Leitartikel

Nord kontra Süd

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
Apenrade/Aabenraa
Zuletzt aktualisiert um:
Moderne Wohnhäuser in Mailand, Hauptstadt der Lombardei – einer der reichsten Regionen Europas. Foto: Lian Jonkman/Unsplash

In Dänemark belächeln viele die südeuropäischen Länder. Dazu bestehe dazu nun wirklich kein Anlass, meint Chefredakteur Gwyn Nissen. Skandale und Pannen gebe es schließlich in Dänemark genug – man denke nur an die 100 Milliarden entführten Steuerkronen. Vielleicht sollte man in Dänemark lieber darauf achten, was man von Italienern und Griechen lernen kann, meint Nissen.

Es war schon immer so: indem wir andere Länder durch Vorurteile und Klischees definieren, stellen wir uns selbst als stärkere, bessere, klügere und effizientere Nation da. Der Erfolg gibt uns recht: Dänemark ist in den letzten Jahren immer wieder zur glücklichsten Nation der Welt gekührt worden. Derzeit zwar von Norwegen überholt, aber nach drei Jahren an der Spitze fühlen sich die Dänen immer noch...ja, Spitze.

Uns im Norden geht es eben gut. Wir sind eine effiziente, hart arbeitende Gesellschaft, frei von Korruption, diszipliniert – ganz anders als im Süden. „Aber wer sind wir, die wir uns zum Richter über die südeuropäische Infrastruktur machen. Wir mit unseren Problemen mit DSB und der Letbane in Aarhus“, sagte der dänische Historiker und Europaexperte, Professor Uffe Østergård, kürzlich in einem Interview mit Jyllands-Posten.

Er hätte auch ganz andere Beispiele nennen können: den Steuerskandal bei dem Dänemark rund 100 Milliarden Kronen durch die Lappen gegangen sind, den Skandal mit den neuen Signalen für das Eisenbahnnetz (das den Kauf der italienischen IC4-Züge wie ein Schnäppchen aussehen lässt), die unzähligen IT-Systeme von Polizei, Krankenhäusern und Steuerbehörde (ja, die nochmal) die nicht so laufen wie sie sollten (bzw. gar nicht laufen), oder ein Postwesen, das vor dem Untergang steht und und und.

Wer sind wir, die mit dem Finger auf den Süden zeigen? Die italienische Veneto-Region gehört zu den effizientesten in Europa, und auch in Südeuropa arbeitet man viele Stunden, klärt Uffe Østergård auf.

Schauen wir stattdessen auf unsere eigenen Herausforderungen im Lande, statt uns über andere Nationen lustig zu machen – oder denen etwas abverlangen, das wir selber nicht einmal leisten können. Durch die – angeblichen – Schwächen anderer, verschwinden unsere Probleme auch nicht. Es ist an der Zeit, das Selbstbild neu zu definieren. Übrigens leben Griechen und Italiener zum Beispiel länger als wir. Vielleicht sollten wir daraus lieber unsere Lehren ziehen.

Mehr lesen