Anders Wohnen

Holzhacken und Lagerfeuer statt Fernsehen, Internet und Konsumwelt

Marlies Wiedenhaupt
Marlies Wiedenhaupt Hauptredaktion
Apenrade/Aabenraa
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Enten an einem Baum am See.
Hier hat Danny wieder zu sich selbst gefunden. Foto: Karin Riggelsen

Der 41-jährige Danny Ritschel-Linke lebt fünf Tage die Woche mitten in der Natur – mit Wohnwagen, offener Küche und Bad im See.

Der 41-jährige Danny Ritschel-Linke lebt fünf Tage die Woche mitten in der Natur – mit Wohnwagen, offener Küche und Bad im See.

Wenn Danny morgens aus dem Bett steigt, um sich Tee zu kochen, muss er erst ein Stück Rasen überqueren – Rasen, der manchmal feucht ist von Tau oder Regenwasser. Der 41-Jährige schläft in einem Wohnwagen, und die Küche – mit einem kleinen gasbetriebenen Herd inklusive Backofen – liegt „ein Stück zum See runter“. Die Küche ist Teil einer nach vorn offenen Wohnstube mit Sitzgelegenheiten, die oben von einem Blechdach und an zwei Seiten von einem mit Bäumen und Büschen bewachsenen Wall begrenzt wird.

Hat Danny tags zuvor vergessen, den Wasserkanister aufzufüllen, muss er zunächst die Pumpe anwerfen, um an Wasser zu kommen. Aber das passiert ihm so gut wie nie, denn dieses alternative Wohnen ist ihm längst vertraut.

Foto: dpa

Vor 26 Jahren haben sein Vater, sein Bruder und er das drei Hektar große Seegrundstück, das zu einem Drittel aus See besteht, in der Nähe einer kleinen Gemeinde im Kreis Schleswig-Flensburg gekauft – und seitdem viele Wochenenden und Urlaube dort verbracht und in dem sechs Meter langen Wohnwagen mit vier Schlafplätzen übernachtet.

2015 hat der pädagogische Helfer (pædagogisk medhjælper), der seit 16 Jahren in der Freizeiteinrichtung der Deutschen Privatschule (K.i.M.) arbeitet, sogar ein halbes Jahr am Stück dort gewohnt. Zurzeit lebt der gebürtige Flensburger fünf Tage die Woche in der vielen wohl eher ungewöhnlich erscheinenden Unterkunft am See.

Auslöser dafür, anders wohnen zu wollen, hing mit der Trennung von seiner Freundin zusammen. „Ich wollte ausprobieren, wie es ist, so in der Natur zu leben“ erzählt der gelernte Industriemechaniker. „Ich war weit weg von meinen Wurzeln, fühlte mich eingeengt und musste wieder zu mir finden. Dort am See ist vieles weit weg, und vieles nicht so wichtig. Außerdem rast die Zeit dort nicht so.“

Im Vordergrund standen nun überwiegend elementare Dinge: Im See baden oder sich mit Brunnenwasser waschen statt die Dusche aufzudrehen. Plumpsklo statt Toilette mit Wasserspülung. Rasenmähen, Holzhacken und Lagerfeuer statt Fernsehen, Internet und Konsumwelt. Kartoffeln und Rote Bete, Rucola und Mangold, Pflücksalat, Kräuter und vieles mehr aus den eigenen Hochbeeten ernten und zubereiten statt Tiefkühlpizza.

Die Teichmuscheln sind essbar. Foto: Karin Riggelsen

Wenn Danny Ritschel-Linke dort in seiner kleinen Küche steht, mit Blick auf den See, dann ist da kein Fernseher, der ihn ablenkt. Er kann sich voll und ganz auf das Verarbeiten der frischen Zutaten konzentrieren. „Man wird kreativ und macht etwas aus dem, was da ist“, versichert Danny, der auch eine Zeit lang versucht hat, sich sich vegan zu ernähren. „Heute esse ich zwar etwas Fleisch, aber bewusst wenig. Es tut gut, bewusst zu essen“, so Danny über seine neuen Essgewohnheiten.

Die alternative Wohnweise hatte nicht nur positive Auswirkungen auf seinen Geschmackssinn. Nein, auch sein Hörsinn wurde geschärft. Er hört bewusst zu, wenn die Vögel zwitschern, wenn die Marder poltern, wenn der Fuchs bellt und wenn seine eigenen Gänse schnattern. „Bei Gefahr machen die richtig Alarm. Sie werden auch gerissen, weil sie dort frei laufen. Ich habe gelernt, Geräusche zuzuordnen, aber manchmal ist dort eine Totenstille, die einem richtig laut vorkommt.“

Das Leben zwischen Wohnwagen und See, Küche und Hochbeeten – „man legt dort ziemlich lange Wege zurück“ – hat den 41-Jährigen gestärkt. Danny fand nicht nur wieder zu sich, sondern auch zu einem neuen Lebensgefühl. „Mein Kopf ist frei, ich bin entspannt und fröhlich – so wie ich mich kenne. Ich bin zufrieden und genieße das Leben.“

Auch sein 14-jähriger Sohn ist mit dem Leben in der Natur vertraut. „Er ist da ja mehr oder weniger aufgewachsen. Am Wochenende ist er öfter mal bei mir oder zwei, drei Wochen am Stück in den Ferien.“

Als 2015 der Winter kam, ist Danny – nach einem halben Jahr in der Natur – nach Flensburg in die Wohnung seines Vaters gezogen, wo er zwei Zimmer hat. „Aber ich habe mich so an das Schwimmen im See gewöhnt, dass ich, auch als ich schon in Flensburg wohnte, nach der Arbeit erst mal zum See gefahren bin. Mein Körper brauchte das. Das letzte Mal habe ich im vergangenen Jahr am zweiten Advent gebadet.“

Heute wohnt Danny fünf Tage die Woche am See und zwei Tage in der Flensburger Wohnung. „Zum Wäschewaschen.“

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