Deutsche Minderheit

Selbstkritik erst mit neuer Generation in Minderheitenspitze

Volker Heesch
Volker Heesch Hauptredaktion
Sankelmark
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Henrik Skov Kristensen
Der Direktor der Akademie Sankelmark, Dr. Christian Pletzig (l.) hatte die Neujahrstagung des Bundes Deutscher Nordschleswiger eröffnet. Dort hielt Dr. Henrik Skov Kristensen (r.) den ersten Vortrag. Foto: Volker Heesch

Der Historiker Henrik Skov Kristensen berichtete über verspätete Beschäftigung der deutschen Nordschleswiger mit braunem Erbe

„Im Jahre 1975 gab es einen wichtigen Schnitt in der Geschichte der Minderheit. In dem Jahr saßen nicht länger belastete Personen in Spitzenfunktionen des BDN“, berichtete der Historiker und Leiter des „Frøslevlejrens Museum“, Dr. Henrik Skov Kristensen, in seinem Vortrag „Gerningsmænd eller ofre“, in dem er, wie berichtet, über die Aufarbeitung der braunen Vergangenheit in Deutschland und in der Minderheit referiert hatte.

Skov Kristensen erläuterte, dass mit der Übernahme des Amtes des BDN-Generalsekretärs durch Peter Iver Johannsen 1973 als Nachfolger Rudolf Stehrs und dem Wechsel an der Spitze des BDN von Harro Marquardsen zu Gerhard Schmidt im Jahre 1975 sich die Position der Minderheit gegenüber der Mehrheitsbevölkerung deutlich verbessert hatte, weil keine Personen mit NS-Lasten mehr amtierten.

Nachdem Anfang der 1960er Jahre noch zaghafte Versuche jüngerer Nordschleswiger, die Vergangenheit der Minderheit vor 1945 zu beleuchten, verhindert worden waren, warf der in Nordschleswig um Jahre verspätete „68er-Aufruhr“ auch in dort neue kritische Fragen auf, so der Historiker. Die Veröffentlichung des Buches von Manfredt Spliedt, „Sådan en dum knægt“ , im Jahre 1975 warf der Führung der deutschen Minderheit vor, Hunderte junge Leute aus den Reihen der Minderheit als „Kriegsfreiwillige“ in den Tod getrieben zu haben.

Spliedt, Jahrgang 1929, war selbst Zeuge der Vorgänge in Hadersleben gewesen. Kritische Geister in der deutschen Minderheit trafen sich im Arbeitskreis junger Nordschleswiger, wo Kurt Seifert 1976 feststellte, dass Vergangenheitsbewältigung offenbar für die Minderheit ein rotes Tuch darstelle. Während die kritischen Köpfe, u. a. Peter Hopp und Immo Doege, in eigenen Schriften die NS-Vorgeschichte der Minderheit aufs Korn nahmen, gab es Protest-Leserbriefe im Nordschleswiger und Angriffe des damaligen Leiters von Danmarks Radios Radio Syd, Bjørn Svensson, der Nordschleswiger präsentiere sich mit antisemitischem Unterton.

Die Veröffentlichung des wissenschaftlichen Werkes von Ditlev Tamm über die Rechtsabrechnung nach 1945 im Jahre 1984 habe den neuen Kurs weiter befördert, der sich auch in vielen Kommentaren des neuen Chefredakteurs des Nordschleswigers, Siegfried Matlok, widerspiegelte. Dieser habe sogar noch vor Bundespräsident Richard von Weizsäcker im Jahre 1985 festgestellt, dass 1945 auch Deutschland befreit worden sei. Ebenso habe die Rede Dieter Wernichs auf dem Knivsberg 1987 gezeigt, dass in der Deutschen Minderheit nicht länger die Augen vor der eigenen Vergangenheit verschlossen wurden. Bezeichnend war, dass man in den folgenden Jahren auch die Verdienste des Mitverschwörers beim Hitlerattentat am 20. Juli 1944, Jens Jessen, gewürdigt hat.

Die „Entdeckung“ von Kriegsverbrechernamen auf Tafeln der Knivsberg-Gedenkstätte um 2010 habe gezeigt, dass man bei der Vergangenheitsbewältigung zu lange den Kopf in den Sand gesteckt habe, wie Matlok im damals Kommentar feststellte.

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