Tag des Eisbären

Warum der Eisbär das falsche Symbol für den Klimawandel ist

Warum der Eisbär das falsche Symbol für den Klimawandel ist

Warum der Eisbär das falsche Symbol für den Klimawandel ist

Lea Pook/shz.de
Hamburg
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Eisbären werden immer weiter an Land gedrängt. In manchen kanadischen Städten wühlen sie bereits in den Mülltonnen herum. Foto: AGAMI/R. de Haas/imago-images

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Der Eisbär ist vom Klimawandel unmittelbar bedroht. Als Symbol für die Erderwärmung verschleiert er ein anderes Problem.

Eisbären sind vom Aussterben bedroht, ja. Die Arktis wird neueren Erkenntnissen zufolge voraussichtlich nicht erst im Jahr 2080 eisfrei sein, sondern schon viel früher – womöglich 2035 oder sogar schon 2030.

Eisbären jagen aber auf den Schollen nach Robben, auf dem Festland müssen sie jetzt schon immer länger fasten, bis sich das Eis im Herbst – von Jahr zu Jahr ein wenig später – neu bildet. Irgendwann verhungern sie.

Da Eisbären eine sehr geringe Fortpflanzungsrate haben, sieht es so aus, als hätten sie – besonders bei dem Tempo der derzeitigen Umsetzung des Pariser Klimaabkommens – keine Chance. Diese traurige Erkenntnis hat den Eisbär zum Symbol für den Kampf gegen den Klimawandel gemacht. Doch was taugt dieses Bild eigentlich?

Den Klimawandel gibt’s nur anderswo

Auf der Homepage des Projekts klimafakten.de wird das Symbol des Eisbären für Berichterstattung über den Klimawandel kritisch betrachtet. Es wird davor gewarnt, dass es bei Bewohnern der Industrieländer ein sowieso vorherrschendes Gefühl bestärke: Der Klimawandel ist weit weg. Er findet anderswo statt und ist kein Problem des Hier und Jetzt. Er geht sie nichts an.

Soziale Ungerechtigkeit sichtbar machen

Tadzio Müller, langjähriger Aktivist der Klimagerechtigkeitsbewegung sowie Referent für Klimagerechtigkeit und Energiedemokratie bei der Rosa-Luxemburg-Stiftung, geht sogar noch weiter. Das Symbolbild des Eisbären vermeide zudem, dass die Machtstrukturen, die hinter der Klimakrise bestehen, offen ersichtlich würden: In Bezug auf die Klimakrise säßen nicht alle Menschen in einem Boot, das müsse deutlich werden.

Müller sieht das 2005 teilweise zerstörte New Orleans eher als passendes Symbol: „Dort gelang es der mehrheitlich wohlhabenden weißen Bevölkerung, sich vor den Fluten und dem darauf folgenden Chaos in Sicherheit zu bringen, weil sie – wieder: mehrheitlich – über Privatautos verfügten, mit denen sie die Stadt verlassen konnte. Die mehrheitlich arme Schwarze Bevölkerung blieb zum Großteil zurück und wurde über mehrere Wochen einem ebenso inkompetenten wie repressiven Katastrophenmanagement der Regierung ausgesetzt.“

Eine zutiefst ungerechte Angelegenheit

Er betont, dass die Klimakrise strukturell ungerecht sei. Vor allem von Bewohnern reicher Industriestaaten ausgelöst, treffe sie vornehmlich Menschen, die selbst wenig zum Klimawandel beitrügen. Diese wiederum verfügten über weniger Ressourcen und könnten sich schlechter schützen. Der Reichtum, der die Verursacher des Klimawandels vor seinen Konsequenzen schütze, würde wiederum durch Aktivitäten erwirtschaftet, die den Klimawandel verursachten. Eine zutiefst ungerechte Angelegenheit, so Müller.

Ein weiteres Beispiel sind die steigenden Meeresspiegel: die steigen für alle, aber in Bangladesch saufen die Leute ab, während in Holland schwimmende Städte gebaut werden – mit den Ressourcen, die in Holland angehäuft wurden, während der globale Umweltraum entspannt als Müllkippe gebraucht wurde.

Tadzio Müller

Es sind nicht alle gleich verantwortlich

Neben ökologischen Tatsachen und Forschungen sollten also in Bezug auf den Klimawandel auch soziale Aspekte immer in den Blick genommen werden. Auch der Oxfam-Bericht „Confronting Carbon Inequality“ aus dem Herbst 2020 bestätigt, dass ein differenzierteres Bild der Klimakrise notwendig ist. Es müsse mehr Aufmerksamkeit darauf gelenkt werden, welche Gruppe von Menschen ihr Verhalten am grundlegendsten ändern muss. Oxfam zufolge verursachten die reichsten zehn Prozent der Weltbevölkerung zwischen 1990 und 2015 über die Hälfte der CO2-Emissionen, während die ärmeren 50 Prozent nur sieben Prozent der Emissionen verursachten.

Wirtschaftssystem in Frage stellen

Ellen Ehmke, Analystin für soziale Ungleichheit bei Oxfam Deutschland findet dafür deutliche Worte:

Verantwortlich dafür ist eine Politik, die auf Konsumanreize setzt, immerwährendes Wachstums verspricht und die Welt ökonomisch in Gewinner und Verlierer spaltet.

Ellen Ehmke, Analystin für soziale Ungleichheit bei Oxfam Deutschland

Für ein erfolgreiches Vorgehen gegen die Erwärmung der Erde bedarf es Oxfam und Tazio Müller zufolge einer Veränderung in der Wirtschaftsweise. Eine auf Wachstum und Konsum basierende Lebensweise müsse grundsätzlich hinterfragt und geändert werden. Dann hat vielleicht auch der Eisbär noch ein Chance.

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