Geschichte

Auschwitz-Überlebende erzählt im Sonderburger Kino ihre Geschichte

Sara Wasmund
Sara Wasmund Hauptredaktion
Sonderburg/Sønderborg
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„Arlette - eine Geschichte die wir nie vergessen dürfen“ – der Film entstand nach dem Buch „Arlette – das Mädchen von Auschwitz“ in Regie von Thomas Kvist Christiansen. Foto: Kvist Film

Arlette Andersen hat das Vernichtungslager überlebt. Ein Dokumentarfilm zeigt das Leben der Französin, die 1951 nach Dänemark zog.

Eine der letzten Überlebenden der Hölle von Auschwitz hat am Sonnabend das Kino in Sonderburg besucht und ihre Geschichte erzählt. Arlette Andersen hat es selbst miterlebt: Die Krematorien, aus denen die Asche verbrannter Kinder aufstieg. Wie die Menschen an den Rampen sortiert wurden. Wie Kinder und Alte sofort in die Gaskammer geschickt, die in den Augen der Nazis noch brauchbaren Menschen in die Baracken getrieben wurden. Die unmenschlichen Zählappelle im eiskalten Winter. Kurzum: Die industrielle Vernichtungsmaschine von Juden durch Gaskammern.

Am 23. Januar 1944 kam Arlette Andersen mit dem Viehwaggon Nummer 66 in Auschwitz-Birkenau an, am 18. Januar 1945 verließ sie das Lager in einem der vielen Todesmärsche in Richtung Westen. Arlette Andersen hat beides überlebt. Am Sonnabend besuchte die heute 93-Jährige das Sonderburger Kinorama. Als eine der wenigen noch Überlebenden von Auschwitz erzählt sie ihre Geschichte bis zuletzt. Erinnert unermüdlich an den Holocaust. Das Sonderburger Kino zeigte am Wochenende zweimal die Dokumentation „Arlette – en historie vi aldrig må glemme“. Arlette Andersens Geschichte ist schwer zu vergessen.

Sie wächst als Tochter einer gutbürgerlichen jüdischen Familie mitten in Paris auf, besucht das Mädchengymnasium, studiert. Als 1941 der Massenmord der Juden im Osten beginnt, ist das für Arlette zunächst weit weg. Doch als immer mehr Verwandte „abgeholt“ werden und verschwinden, flieht sie mit ihren Eltern ins zunächst sichere Südfrankreich, wo sie ihr Studium fortsetzt. Doch auch Südfrankreich wird von Nazi-Deutschland besetzt, eines Tages kommt es zur Razzia an der Universität von Clermont-Ferrand. Arlette wird inhaftiert. Im jüdischen Ghetto von Drancy wartet sie mit vielen der 75.000 der aus Frankreich deportierten Juden auf ihr Schicksal. Im Januar 1944 wird sie in den Viehwaggon Nummer 66 gepfercht. Drei Tage und Nächte fährt der Zug, bis er sie in Auschwitz wieder ausspuckt.

Es ist Nacht, die Schäferhunde bellen und beißen. Die Aufseher schreien auf Deutsch und Polnisch. Kinder und Alte werden ins Gas gefahren. Arlette kommt in eine Baracke, ihr werden die Haare abrasiert. Auf ihren Arm tätowiert man ihr die Nummer 74853. „Ist das deine Telefonnummer“, habe sie ein Schüler später gefragt. „Ich habe die Nummer nie entfernen lassen. Es ist nichts, wofür man sich schämen muss. Sie dokumentiert, wie es war. Was geschehen ist“, erzählt Arlette Andersen im Sonderburger Kino.

Was geschehen ist – ein Jahr lang lebt, überlebt Arlette in Auschwitz. „Jeden Morgen um 4 Uhr fand der Zählappell statt. Wir standen stundenlang bei eisigen Minusgraden, durften uns nicht bewegen. Wenn sich jemand verzählte oder jemand fehlte, fing alles von vorne an.“

Arlette geht zunächst in Dreck und Kälte arbeiten, doch ein französischer Industrieller stellt sie und ihre Freundin Denise in seiner Fabrik an – und rettet ihr damit das Leben. Sie „dürfen“ in Auschwitz 1 leben, einem etwas besseren Lager. Die durchschnittliche Überlebenszeit in Auschwitz liegt – für Menschen, die nicht direkt in die Gaskammer müssen – bei drei Monaten. Arlette übersteht wie durch ein Wunder das Lager und zwei Todesmärsche. Im Mai 1945 kommt sie frei – und kehrt nach Paris zurück.

Arlette Andersen beim Vortrag über ihre Geschichte. Der Dokumentarfilm soll in absehbarer Zeit für Filmvorstellungen, beispielsweise an Schulen, kostenlos online gestellt werden. Foto: Kvist Film

Eltern haben überlebt

Ihre Eltern haben in Südfrankreich überlebt, Arlette nimmt ihr Studium wieder auf. Auf einer Reise lernt sie in Kopenhagen ihren Mann kennen, 1951 zieht sie nach Dänemark, wo sie jahrzehntelang als Französischlehrerin arbeitet.

„45 Jahre lang hat Arlette niemandem etwas erzählt. Dann, als 1990 Politiker das Wort ergriffen und behaupteten, der Holocaust sei nur ein Detail in der Geschichte, hat Arlette sich entschlossen, ihre Geschichte zu erzählen“, so Regisseur Thomas Kvist Christiansen.

Das Publikum im voll ausverkauften Saal des Sonderburger Kinoramas bedankte sich für diesen Mut mit stehendem und lange anhaltendem Applaus.

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