Umwelt

Fundsachen vom dreckigen Deich

Inga Gercke/SHZ
Emmelsbüll/Horsbüll
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Linus Nuppnau hat am Deich schon schon einiges an Unrat gefunden. Manche Dinge machen aber auch ihn stuzig. Foto: Inga Gercke, SHZ

Linus Nuppnau sammelt Müll und will so auf die Umweltverschmutzung aufmerksam machen. Dazu bereitet er eine Ausstellung vor.

Badelatschen, Getränkebehälter, Einwegrasierer – was sich nach dem Teil einer Einkaufsliste anhört, ist nur eine kleine Auswahl dessen, was Linus Nuppnau regelmäßig am Deich bei Südwesthörn findet.

Seit Januar geht der 19-Jährige, der gerade ein Freiwilliges Ökologisches Jahr im Naturkundemuseum in Niebüll macht, einmal in der Woche am Deich entlang und sammelt den angeschwemmten Müll auf.

Teil eines Projekts

Diese Aktion ist weniger eine Erste-Hilfe-Leistung für den Strand, sondern vielmehr Teil seines Projekts, das er im April im Naturkundemuseum vorstellen will. Sein erklärtes Ziel: „Den Besuchern vor Augen führen, dass der ganze Müll, der auf den Ozeanen treibt, früher oder später irgendwo angeschwemmt wird. Auch hier bei uns.“

Und das ist so einiges. In den letzten Wochen hat der Abiturient etwa 400 Einzelteile aufgesammelt und notiert. „Es ist schon Wahnsinn, was ich alles finde“, sagt er und wedelt mit einem blau-schwarzen Gummilatschen. Dieser Schuh zeigt deutlich, wie global das Problem ist.

Detektivisches Gespür

Wie Linus, der in der kurzen Zeit zu einem echten Detektiv geworden ist, herausfand, hat der Schuh schon eine wahre Weltreise hinter sich. Den entscheidenden Hinweis lieferte die Schuhgröße. Diese – es ist Größe fünf – schloss Deutschland als mögliches Herkunftsland aus. England oder Amerika mussten es sein, denn dort werden einstellige Schuhgrößen verkauft.

Nach etwas Recherche fand Linus heraus, dass die Schuhgröße fünf aber tatsächlich nur in Amerika verkauft wird. Somit war klar: Der Schuh wurde in Thailand hergestellt ( stand auf der Sohle), dann in Amerika verkauft und in Südwesthörn schließlich an Land gespült. „Hier am Deich kommt man mit der ganzen Welt in Berührung“, stellt Linus fest.

Makroplastik

Dieser Schuh fällt, wie alle von dem jungen Mann eingesammelten Müllteile, unter die Kategorie Makroplastik. Makroplastik ist all das, was man mit bloßem Auge sehen und auch tatsächlich aufsammeln kann. Was er bei seinen Auswertungen nicht mit berücksichtigt, ist das sogenannte Mikroplastik. Das sind kleinste Kunststoffteilchen, die häufig in Kosmetikprodukten benutzt werden. Übers Waschbecken gelangen diese dann irgendwann ins Meer. „Dafür müsste ich Bodenproben nehmen und unter dem Mikroskop untersuchen“, sagt er. Das aber würde den Rahmen seines Projektes sprengen.

400 Einzelteile gesammelt

In seiner Ausstellung, für die er im Naturkundemuseum einen ganzen Raum zur Verfügung hat, stellt er einige besondere Fundstücke aus. Zahlen und Fakten liefert er gleich mit. Um sagen zu können, wie viel Müll durchschnittlich am Deich von Südwesthörn angespült wird, muss Linus immer dieselbe Strecke – in seinem Fall sind es zwei Kilometer – ablaufen. „Je nach Wind und Wetterlage werden unterschiedlich viele Dinge angespült“, sagt er. Mal seien es sehr viele, mal weniger. Nach seiner achten Tour hat er geschätzt 400 Einzelteile gefunden.

Zurück zum Gummilatschen: Dieser Schuh zeigt gut, wie weit Müll durch die Weltmeere tingelt, um irgendwann, irgendwo an Land geschwemmt zu werden. Ein von Linus gefundener Milchkanister aus England mit dem Ablaufdatum 2012 zeigt auch, dass der Müll nicht nur weite Strecken, sondern auch lange Zeit im Wasser umhertreibt.

Grobe Schätzungen gehen von 86 bis 150 Millionen Tonnen Plastik aus, die sich in den Meeren angesammelt haben, und jährlich kommen etwa neun Millionen Tonnen hinzu. Der Großteil davon treibt unter der Wasseroberfläche, da sind sich sämtliche Umweltorganisationen einig.

Klumpen aus Paraffinwachs

Doch nicht nur Plastikmüll findet Linus. Regelmäßig entdeckt er auch Klumpen aus Paraffinwachs. Diese, oft wie Bernstein aussehenden Brocken, entstehen dadurch, dass viele Schiffe ihre Abfälle und Abwässer im Meer verklappen. Paraffine beispielsweise gelangen durch die Reinigung leerer Tanker in das Meer und werden als Klumpen an die Küsten gespült. Meerestiere und Vögel können diese mit Nahrung verwechseln und daran sterben. „Viele Vögel verhungern so mit vollem Magen“, sagt Linus.

„Oft finde ich auch Einwegrasierer“, sagt der junge Mann. Er vermutet, dass ein Containerschiff eine Ladung davon vor einigen Jahren bei einem Unglück verloren hat. Die meisten Rasierer sind von der gleichen Marke und haben die gleiche Farbe – Gott sei Dank alle ohne Klinge.

Paraffinklumpen, Kronkorken, Verpackungsreste oder eben diese Einwegrasierer wundern ihn nicht mehr. Vor kurzem habe er aber einen verschlossenen Glasbehälter, gefüllt mit Zigarettenstummeln, entdeckt. Das machte ihn dann aber stutzig: „Da macht sich jemand schon Gedanken und sammelt seinen Müll ein, schmeißt ihn dann aber doch einfach ins Meer.“

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