Filmdreh auf Alsen

Nordschleswig als Kulisse für Spielfilm über den Ersten Weltkrieg

Sara Wasmund
Sara Wasmund Hauptredaktion
Nordschleswig
Zuletzt aktualisiert um:
Thure Lindhardt, Rosalinde Mynster und Tom Wlaschiha beim Pressetermin vor der Mühle. Foto: Karin Riggelsen

„I Krig og Kærlighed“ zeigt 100 Jahre nach Ende des großen Krieges ein Liebesdrama in Nordschleswig. Wir haben mit dem Regisseur, dem Produzenten und Darstellern aus Nordschleswig gesprochen.

Hagenberger Mühle, Montagvormittag, 11.18 Uhr. Schauspieler Tom Wlaschiha tritt aus einem kleinen Häuschen hinaus in den eiskalten Ostwind. Der Kragen seines Offiziermantels ist hochgeschlagen.

Zwei Set-Mitarbeiter stemmen außerhalb des Kamerawinkels Reflektorensegel mit aller Kraft gegen den Wind, um den beiden aufnehmenden Kameras perfekte Lichtbedingungen zu bieten. Wlaschihas stahlblaue Augen sind fest auf seine Filmpartnerin gerichtet, als er auf Deutsch fragt: „Wo ist Esben?“.

Schauspielerin Rosalinde Mynster alias Kirstine antwortet mit starkem dänischen Dialekt, dann geht sie mit ihrem Filmsohn, dem Höruper Schüler Aksel, zurück in die Hagenberger Mühle. Wlaschihas schwere braune Stiefel knirschen auf dem Kies. „Reitet zum Leuchtturm und sucht dort nach Spuren“, ruft er. Cut, die Szene ist im Kasten. Wieder und wieder lässt Regisseur Kasper Torsting die Szene wiederholen, bis er mit dem Ergebnis zufrieden ist.

Ein ganz normaler Arbeitstag in der über 42 Millionen Kronen schweren Filmproduktion „I Krig & Kærlighed“, die derzeit auf Alsen gastiert. Insgesamt fünf Wochen lang filmt das Team in der Hagenberger Mühle und in der Kirche, auch in Tondern am Flugzeughangar stehen Mitte März zwei Tage lang Aufnahmen auf dem Programm.

Es ist der erste dänische Spielfilm über den Ersten Weltkrieg im eigenen Land. Produzent Ronnie Fridthjof betrachtet diese Aufgabe als wichtige Verantwortung. „Der Erste Weltkrieg ist in meinen Augen eine Zeit, die in unserem Land absolut untererzählt ist. Wir wissen zu wenig darüber. Es ist ein Teil unserer Geschichte, den viele nicht kennen“, so Fridthjof.

Für seine Filmgesellschaft ist es die bisher größte Produktion. „Und wir wissen schon jetzt, dass wir das Budget nicht halten können“, so der Produzent. Dafür entstehe aber ein „epischer Spielfilm, der das Leben und Lieben und die großen Themen des Lebens widerspiegele“, so der Produzent.

Ein Beispiel: Feindbilder. „Wer ist Feind? Welche Rolle spielen Nationalitäten?“ Die Geschichte liefert jede Menge Stoff, um darüber nachzudenken: Süddänischer Soldat desertiert vor dem Ersten Weltkrieg und versteckt sich zu Hause auf dem Dachboden (Hagenberger Mühle). Aus seinem Versteck heraus beobachtet er, wie sich seine Ehefrau und ein deutscher Offizier im Alltag annähern.

„Nimmt der böse deutsche Offizier der Frau den Mann weg? Oder ist es allzu menschlich, wenn man sich nach dreijähriger Abwesenheit des Mannes in einen anderen verliebt? Was macht der Krieg mit den Menschen – und wie verhält sich die Liebe in Zeiten des Krieges? Anders – oder eben nicht?“, fragt Regisseur Kasper Torsting. Auch die Behauptung, dass Liebe und Krieg gar nicht so weit voneinander entfernt liegen, stellt der Film zur Debatte.

Wenn der Film am 11. November 2018 im Sonderburger Kino Premiere feiert, genau 100 Jahre nach Ende des Ersten Weltkrieges, wird die Szene vor der Hagenberger Mühle nur ein Bruchstück des Filmes ausmachen. Sekunden in einem Spielfilm, der den Anspruch hat, die Geschichte jener 30.000 Nordschleswiger zu erzählen, die im Ersten Weltkrieg für Deutschland kämpften und kämpfen mussten. Ein jeder von ihnen hätte eine eigene Geschichte zu erzählen.

„Viele hier im Landesteil haben eine Familiengeschichte, in der Großväter oder Urgroßväter im Ersten Weltkrieg waren. Daher war es uns auch wichtig, hauptsächlich vor Ort in Nordschleswig zu drehen“, so Regisseur Ronnie Fridthjof.

Die Liebesgeschichte um Esben, Gerhard und Kirstine in der Hagenberger Mühle ist einzigartig – und steht sogleich für unzählige unerzählte Lebenswege im Nordschleswig des Ersten Weltkrieges.

Kasper Torsting
Kasper Torsting und Ronnie Fridthjof im Interview. Foto: Karin Riggelsen

Poetische Freiheit beim Dreh: „Wir müssen nicht 100-prozentig korrekt sein“

Wie geschichlich korrekt wird der Film „I Krig og Kærlighed“ die Lebenswirklichkeit in Nordschleswig im Ersten Weltkrieg abbilden?

Regisseur Kasper Torsting und Produzent Ronnie Fridthjof wollen sich eine gewisse künstlerische Freiheit bewahren, jedoch so nah wie möglich an der Wirklichkeit bleiben. „Wir haben uns intensiv damit beschäftigt, wie man damals lebte, wie man aß, sich kleidete und wie man dachte. Aber wir nehmen uns auch eine poetische Freiheit heraus“, sagt Kasper Torsting.

„Wir produzieren einen Spielfilm, da müssen wir nicht 100-prozentig geschichtlich korrekt sein. Wir haben beispielsweise diesen einen Oberbefehlshaber der Grenzpolizei. Damals wären das vier bis fünf Posten gewesen, also mehrere Befehlshaber. Wir haben einen Posten daraus gemacht. Anstatt vier Charaktere zu erschaffen, steht im Film einer im Fokus.“

Eine weitere filmische Freiheit: die Sprache. „Vor 100 Jahren hätten die Leute hier unten wohl kaum so korrektes Kopenhagener Dänisch gesprochen, wie sie es jetzt im Film tun. Also ja, wir könnten historisch korrekter sein, aber wir nehmen die Herausforderung an, so echt und aufrichtig wie möglich zu sein.“

Eine weitere Relevanz, sagt Ronnie Fridthjof: „Wir wollen herausarbeiten, was es bedeutet, im Krieg zu sein, in Kriegszeiten zu leben. Was bedeutet es, einen Feind zu haben? Wie gehen wir mit Feindbildern um? Ist der deutsche Offizier für Esben ein Feind, weil er das Herz seiner Frau zum Schlagen bringt, oder weil er ein Deutscher ist?“

Empfinden Sie es als Druck, den ersten dänischen Spielfilm über den Ersten Weltkrieg zu produzieren? „Wir haben uns auf die am stärksten mögliche Erzählung fokussiert und sind davon überzeugt, dass es großartig wird. Aber ja, ein Spielfilm auf diesem Niveau bringt immer auch einen gewissen Druck mit sich.“

Aksel aus Hörup spielt den Sohn von Esben und Kirstine. Foto: Karin Riggelsen

Aksel und Lærke aus Hörup machen mit

Siebeneinhalb Jahre alt ist Aksel – und seine erste Rolle in einem internationalen Film sorgt bei allen Beteiligten für Begeisterung. Der Schüler mit den braunen Augen und dem blonden Schopf spielt im Film den Sohn von Esben und Kirstine.

Wie er darauf gekommen ist, bei den Dreharbeiten mitzumachen? „Wir haben in der Zeitung eine Anzeige gesehen. Die suchten Statisten. Da wollte ich gerne mitmachen. Also bin ich zum Casting, und am Ende wurde ich genommen“, erzählt der Schüler der Höruper Zentralschule.

Er kann sich gut vorstellen, später einmal Schauspieler zu werden. „Auch wenn es manchmal sehr, sehr kalt ist“, so Aksel. Bei seinen Schulkameraden sorgt seine Schauspielerei für kein großes Aufsehen. „Wir sprechen da eigentlich nicht so viel drüber“, sagt Aksel. Drei Tage hat er für die Dreharbeiten in dieser Woche freibekommen, nächste Woche geht der Schulalltag normal weiter. Begleitet wird er am Set von Lærke Hansen. Sie kennt Aksel und dessen Eltern und wurde gebeten, als Betreuerin immer an der Seite des Schülers zu sein.

„Ich interessiere mich fürs Schauspielern, und es ist spannend, die Leute dahinter kennenzulernen. Ich mache gerade ein Sabbatical, daher hatte ich Zeit und habe die Aufgabe gern übernommen“, so die angehende Lehrerin Lærke Hansen.

Tom Wlaschiha
Kein Wunder, wenn Kirstine da schwach wird: Tom Wlaschiha gibt dem deutschen Offizier starke Ausstrahlung und Charme. Foto: Karin Riggelsen

Von Game of Thrones in die Hagenberger Mühle

Mit dem Deutschen Tom Wlaschiha ist die Rolle des deutschen Offiziers Gerhard stark besetzt. Der „Game of Thrones“-Schauspieler bringt Aussehen, Anziehungskraft und Ausstrahlung mit. Er hat bereits in mehreren internationalen Produktionen mitgespielt, unter anderem in der Serie „Game of Thrones“. Jetzt dreht er in der Hagenberger Mühle. „Es ist mein erster Dreh in Dänemark“, verrät er im Interview mit dem Nordschleswiger.

Wie hast du dich auf die Rolle vorbereitet?
„Ich habe unter anderem auch bei Wikipedia nachgelesen, was es mit diesem Landesteil eigentlich auf sich hat. Warum es hier Deutsch und Dänisch sprechende Menschen gibt und gab. Und wie das mit dem Krieg 1864 war, und welche Folgen er hatte.“

Musstest du für die Rolle Dänisch lernen?
„Nein, das war nicht notwendig. Es ist so, dass ich ausschließlich Deutsch spreche, während andere Schauspieler in ihren Rollen ausschließlich Dänisch sprechen. Das ist bewusst so gehalten, denn so war es damals im Ersten Weltkrieg hier. Der Offizier, den ich spiele, der hat damals auch nicht Dänisch verstanden. So bleibt es authentisch. Im Film gibt es dann natürlich Untertitel.“

Game of Thrones war eine enorm große Produktion. Man sagt, dass eine Folge einer Staffel bis zu 15 Millionen Dollar gekostet hat. Zudem all die internationalen Stars. Wie sind im Vergleich dazu die Aufnahmen für „I Krig og Kærlighed“, mit „nur“ einem Gesamtbudget von rund 42 Millionen Kronen?
„Game of Thrones war unglaublich faszinierend, aber auch unglaublich groß. Und dadurch auch viel anonymer. Ich muss sagen, dass ich diese kleineren Produktionen lieber mag. Man arbeitet nicht so anonym.“

Frieren in alten Uniformen: Set-Mitarbeiter halten sofort nach Ende der Szene wärmende Jacken für die Schauspieler bereit. Foto: Karin Riggelsen

Über die Produktion

„I Krig og Kærlighed“ wird von Fridthjof Film produziert, die größte Arbeit der Filmgesellschaft bislang.

Größte Unterstützer des Films sind Det Danske Filminstitut, Danmarks Radio und die Stiftung Fabrikant Mads Clausens Fond, die mit einem größeren Millionenbetrag zur Umsetzung des Projektes beiträgt. Auch FilmFyn sowie die Kommunen Sonderburg und Tondern beteiligen sich finanziell an der Filmproduktion.

„I Krig og Kærlighed“ wird in Koproduktion mit der tschechischen Gesellschaft Film United, Nordfilm Kiel, Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein sowie Creative Europe Media hergestellt.

„I Krig og Kærlighed“ wird in Dänemark von United International Pictures vertrieben. Bereits im Vorfeld wurde der Film an den NDR und TV2 Norwegen verkauft.

Mehr lesen