Leben in Nordschleswig

Ziemlich beste Besuchsfreunde

Kerrin Jens
Baistrup/Bajstrup
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Romy Lenz und Willi Schidlowski unterhalten sich bei einer Tasse Kaffee über Gott und die Welt. Foto: Karin Riggelsen

Die Initiative „Besuchsfreunde“ verbindet Menschen in Nordschleswig miteinander. Romy Lenz und Willi Schidlowski erzählen von ihren Treffen und Erfahrungen.

Romy Lenz stellt die Kaffeemaschine an. Das Feuer im Ofen knistert. Sie öffnet das Fenster. „Willi mag es nicht, wenn es zu warm in meiner Küche ist“, sagt sie. Wenige Minuten später klingelt es an der Tür. Ihre drei Hunde sind vor Romy Lenz am Hauseingang und freuen sich schon auf den Besuch.
Seit Oktober 2017 kommt Willi Schidlowski die 53-Jährige regelmäßig besuchen. Sie beide sind Besuchsfreunde.

Die Initiative des Sozialdienstes Nordschleswig und der Nordschleswigschen Gemeinde kümmert sich darum, dass neue Freundschaften entstehen.
„Die Familienberaterin Karin Hansen hat mich gefragt, ob ich Interesse an einem Besuchsfreund habe“, erinnert sich Romy Lenz zurück. Sie ist seit einem Unfall im Jahr 2016 gehandicapt und kann ihren rechten Arm nicht bewegen. „Karin Hansen hat mich gefragt, ob ich einen Mann oder eine Frau als Besuchsfreund besser finden würde. Ich habe mich für einen Mann entschieden.“

Wenige Tage später sprach die Familienberaterin Willi Schidlowski beim Einkaufen an. „Ich habe gerade Blumenkohl für meine Frau gekauft, als Karin mich fragte, ob ich bei den Besuchsfreunden mitmachen möchte“, erzählt der pensionierte Lehrer. Es kam zu einem ersten Treffen. Die beiden testeten aus, ob sie sich verstehen und miteinander auskommen. „Unser erstes Gesprächsthema waren Hunde“, weiß Willi Schidlowski. Dabei streichelt er Romy Lenz’ kleinen Hund, der auf seinem Schoß sitzt. „Wir sprechen über Gott und die Welt. Wir albern auch gerne rum und machen Späße“, meint die ehemalige Taxifahrerin. „Wenn wir nicht gemeinsam lachen könnten, wäre ich nicht hier“, lächelt Willi Schidlowski, der in Tingleff wohnt.

Die Besuchsfreunde begrüßen sich herzlich. Foto: Karin Riggelsen

Kaffeetreffen einmal in der Woche

Die beiden treffen sich einmal in der Woche. Dabei gibt es meistens Kaffee. Bisher treffen sie sich immer in dem kleinen Haus von Romy Lenz in Baistrup. „Aber nächsten Monat bekomme ich mein eigenes Auto. Das wurde speziell für mein Handicap angefertigt. Damit kann ich dann auch mal Willi besuchen“, sagt die Hundeliebhaberin. Die beiden Besuchsfreunde wirken wie ein eingespieltes Team. Durch ihren Unfall hat Romy Lenz ab und an Gedächtnislücken. Dann fällt ihr ein Wort nicht sofort ein, oder ihr fehlt ein bestimmtes Detail aus der Vergangenheit, doch Willi Schidlowski kann meistens aushelfen und weiß, was sie meint.

Romy Lenz erzählt, dass es sie früher nicht gestört hat, alleine zu sein. „Als ich jeden Tag gearbeitet habe, war ich froh, abends meine Ruhe zu haben. Aber jetzt freue ich mich über Besuch“, so die gelernte Köchin. Sie erzählt ihrem Besuchsfreund von ihren Fortschritten, die sie im Alltag macht. Am Morgen ist sie mit dem Fahrrad Eier holen gefahren. Sie möchte das üben, damit sie bald mit den Hunden raus kann.

Die beiden sprechen auch über Romy Lenz’ Arbeit. Seit Kurzem arbeitet sie drei statt vorher zwei Tage die Woche in Apenrade. Dort gibt es einen Arbeitsplatz, der speziell für Menschen mit Handicap ausgerichtet ist. An den wöchentlichen Treffen mit Willi Schidlowski gefällt Romy Lenz besonders, dass es dabei nicht um ihre Krankheit geht: „Er fragt mich nicht andauernd, ob ich meine Tabletten genommen habe, oder wo es mir wehtut. Wir können uns einfach ganz ungezwungen unterhalten.“

Schätzt die Ungezwungenheit

Auch Willi Schidlowski schätzt die Ungezwungenheit an ihren Gesprächen, die meist eine bis anderthalb Stunden dauern. „Wir können einfach ohne Verpflichtungen und ohne Zeigefinger miteinander schnacken“, erzählt der 65-Jährige. „Es gibt keine Planung. Kein Programm, das wir abarbeiten müssen.“ Wenn es sich anbietet, unternehmen die beiden auch außerhalb der Küche etwas zusammen. „Letzte Woche gab es ein Treffen vom Sozialdienst Tingleff. Der Verein hat eine Fahrt nach Niebüll ins Kino organisiert. Da sind wir mitgefahren“, berichtet Willi Schidlowski.

Er erzählt auch von einem Treffen, das an diesem Wochenende stattfindet. Diesmal ist es ein Informationstreffen für Menschen, die sich auch für die Besuchs-freunde interessieren. Das Treffen steht unter dem Motto Körpersprache und findet am Sonnabend in Rothenkrug statt. „Es haben sich schon 41 Teilnehmer angemeldet“, freut sich Willi Schidlowski, der das Konzept der Besuchsfreunde jedem weiterempfehlen kann.

Bevor der Besuch an diesem Tag zu Ende geht, zückt Willi Schidlowski seinen Terminkalender. „Wir treffen uns nicht immer an einem bestimmten Tag. Romy und ich entscheiden bei jedem Besuch neu, wann wir uns das nächste Mal wieder treffen. Jeder kann so seinen eigenen Terminen nachgehen und muss sich nicht zu etwas verpflichtet fühlen.“

Die beiden können sich auf einen Termin nächste Woche einigen und freuen sich schon auf den gemeinsamen Kaffee.

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