Inge Adriansen

Eine Historikerin, die selbst Geschichte schrieb

Siegfried Matlok
Siegfried Matlok Senior-Korrespondent
Sonderburg/Sønderborg
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Inge Adriansen
Inge Adriansen im Sonderburger Schloss: Sie hat die Geschichte Dänemarks immer wieder neu bewertet und aufgezeigt. Foto: Gwyn Nissen

Zum Tode von Inge Adriansen: Eine lokal, regional, national und international geschätzte Historikerin ist im Alter von 73 Jahren verstorben.

Am Freitagnachmittag ist von der Kirche in Düppel aus – nicht unweit von den Schanzen der Blutbank Düppel – die Historikerin Inge Adriansen beigesetzt worden, die am vorangegangenen Freitag im Alter von 73 Jahren einer schweren Krebskrankheit erlegen ist. Auf Wunsch der Familie nahm nur ein kleiner Kreis an der Trauerfeier für eine Frau teil, die lokal, regional, national und auch international hohe Wertschätzung erfahren hat.

Sie war in der Nähe von Skanderborg 1944 geboren. Ihr Vater war Widerstandskämpfer, war vorübergehend Gefangener im KZ Neuengamme, gelangte aber mit den weißen Bussen in die Freiheit. Der Kampf gegen die deutschen Nazis hatte ihn geprägt. Als die Bundesrepublik Deutschland 1955 der Nato beitrat, war er zusammen mit seinen KZ-Kameraden sehr besorgt, doch – wie sich seine Tochter erinnern konnte – änderte er seine Haltung bereits ein Jahr später, als die Sowjets 1956 blutig den ungarischen Aufstand beendeten.

„Auf mich als Zwölfjährige hinterließ es einen starken Eindruck: Das, was als absolute Wahrheit galt, wurde ein Jahr später ganz anders beurteilt. Ich zog daraus die Lehre, dass man eine Situation immer nach der Zeit beurteilen soll, in der man lebt“, sagte sie in einem Fernseh-Interview auf DK4 über dieses Erlebnis als junges Mädchen – ein Leitfaden auch für ihr späteres Wirken als Historikerin.

Inge Adriansen kam als junge Geschichts-Lehrerin durch die Liebe zu ihrem Mann nach Nordschleswig, aber auch wenn sie das „fødestedskriterium“ nicht erfüllte: Sie wurde Sønderjyde mit großem S. Ihre Karriere war geprägt nicht nur von Kompetenz, sondern auch von einem enormen Schaffensgeist, von Fleiß und stetiger Hilfs- und Einsatzbereitschaft. Als sie 2014 nach mehr als 45 Jahren, zuletzt als Museumsinspektorin, am Sonderburger Schloss ihren Dienst beendete, ehrten sie die Kollegen mit einer Festschrift unter der Überschrift „Veränderungsbereit“, doch selbst wollte sie sich lieber als „verwunderungsbereit“ charakterisieren.

„Flensborg Avis“ würdigte sie als „Mor Danmark“. Das mag sie für viele gewesen sein, aber sie war auch „Mutter Courage“ in dem Sinne, dass sie zwar nationale Mythen nicht ad absurdum führte, jedoch auch wissenschaftlich entzauberte, sie sozusagen aus dem nationalen Kontext entführte.

Sie war anerkannte Expertin in Fragen der schleswigschen Kriege, zu 1864 und zum Ersten Weltkrieg, aber sie blieb nie in den Schützengräben sitzen. Was manchen so erz-dänisch schien, war gar nicht mal „Made in Denmark“, wie sie es zum Beispiel anhand den Abstimmungsplakaten von 1920 bewies. Das gefiel nicht allen, und mit Redakteur Bjørn Svensson lieferte sie sich Gefechte, weil sie eben mit manchen lieb gewordenen Thesen aufräumte.

Sie hat einmal gesagt: „In Europa gibt es unterschiedliche Auffassungen darüber, was Kultur ist, und das Wenigste von dem ähnelt einer dänischen Version. Es gibt nicht vieles, was die Dänen erfunden haben, obwohl sie es glauben.“
National war sie allemal, aber sie war nie nationalistisch engstirnig mit Parolen wie „Danmark først“. Im Gegenteil, sie war grenzüberschreitend, wagte schon frühzeitig, Publikationen zusammen mit deutschen Historikern herauszugeben, betrat dadurch auch persönlich Neuland im Grenzland.

Inge Adriansen
Im Jahre 2017 ist Inge Adriansen mit dem Ehrenrummelpott der Satirezeitschrift „Æ Rummelpot“ ausgezeichnet worden. Auf dem Foto ist sie zusammen mit Redakteur Svend-Erik Ravn (l.) zu sehen. Foto: Karin Riggelsen

Ihr Verhältnis zur deutschen Minderheit war anfangs verständlicherweise stark beeinflusst durch die Misshandlung des Vaters durch die Nazis, die sogenannte Vergangenheitsbewältigung der deutschen Minderheit war – wie es auch der jüngere Historiker Henrik Skov Kristensen in seinem Buch „Straffelejr Faarhus“ betont hatte – viel zu spät und zu schwach in Angriff genommen worden, aber durch ihre Arbeit lernte sie auch immer mehr unbelastete Vertreter der deutschen Minderheit kennen, die bei ihr ein Vertrauenskapital schufen – von Günther Weitling über Immo Doege bis zu Hans Heinrich Hansen und Stephan Kleinschmidt.

Sie erkannte neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit, sorgte z. B. dafür, dass das Deutsche Museum in Sonderburg bei der Fusion der dänischen Museen in Nordschleswig auch einbezogen, ja anerkannt wurde.

Als die 50-Jahr-Feier der Bonn-Kopenhagener Erklärungen 2005 im Sonderburger Schloss von Bundeskanzler Gerhard Schröder und Staatsminister Anders Fogh Rasmussen gefeiert wurde, da würdigte sie den Weg vom Gegeneinander zum Miteinander mit einer eindrucksvollen Ausstellung und sicherte sich dafür u. a. die Original-Unterschriften von Bundeskanzler Konrad Adenauer und Staatsminister H. C. Hansen anlässlich der Minderheiten-Erklärungen von 1955.

Zwei weitere historische Meilensteine sind zu erwähnen: Als der Hauptvorsitzende Hans Heinrich Hansen und einige Vertreter des BDN zum 75. Wiedervereinigungsfest der Dänen mit Königin auf Düppel eingeladen wurden, da erntete diese Einladung des damaligen Amtsbürgermeisters Kresten Philipsen keineswegs nur Beifall. Wahr ist, dass die Idee zu dieser Einladung hinter den Kulissen von Inge Adriansen stammte, eine Einladung, die durch die Rede von Hans Heinrich Hansen noch heute historischen Glanz ausstrahlt.

Und auch die 150-Jahr-Feier auf Düppel wurde von ihr mitinszeniert, nicht als rot-weiße Dänen-Heldenschau, sondern vor dem düsteren historischen Hintergrund als Zeichen dessen, dass Feindschaft und Krieg – wie im deutsch-dänischen Grenzland seit 1945 – auch überwunden werden können.

2014 eröffnete Inge Adriansen im Mühlenmuseum in Hoyer eine Ausstellung über die Geschichte der auch politisch einst bedeutungsvollen nordschleswigschen Kaffeetafel, die sie eingehend auch wissenschaftlich erforscht und beschrieben hat. Foto: Volker Heesch

Inge Adriansen hat eine beeindruckende Liste mit nicht weniger als 36 Büchern verfasst und ist dafür auch national und international geehrt worden, aber sie war keineswegs einseitig nur auf Geschichte, Identität und Erinnerungskultur spezialisiert. Sie hatte auch ein großes Interesse an der nordschleswigschen Essens-Kultur, die ja auch Grenzlandgeschichte widerspiegelt.

Ihr Buch über „sønderjydske kaffebord“ ist ein Klassiker, auch wenn diese nordschleswigsche Kaffeetafel mit Kuchen und Gebäck erst durch den vorübergehend auf Alsen lebenden Schriftsteller Siegfried Lenz weltberühmt wurde. So war es wohl kein Zufall, dass sie auch als Mitglied der Gastronomischen Akademie Mitte Oktober im „Det Sønderjyske Hus“ in Sonderburg ihr neuestes, empfehlenswertes Buch mit dem Titel „Mad, mennesker og måltider“ in Zusammenarbeit mit dem Fotografen Torben Ulrik Nissen vorstellte: mit typischen Produkten von Alsen, wobei sie aber auch der ausländischen Küche – sogar der deutschen – Platz widmete.

Die meisten, die an diesem Empfang teilnahmen, wussten, dass Inge Adriansen seit Jahren tapfer gegen den Krebs kämpfte und dass sich ihr Zustand in der letzten Zeit hoffnungslos verschlechtert hatte. Eine Interview-Zusage an unsere Zeitung musste sie zu ihrem Bedauern entkräftet absagen. Sie gab in ihrem Haus am Gustav Johannsens Vej jedoch nicht auf, bemühte sich auch noch, ein 240 Seiten umfassendes Buch für Danfoss im Auftrag von Jørgen Mads Clausen fertigzubekommen, das englischsprachig unter dem Titel „The Island of Als – Past, Present und Future“ im Dezember erscheinen sollte. Und wie sie mir noch kurz vor ihrem Tod mitteilte, hatte sie auch die Hoffnung, im November noch einen Artikel über die Geschichte des Knivsbergs zu schreiben.

Sie hat ihre beiden letzten Projekte leider nicht mehr abschließen können, und doch hat sie uns alle mit ihren Arbeiten so segensreich beschenkt, dass wir über diese Frau, die sich nicht nur durch enormes Wissen, sondern auch durch große Menschlichkeit auszeichnete, zum Abschied nur Folgendes dankbar feststellen können: Sie war Historikerin, aber sie hat selbst Geschichte geschrieben und damit unseren Weg in die gemeinsame Zukunft mitgeprägt, mitgestaltet!

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