Diese Woche in Kopenhagen

„Beraterfirmen: Die heimlichen Herrscher“

Jan Diedrichsen
Jan Diedrichsen Sekretariatsleiter Kopenhagen
Kopenhagen
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In einer sich immer schneller drehenden Welt, ist ein Wettbewerb entstanden, den Bürokratie und Verwaltungen nicht ohne Berater bestehen können, meint der Leiter des Kopenhagener Sekretariats der deutschen Minderheit in Dänemark, Jan Diedrichsen.

Die deutsche Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen schlägt sich derzeit mit einem veritablen Skandal herum, der ihr durchaus das Amt kosten könnte. Laut dem Bundesrechnungshof gab das Ministerium 2015 und 2016 mindestens 200 Millionen Euro für Berater aus. In den vergangenen fünf Jahren hat die Bundesregierung mindestens 716 Millionen Euro für externe Berater ausgegeben.

Doch wer denkt, dies sei ein deutsches Phänomen, der sollte sich die aktuellen Zahlen aus Dänemark zu Gemüte führen, die nach Akteneinsicht des Abgeordneten Pelle Dragsted soeben öffentlich gemacht wurden. Die Zahlen haben mich persönlich, vor allem eingedenk der Vergleichszahlen aus Deutschland, schier umgehauen: Seit den Wahlen zum Folketing sind die Ausgaben für Berater (in Dänemark heißen diese Konsulenten, kommen jedoch von den gleichen, weltweit agierenden Firmen, wie in Deutschland) um 50 Prozent gestiegen. 2015 gab Dänemark 3,1 Milliarden (sic!) Kronen (ca. 414 Millionen Euro) für Beratung aus. 2018 waren es stolze 4,6 Milliarden (ca. 614 Millionen Euro). Ich möchte Sie hier nicht mit Mathematik langweilen aber schaut man sich die Größenverhältnisse zwischen Deutschland und Dänemark an, sind die Beratungskosten des Königreiches schwindelerregend.

Wenngleich nicht zu vermuten ist, dass Frau von der Leyen bei ihrem sicher äußerst unangenehmen Besuch beim Verteidigungsausschuss die dänischen Zahlungen zum Vergleich hinzuziehen wird, gibt es einem dennoch zu denken, dass in Deutschland der Beraterskandal enorme Wellen schlägt, in Dänemark aber eher ein laues politisches, linkes Lüftchen produziert. Nun wäre es ein leichtes, auf die politischen Dilettanten und das unfähige Beamtenwerk zu schimpfen. Doch die Wirklichkeit ist, wie meist, weder schwarz noch weiß. Die Welt wird immer komplexer. Die Globalisierung hat in den letzten zwei Jahrzehnten so manches auf den Kopf gestellt. Die Sachverhalte, mit denen sich die Ministerialbürokratien in Kopenhagen und Berlin konfrontiert sehen, sind so divers und komplex, dass die Expertise zur Bearbeitung selbiger, in den Ministerien häufig nicht mehr vorhanden ist. Und bei allem Schimpfen auf die überbezahlten Beamten, sollte man sich bitte anschauen, was die Juristen, Ingenieure, Datenexperten etc. bei McKinsey, Rambøll oder Google verdienen und was Slotsholmen in Kopenhagen zahlt. Damit ist nicht gesagt, dass die Verwaltungen keine guten Leute hätten, das bestimmt nicht.

Kräfte sind dennoch ungleich verteilt

Aber die Kräfte sind dennoch ungleich verteilt. Die kapitalistischen Marktinteressen der immer größer und mächtiger werdenden Firmen, die sich durch kluges Lobbying und Politikbeeinflussung und zur Not auch vor Gericht durchsetzen, scheinen immer mehr die Oberhand zu gewinnen. Eine Verwaltung hat die Aufgabe, den politischen Entscheidungsprozess zu begleiten und die Entscheidungsträger angemessen vorzubereiten. Wer sich nur einmal mit einem so banal klingenden Thema wie der Datenschutzrichtlinie (die übrigens absolut in ihrer Auswirkung für die Zukunft nicht banal ist) beschäftigt hat, weiß, was das bedeutet. Wortwörtlich tausende von Mails, Stellungnahmen, Memoranden, Erklärungen, Vorschläge von verschiedensten Stakeholdern, Regierungen, Abgeordneten, Interessenverbänden – die allesamt Relevanz haben – gehen laufend ein.

Die juristische Materie überfordert sogar die Fachjuristen. Die Verwaltungen sind zum Teil nicht mehr in der Lage, die nötige Vorarbeit zu leisten. Sie leiden an Personalmangel und zum Teil auch an der adäquaten Expertise. Was tun? Ja, man kann natürlich zu der guten Vorlage der Lobbyisten greifen, die durchaus bereit sind, an Gesetzestexten kostenlos mitzuschreiben; oder man holt sich doch lieber bezahlte Berater, in der Hoffnung, dort neutralerer bzw. im Sinne des Auftragsgebers beraten zu werden.

Zusammenfassend: In einer sich immer schneller drehenden Welt, ist ein Wettbewerb entstanden, den Bürokratie und Verwaltungen nicht ohne Berater bestehen können. Während die Beamten jedoch einen Eid auf den Staat geleistet haben, sind die Berater diesem allein vertraglich verpflichtet und haben nicht selten verschiedene Kunden, mit unterschiedlichen Interessen.


Quellen:
https://www.tagesschau.de/inland/bundesregierung-berater-101.html
https://www.altinget.dk/artikel/hyklerisk-og-bekymrende-statens-forbrug…

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