Leitartikel

Ventilkappen

Siegfried Matlok
Siegfried Matlok Senior-Korrespondent
Apenrade/Aabenraa
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Bildungs- und Forschungsminister Søren Pind (l.) mit Staatsminister Lars Løkke Rasmussen. Foto: Scanpix

Bildungs- und Forschungsminister Søren Pind hat darauf hingewiesen, dass Fremdsprachen für die Dänen der Schlüssel zur Welt sind, und dass es im eigenen Interesse notwendig ist, andere Sprachen als nur die Weltsprache Englisch zu lernen. Es fehlt der dänischen Regierung jedoch der Mut, Deutsch offiziell als zweite Fremdsprache einzuführen, meint Siegfried Matlok .

Vorsicht bei dieser Überschrift, denn bei Ventilkappen geht es nicht um Autoreifen, sondern um das Ventil zur deutschen Sprache. Aufklärung folgt!
Die Regierung Løkke hat nach langer Zeit die so dringend, ja sehnsüchtig erwartete nationale Sprachenstrategie vorgelegt. Bildungs- und Forschungsminister Søren Pind hat darauf hingewiesen, dass Fremdsprachen für die Dänen der Schlüssel zur Welt sind, und dass es im eigenen Interesse notwendig ist, andere Sprachen als nur die Weltsprache Englisch zu lernen.

Dabei hat er vor allem die Bedeutung der französischen und deutschen Sprache unterstrichen. Wer seine Strategie über 27 Seiten sorgfältig liest, wird zunächst feststellen, dass das Wort französisch häufiger genannt wird als deutsch. Das mag Zufall sein, mag vielleicht einem frankophilen Interesse des Ministers entsprechen, und sagt zunächst nichts über den Inhalt. Fazit: die Sprachenstrategie bringt gewisse Fortschritte – nicht nur weil rund 100 Millionen Kronen zusätzlich bereitgestellt werden. Ein neues nationales Sprachenzentrum auf beiden Seiten des Großen Beltes soll jährlich einen Bericht über den Fremdsprachenstatus liefern. Gut so, aber wenn man an die große Deutschlandstrategie der Vorgänger-Regierung Løkke denkt, dann hat der Berg doch eher gekreißt.

Nennen wir einige Fakten aus dem Bericht: Die Zahl der Studenten, die mindestens drei Sprachen erlernen, ist von 28 Prozent im Jahre 2007 auf zwei Prozent im Jahr 2016 zurückgegangen. Kaum Interesse. Also werden natürlich auch Deutschstudien gestrichen, nun sogar an der CBS Kopenhagen. Von den Abgangsschülern der 9. Klasse 2016 hatten 98 Prozent Englisch, 82 Prozent Deutsch und zehn Prozent Französisch. Süddänemark ist dabei – auch dank der deutschen Minderheitenschulen – landesweit Deutsch-Spitzenreiter. Bei rund 25.000 Job-Anzeigen, in denen von der Wirtschaft im ganzen Lande Fremdsprachen-Kompetenz angefordert wird, wurde 21.700 mal Englisch erwünscht, 3.442 mal Deutsch und nur 367 mal Französisch.

Das spricht eine deutliche Sprache – ebenso leider die Tatsache, dass die sprachlichen Fähigkeiten nach der Volksschule auch im Fach Deutsch deutlich wesentlich niedriger liegen als im Englischen.

Es bedarf also – auch anerkannt in der Strategie – einer deutlichen Kurskorrektur, die als (Über-)Lebenskette von den Grundschulen über das Gymnasium zu den Universitäten führen muss. Bei der logischen Schlussfolgerung aus den Statistiken, nämlich Deutsch offiziell als zweite Fremdsprache einzuführen, ohne andere Fremdsprachen zu diskreditieren, fehlt der Regierung jedoch leider der Mut, obwohl politische Weichenstellungen drei Minuten vor Zwölf dringend geboten sind.

Eine Erklärung, warum das Fach Deutsch für die Dänen von großer Wichtigkeit ist, lieferte kürzlich bei einer Diskussion der deutsch-dänischen Kulturgesellschaft an der Universität Aarhus ausgerechnet ein Volkswirtschaftler: Ökonomie-Professor Philipp Schröder aus Aarhus, Mitglied im Disruptionsrat von Lars Løkke, nannte als Beispiel just die oben genannten Ventilkappen. Bei einem Stuttgarter Groß-Unternehmen konkurrieren ein Däne und Südkoreaner um einen Millionen-Handel mit Ventilkappen. Beide können Englisch, aber wenn der Däne auch Deutsch sprechen könnte, dann hätte er einen Vorteil: ökonomisch aber auch humanistisch.

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