100 Jahre Deutsche Minderheit

Teil 19: Freigemeinde oder Teil der dänischen Volkskirche?

Teil 19: Freigemeinde oder Teil der dänischen Volkskirche?

Teil 19: Freigemeinde oder Teil der dänischen Volkskirche?

Sonderburg/Sønderborg
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Epitaph der Familie Nissen Foto: Karin Riggelsen

Museumsleiter Hauke Grella erklärt in dieser Woche, wie es zur Gründung der Nordschleswigschen Gemeinde kam.

Wie allgemein bekannt, mussten dänisch- wie deutschgesinnte Nordschleswiger gleichermaßen für Deutschland in den Ersten Weltkrieg ziehen. Ungefähr 5.300 Nordschleswiger mussten auf den Schlachtfeldern ihr Leben lassen. Vielerorts in Nordschleswig, aber auch darüber hinaus, wird dieser Toten gedacht. Dies geschieht auf unterschiedliche Art. So versuchte man an einigen Orten, nach Gesinnung zu trennen. Anderenorts, wie in Sonderburg, gestaltete man die Gedenkstätten so neutral, dass sich beide Seiten darin wiederfinden konnten.

In vielen Familien, zumindest den deutschgesinnten, hingen zum Gedenken auch die vom Deutschen Kaiserreich übersandten Gedenkblätter. Dass diese auf der dänischen Seite nicht unbedingt populär waren, kann man schon aus dem Text der Blätter ableiten. Dort stand u. a.: „Er starb fürs Vaterland am …“. Andere Familien entschieden sich, ihrer Trauer eine eigene Note zu geben. So auch die Familie Nissen aus Skjeldbeck/Skelbæk bei Tingleff. Sie ließ nach dem Ersten Weltkrieg ein Epitaph, eine Art Gedenkschrein, von einem Bildhauer und Tischlermeister anfertigen.

Erschreckend ist hier, wie hart die Familie durch den Ersten Weltkrieg getroffen wurde. Gleich drei Söhne wurden der Familie genommen. Ein vierter, Jacob Nissen, erblindete am 30. Januar 1915 bei der Explosion einer Granate vollkommen. Obwohl vom Schicksal hart getroffen, wird er nach der Volksabstimmung 1920 eine der treibenden Personen hinter der Gründung der „Evangelisch-lutherischen Gemeinde der schleswig-holsteinischen Landeskirche“. Später wurde der Name dann in „Nordschleswigsche Gemeinde der evangelischen-lutherischen Landeskirche Schleswig-Holstein“ oder kurz Nordschleswigsche Gemeinde geändert.

In den Stadtgemeinden Apenrade, Hadersleben, Sonderburg und Tondern hatte man nach der Volksabstimmung schnell eine Lösung gefunden, um eine kirchliche Versorgung in deutscher Sprache sicherzustellen. Zu diesem Zweck wurde in den Kirchengemeinden der dänischen Volkskirche ein weiterer Pastor angestellt, der für den deutschen Teil der Gemeinde zuständig war.

Anstellung eines Zweit-Pastors

In den Landgemeinden war vorgesehen, dass die Versorgung in deutscher Sprache entweder durch die Anstellung eines Zweit-Pastors sichergestellt werden sollte oder dass Gemeinden durch einen deutschsprachigen Pastor aus angrenzenden Nachbargemeinden versorgt werden. Diese Regelungen kamen aber nicht wirklich zum Tragen. Was viele nicht wissen, ist in wie in vielen ländlichen Gemeinden 1920/21 über den Verbleib der bisherigen, in der „deutschen Zeit“, angestellten Pastoren abgestimmt wurde. Erstaunlicherweise stimmte man in 35 von 42 Gemeinden für den Verbleib der bisherigen Pastoren.

Dies sorgte dafür, dass man anfangs vielerorts wohl auch keinen Bedarf für die geschaffenen Regelungen sah. Dies sollte sich aber schnell ändern. Hier exemplarisch gezeigt an der ländlichen Gemeinde Tingleff, in der Jacob Nissen die treibende Kraft war.

Bei der 1920 durchgeführten Gemeinderatswahl kam es Ende 1920 zu einem sehr knappen Ergebnis. 263 Stimmen gingen an die dänische Seite, 244 an die deutsche. Kurz darauf beschloss der Gemeinderat, dass deutschsprachige Gottesdienste einmal im Monat angeboten werden sollten. Dazu kamen drei Gottesdienste zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten.

Des Weiteren beschloss der, mehrheitlich dänische, Gemeinderat, dass der bisherige Pastor grundsätzlich nur für den dänischen Teil der Gemeinde zuständig sei. Ein möglicher deutscher Zweit-Pastor solle sich dann des deutschen Teils der Gemeinde annehmen. Mithilfe von Johannes Schmidt Wodder beantragte Jacob Nissen beim Kirchenministerium den Zweit-Pastor. Dies unterstützt von einer Unterschriftensammlung mit fast 1.000 Unterschriften.

Erfolgloser Antrag

Dieser Antrag blieb ohne Erfolg. Da der bisherige Pastor mit seinem „neuen“ Aufgabenbereich wohl nicht zufrieden war, nahm er seinen Abschied. Angestellt wurde ein dänisch-sprachiger Pastor, und es kam zur Regelung, dass der Pastor aus Buhrkall die Versorgung mit deutschsprachigen Gottesdiensten in Tingelff übernehmen sollte.

Weitere Versuche von Jacob Nissen, einen deutschsprachigen Zweit-Pastor durchzusetzen, scheiterten. In einer Stellungnahme vom Kirchenministerium vom August 1922 wies man darauf hin, dass man, wenn man mit dem Beschluss unzufrieden sei, sich ja von einem Pastor einer benachbarten Gemeinde „versorgen lassen, eine Wahlgemeinde gründen oder auf eigene Kosten einen Zweit-Pastor anstellen“ könne.

Diese Ereignisse führten unter anderem bei Jacob Nissen und Johannes Schmidt Wodder dazu, den Gedanken einer Freigemeinde wieder aufzunehmen. Am 25. März 1923 wurde die Nordschleswigsche Gemeinde in Tingleff gegründet. Dies von 71 Personen, die sich zuvor aus der Volkskirche herausgemeldet hatten. Darunter Jacob Nissen, der erster Vorsitzender werden sollte.

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