch ihre Schattenseiten. Gerade heute, wo die Zeit für Recherche bei Presse-Journalisten angesichts des zunehmenden Zeitdrucks durch den 24-Stunden-Druck des Internets immer kürzer – und die Redaktionen nicht unbedingt größer werden. Im Gegenteil. In vielen Medienhäusern muss mit kleinen Teams heute quasi doppelte Arbeit geleistet werden. Denn neben einer Zeitung muss auch die Internet-Seite, müssen die sozialen Medien rund um die Uhr gefüttert werden.

Die Leser – oder „User“, wie sie im digitalen Bereich vielfach genannt werden – erwarten ihre tägliche Zeitung mit Qualitätsjournalismus. Sie erwarten aber auch, dass sie auf ihrem Smartphone und im Büro am Computer jederzeit auf dem neuesten Stand gehalten werden. Nicht nur mit Texten und Fotos, sondern auch mit Videos, Grafiken, und und und.

Und da liegt das Problem. Vielfach reicht die Zeit da nicht, um die Pressemitteilungen der Kollegen aus den Kommunikationsabteilungen von Unternehmen und aus Kommunen und anderen öffentlichen Stellen nach den Regeln des journalistischen Handwerks zu überprüfen. Schlagzeilen werden heute im Minutentakt gemacht. Politiker und andere, die eine Medienstrategie haben, und das haben zumindest die meisten landesweit tätigen Politiker, finden in den Medien statt, weil sie Stoff frei Haus liefern. Wer darauf wartet, dass ein Journalist sich bei ihm meldet, hat den Wettlauf um die Aufmerksamkeit schon verloren.

So lässt sich die Presse (nicht die gesamte Presse, aber ein Teil von ihr) vor den Agenda-Karren spannen. Das hat dabei überhaupt nichts mit „Lügenpresse“ zu tun – denn Falschmeldungen werden heute schneller denn je aufgedeckt. Doch die Gefahr, einer Agenda aufzuliegen, nimmt auf der Hetzjagd nach der nächsten Schlagzeile zu.

In Amerika erleben einige große Qualitätszeitungen inzwischen eine Renaissance, auf Papier und online, weil die verunsicherten Bürger sich zuverlässige Berichterstattung wünschen. Hier in Dänemark haben sich unterdessen neue Medienunternehmen gebildet, die versuchen, gründlichen Journalismus mit den Bedürfnissen des „modernen Menschen“ zu verbinden – und die Bewegung des „konstruktiven Journalismus“ hat sich von hier aus über die Welt verbreitet. Ein Leitmotiv ist es dabei, nicht mehr nur nach der möglichst zugespitztesten Schlagzeile zu suchen und draufzuhauen – sondern neben Problemen auch Lösungsansätze aufzuzeigen.

Diesen Weg wollen auch wir beim Nordschleswiger vermehrt gehen. Wenn wir denn bloß die Zeit dazu finden...

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