Nachbarsprachenkonferenz

Die Sprache der anderen

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
Nordschleswig
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Camilla Hansen von UC Syd in Hadersleben brachte neue Forschungsergebnisse mit zur Nachbarsprachenkonferenz in Tondern. Foto: Tim Riediger/Region Sønderjylland-Schleswig

Über 100 Interessierte sind am Donnerstag zur Nachbarsprachenkonferenz der Region Sønderjylland-Schleswig nach Tondern gekommen. Auf ihr wurde unter anderem deutlich: Dänische Schüler haben oft keine Lust, Deutsch zu lernen.

Warum müssen wir Deutsch lernen? Die anderen können doch auch Englisch. Diese Einstellung erleben viele dänische Lehrer bei ihren Schülern, wenn es um das Fach Deutsch geht. Das Interesse für die deutsche Sprache ist über Jahrzehnte geringer geworden, doch seit einigen Jahren setzen sowohl Landes- als auch Lokal- und Regionalpolitiker verstärkt auf Deutsch als zweite Fremdsprache hinter Englisch.

Bei einer Nachbarsprachenkonferenz der Region Sønderjylland-Schleswig am Donnerstag im Ecco Center in Tondern legte Camilla Hansen, Forscherin am Institut für Minderheitenpädagogik am University College Syd in Hadersleben, die neuesten Ergebnisse aus einer Studie mit Deutschlehrern in Dänemark vor. Im Oktober wird es für diese Lehrergruppe nämlich ein neues Fortbildungsangebot geben, doch „erst einmal wollten wir wissen, welche Probleme es gibt“, sagte Hansen.

Schüler haben wenig Lust auf Deutsch

Von den 748 Befragten sind 83 Prozent als Deutschlehrer ausgebildet. Dennoch meinen 54 Prozent, dass sie selbst mehr Fortbildung im Fach Deutsch benötigen, während 43 Prozent mehr aktuelles Unterrichtsmaterial und 46 Prozent eine deutsche Partnerschule wünschen. Zu den Haltungen der Schüler befragt, sagten 65 Prozent der Lehrer, dass die Schüler glauben, Deutsch nicht lernen zu müssen, weil Englisch die universelle Sprache ist. Auch wissen die Lehrer (64 Prozent), dass viele Schüler die deutsche Sprache sehr schwierig finden.

„Die Deutschlehrer in Dänemark fordern Politiker und Medien dazu auf, die deutsche Sprache gut zu reden. Das gilt auch für Eltern", meint Camilla Hansen. „Viele haben schlechte Erinnerungen an den Deutschunterricht in ihrer eigenen Schulzeit und prägen damit ihre Kinder.“ Dabei ist das Wichtigste am Deutschunterricht, dass die Schüler die Sprache aktiv sprechen, sagen die Lehrer, weshalb der frühe Sprachunterricht – zum Beispiel Deutsch in Nordschleswig – extrem wichtig ist. Hinzu kommt von den Lehrern die Forderung nach mehr Deutschstunden (anfangs nur eine Stunde wöchentlich) als bisher.

Rund 100 Interessierte waren nach Tondern gekommen. Foto: Tim Riediger/Region Sønderjylland-Schleswig

„Darüber hinaus ist es wichtig, die vielen Initiativen zu koordinieren, um dadurch einen gemeinsamen Einsatz zu leisten, statt dass jeder für sich den eigenen Weg sucht“, sagt Camilla Hansen.

In Schleswig-Holstein lernen fast 5.000 Schüler an den Mehrheitsschulen die Nachbarsprache Dänisch – allerdings erst ab der 7. Klasse. Darüber hinaus muss sich Dänisch gegenüber anderen Fremdsprachen wie Französisch, Russisch, Spanisch und Latein behaupten.

Initiativen unterstützen

Inzwischen gebe es auch kleine Initiativen in 5. und 6. Klassen, berichtete Renate Jacob vom Institut für Qualitätsentwicklung an den Schulen in Schleswig-Holstein. Es gehe unter anderem darum, den beruflichen Aktionsradius der Schüler zu erweitern.

Lehrer Stephan Lobsien von der IQSH ergänzte, dass die Dänisch-Projekte in Schleswig-Holstein – unter anderem in den Kindergärten – großartig seien, aber die dänische Sprache werde in den Schulen in Schleswig-Holstein nicht gefestigt. „Es gibt einen Bruch bis zur 7. Klasse. Dabei müssten wir unsere kleinen Leuchttürme stärken“, sagte Lobsien.

Sprachenforscherin Karen Aarøe von UC Syd hat den frühen Sprachunterricht (seit 2015/1016) in den Kommunen Tondern und Apenrade untersucht. Sie hat unter anderem festgestellt, dass viele Schüler keinen kulturellen Bezug zur Nachbarsprache Deutsch haben: Sie sehen kein deutsches Fernsehen, hören keine deutsche Musik und kennen keine Deutschen. Auch das sei eine Aufgabe der Schule, diesen kulturellen Bezug herzustellen, so Aarøe. Es gebe unter anderem einen Bedarf der Vernetzung zwischen deutschen und dänischen Schulen beiderseits der Grenze.

Dies müsse nicht nur über die Grenze verlaufen, so Anne-Sofie Dideriksen, Vorsitzende der Deutschen Privatschule Apenrade, sondern auch die Schulen der Minderheiten könnten ihren Beitrag zur deutsch-dänischen Vernetzung leisten.

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