Lebensfreude

Vor dem Tod zählt für Julie das Leben – und ein unvergesslicher Ausritt am Süderstrand

Sara Wasmund
Sara Wasmund Hauptredaktion
Röm/Rømø
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„Auf dem Pferd fühle ich mich, als hätte ich meinen alten Körper wieder“, sagt Julie Schow Mouritsen. Foto: Silke Dülsen

Die 36-jährige Julie Schow Mouritsen ist todkrank und erfüllte sich auf der Insel Röm den Traum vom Ritt am Meer. In den vergangenen zehn Jahren hat der Krebs ihr Leben erschwert – aber die Lebensfreude konnte die Krankheit der zweifachen Mutter nicht nehmen.

Die Sonne über der Insel Röm strahlt mit dem Glitzern der Nordsee um die Wette. Als wüsste sie, dass sie für Julie Schow Mouritsen noch einmal alles geben muss. Weil dieser Ritt am Strand einer der letzten Wünsche ist, den sich die 36-Jährige erfüllt, bevor sie sterben wird.
Isländerwallach Lysingur trägt Julie Schow Mouritsen über den Sand. Schritt und Tölt schaukeln die Reiterin am Wasser entlang. Der Süderstrand ist endlos, das Leben der Reiterin viel zu endlich. Der Krebs ist zurück im Leben der zweifachen Mutter. Zehn Jahre galt die Leukämie als besiegt, doch vor drei Jahren ist der Krebs zurückgekehrt, um zu bleiben.

Der Knochenkrebs hat sich im ganzen Körper ausgebreitet, auch die Lunge ist mittlerweile befallen. Ob sie noch ein Jahr oder wenige Monate zu leben hat, kann ihr niemand sagen.

Julie Schow Mouritsen will sich mit dem Ausritt am Strand von Röm nicht nur einen ihrer letzten Wünsche erfüllen. Sondern vor allem zeigen: Vor dem Tod kommt das Leben – und das ist es wert, bis zur letzten Minute gelebt und genossen zu werden. Jeden Tag. Und wie sie es genießt. Die Insel macht es ihr leicht. Der Wind weht Pferd und Reiterin um die Ohren, die Wellen brechen in weißem Schaum. Die Schönheit der Insel lässt Julie Schow Mouritsen fast vergessen, dass sie eine künstliche Hüfte hat und ihr das linke Unterbein amputiert werden musste, weil sich der Krebs langsam durch den Körper fraß. Jetzt zählt nur der Moment, als sie mit ihrer Rittführerin Helle Thomsen und einer Freundin über den Strand reitet. „Ich muss so viel lachen, meine Zähne sind ganz trocken“, ruft Julie Schow Mouritsen lachend in die salzige Nordseeluft, der anderthalbstündige Ritt im Lammfellsattel führt am Süderstrand an einer Robbe vorbei, die sich im Sand sonnt.

Die Natur scheint alles geben zu wollen, für diesen einen, diesen besonderen Ausritt. Für Helle Thomsen ebenfalls ein unvergesslicher. Sie war über Facebook auf das Schicksal der Frau aufmerksam geworden. „Ich las, dass es ihr großer Traum war, am Wasser entlang zu reiten. Sie hat immer Pferde gehabt, zuletzt einen Isländer, der momentan aber nicht reitbar ist. Also habe ich ihr geschrieben, dass ich ihr diesen Traum gerne erfüllen will und ihr den Ausritt schenke“, so Helle Thomsen, die auf Röm einen Reitstall betreibt, der auch Islandpferde bereitstellt. Durch den weichen Gang der kleinen Pferde ist das Reiten auf ihnen trotz der körperlichen Einschränkungen bequem möglich.

Am Sonnabend war es so weit: Helle Thomsen reitet mit Lysingur zum Süderstrand, wo Julie Schow Mouritsen wartet. Dann beginnt der Ritt, links hinab zu den großen Dünen und dem Wasser. Die Tour endet am Hof, auch für den Rückweg durch Heide und Wald hat Julie Schow Mouritsen noch genug Kraft. Dass sie die zwei Wochen zuvor im Hospiz mit einer Lungenentzündung verbracht hat, ist schwer zu glauben.

Die Insel mit ihrer Energie, ihrem Kraftfeld, wie es Helle Thomsen nennt, haben der Besucherin neue Stärke mit auf den Weg gegeben.
„Ich freue mich, dass wir die Pferde und die Insel benutzen konnten, um Julie zu helfen und ihr eine Freude zu machen. Sie hat so eine unglaublich starke Botschaft: dass sich das Leben immer zu leben lohnt, auch wenn ein Ende absehbar ist. Das hat mich sehr berührt, denn das ist eine unglaublich starke Einstellung. Das Leben zu leben, ohne Wenn und Aber.“

Für Julie Schow Mouritsen hat sich mit dem Ritt ein Traum erfüllt. Doch sie wäre nicht sie, wenn sie daraus „ein letztes Mal“ machen würde. „Ich komme wieder“, sagt sie zum Abschied zu Helle Thomsen. Sie glaubt fest daran. Und das gibt ihr jene Kraft, der Krankheit die Stirn zu bieten. Solange es geht, geht das Leben von Julie Schow Mouritsen weiter. Und in manchen Momenten scheint es dann trotz allem endlos wie der Strand von Röm.

Helle Thomsen, Julie Schow Mouritsen und die Freundin... Foto: Silke Dülsen

Julie, du gehst sehr offen damit um, dass du in absehbarer Zeit sterben wirst. Deine Krebskrankheit und dein Umgang damit haben über Facebook bereits viele Menschen berührt. Woher nimmst du die Kraft für deine Lebensfreude?
Es ist bestimmt nicht jeden Tag so, dass es mir gut geht. Manchmal denke ich: Das war es, jetzt stirbst du. Aber ich komme immer wieder hoch. Denn eines ist mir wichtig. Zu zeigen: Auch wenn ich todkrank bin, lebe ich. Und ich will jeden einzelnen Tag, der mir noch bleibt, bewusst leben und genießen. Im Grunde ist es doch so: Jeder von uns muss sterben. Mir ist nur sehr bewusst, dass ich sterbe und dass es früher sein wird als normal. Aber das gibt meinem Leben jetzt eine große Lebensqualität. Mir ist bewusst, wie kostbar meine Lebenszeit ist.

Am vergangenen Wochenende hast du dir auf Röm mit dem Ritt am Strand einen Traum erfüllt. Gibt dir die Erinnerung neue Kraft für den Alltag?
Ganz bestimmt. Wenn schlimme Tage kommen, und die gibt es ja auch, dann kann ich mich inmitten der Schmerzen an diesen Ritt erinnern. Und dann muss ich lächeln, weil es so unglaublich schön war. Diesen Tag habe ich jetzt in meinem Rucksack, und ich denke sehr oft daran. Und dann geht es mir gleich besser.

Die vergangenen zwölf Jahre waren von Krankheit geprägt. Trotzdem hast du zwei Kinder bekommen, Mads (5) und Ella (3). Du hast dir ein Islandpferd gekauft, um weiter reiten zu können und machst anderen Mut, das Leben bewusst zu genießen. Wie reagieren die Menschen um dich herum auf diese starke Lebenseinstellung?
Nicht wenige Menschen sagen, wenn sie mit mir reden, als Erstes: Ach, wie schlimm das mit dir ist; wie furchtbar, dass du so krank bist. Ich sage dann: Ja, aber ich will das nicht in den Mittelpunkt stellen. Denn wenn ich an all die Schmerzen und Behandlungen und die vielen Monate im Krankenhaus denken würde, dann könnte ich ja gar nicht mehr klarkommen. Zwei Wochen vor der Geburt meiner Tochter wurde mir das linke Bein zur Hälfte amputiert. Ich habe mittlerweile eine neue Hüfte und Schrauben im Rücken. Und dazu kommt: Wenn die Ärzte damals die Ursache für meine schlimmen Schmerzen im Fuß schneller erkannt hätten, dann hätte sich der Krebs nicht unbemerkt so sehr ausbreiten können, und ich hätte jetzt noch beide Beine. Aber was bringt es, in der Vergangenheit zu denken? Nichts, das macht nur kaputt. Daher blicke ich nach vorne und lasse all das hinter mir. Ich will leben, solange ich lebe.

Dein Ausritt auf Röm ist dafür ein starkes Beispiel.
Ich will anderen Menschen Mut machen, sie inspirieren. Wenn ich das mit meinem kaputten Körper tun kann, dann können es andere auch tun! Und beim Reiten kann ich meine Krankheit, meine Schmerzen, völlig vergessen. Ich brauche natürlich Hilfe beim Auf- und Absteigen. Aber sobald ich im Sattel sitze, fühlt es sich wieder nach mir und meinem alten Körper an, und ich denke keine Sekunde an die Krankheit.
Deshalb habe ich mir auch vor zwei Jahren meine Islandstute Gloa gekauft, obwohl ich gerade die Diagnose erhalten hatte, dass ich wieder Krebs hatte. Das Reiten hat mir Freude und damit Kraft gegeben.

Weihnachten steht vor der Tür – denkst du daran, dass es dein letztes Fest mit deiner Familie sein könnte?
Ich versuche, nicht daran zu denken. Ich denke daran, dass wir jetzt zusammen Weihnachten feiern und wir es uns schön machen. Ich will jeden Tag leben, als ob es der letzte ist. Und genau das tue ich. Und das sollte jeder Mensch tun.

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