Kulturkommentar

„Kunst am Körper“

Kunst am Körper

Kunst am Körper

Claudia Knauer, Büchereidirektorin
Apenrade/Aabenraa
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Claudia Knauer freut es, immer wieder zu entdecken, wie viel uns mit unseren Vorfahren über Jahrtausende hinweg verbindet. Zum Beispiel beim Thema Tätowierungen.

Bunt geht es zu – an den Körpern der Mitmenschen. Das stellt man leicht fest beim Besuch des Schwimmbads, im Sommer am Strand oder wenn anderswo die Hüllen – zumindest teilweise – fallen. Die Bilder an Armen, Beinen, Rücken, Schulterblatt oder, wenn es ganz und gar schrill zugeht, am Augapfel, sind aber kein Ausweis der Moderne. Ganz im Gegenteil, als einer der meisttätowierten Menschen gilt die 5.300 Jahre alte Gletschermumie Ötzi mit ganzen 61 Motiven. Noch älter sind die Tattoos zweier 5.351 Jahre alter Mumien aus einem kleinen Ort in Oberägypten. Frau wie Mann trugen Verzierungen mit Farbe unter der Haut.

Die Kunst der Körperverschönerung – ja, die Schönheit liegt hier definitiv im hoffentlich untätowierten Auge des Betrachters – ist uralt und war sogar der Bibel ein paar Zeilen wert. In 3. Mose 19,28 heißt es: „geätzte Schrift sollt ihr an euch nicht machen. Ich bin der Herr.“ Das hat aber zu keinen Zeiten Christen davon abgehalten, sich Symbole in die Haut zu ritzen. Überhaupt ist die Tätowierkunst über Landes-, Kontinent- und Jahrhundertgrenzen weitverbreitet. Auch das Einbringen von Metall- oder Holzstücken in die Haut, gerne an Ohren, Nasen, Mund, Nabel oder noch intimeren Stellen ist kein neuer Trend unserer Zeit.

Der Mensch hatte zu allen Zeiten das Bedürfnis, seinen Körper künstlerisch zu gestalten, nicht zufrieden zu sein, mit dem, was er oder sie hat. Mitunter hat die Tätowierung oder das Stechen medizinische, manchmal religiöse Gründe, aber in der Hauptsache geht es um die Kunst am Körper. Um das sich Herausheben aus der Masse, um die Individualisierung.

Neu an der uralten Kulturtechnik Tätowierung ist in unserem Jahrhundert die Möglichkeit, sie – zumindest teilweise – rückgängig machen zu können. Aber je großflächiger und je bunter, desto eher gilt, wie eh und je, dass die Zeichen, Muster, Bilder für die Ewigkeit sind. Jede/r ist dabei der Zeichner seines eigenen Selbst-Bildes – die Freiheit hat jede/r. Schön finden muss man es deshalb nicht, aber es ist nichts Neues unter der Sonne und das ist das eigentlich Spannende daran – wie viel uns mit den Menschen vor Tausenden von Jahren und über Tausende von Kilometern verbindet.

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