Kulturkommentar

Staunen über unsere Fähigkeiten

Staunen über unsere Fähigkeiten

Staunen über unsere Fähigkeiten

Claudia Knauer
Apenrade/Aabenraa
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Foto: dpa (Symbolfoto)

Ein Kulturkommentar von Claudia Knauer, Büchereidirektorin des Verbandes Deutscher Büchereien Nordschleswig.

Wer diese Zeilen liest, vollbringt eine absolute Höchstleistung. Gerade mal 300 Millisekunden braucht unser Gehirn, um ein geschriebenes Wort zu entziffern und mit Bekanntem in Beziehung zu setzen, in weiteren 100 bis 200 Millisekunden erfolgen Interpretation und kritische Anmerkungen. Ehrlich gesagt, diesen Mini-Zeitraum kann ich mir absolut nicht vorstellen. Aber dass Augen und Hirn Schwerstarbeit leisten, wenn es ums Lesen geht, ist klar.

Wir können gar nicht genug staunen über die Tatsache, dass wir Menschen dazu in der Lage sind. Deshalb sollten wir diese Fähigkeit umso höher schätzen und sie ein bisschen mehr trainieren. Selbst jeder Amateursportler weiß, dass die Muskeln leider nicht auf dem einmal erreichten Stand bleiben, wenn man die Trainingsstunden auf dem Sofa statt der Aschenbahn verbringt. Nein, sie schrumpfen. Mit den Fähigkeiten des Gehirns ist es ähnlich. Um gut lesen zu können, muss man es üben. Bei den kleinen Kindern beginnt man damit, vorzulesen. Quasi als Einstiegsdroge. Denn beim Lesen wird das Glückshormon Serotonin ausgeschüttet. So kann man sich das Leben schöner machen – durch Lesen.

Als Leselernender sollte man lieber zum Buch aus Papier als zum E-Buch-Lesegerät greifen. Zum einen hat man das Erfolgserlebnis, wenn man sieht und fühlt, wie weit man gekommen ist. Zum anderen fehlt die – wie Fachleute es nennen – territoriale Verortung des Gelesenen. Wir alle wissen – das stand links unten auf der Seite oder rechts oben, wenn wir etwas wiederfinden wollen. Beim digitalen Lesen entfällt das und damit auch die Fähigkeit, etwas zu memorieren. Gedruckte Texte werden deshalb leichter erfasst. Und Gedrucktes umgibt uns überall: Im Mathebuch, im Kochbuch, in der Gebrauchsanweisung.

Lesen hilft sogar bei Krisen und in der Verzweiflung – wenn man klein ist, vielleicht, weil man erfährt dass Hasi Hase auch Angst hat und eine Lösung gefunden sieht, wie er mit dem großen schwarzen Kater umgeht. Als Erwachsener, weil gute Literatur Probleme aufgreift und wir unsere Welt in der anderer gespiegelt sehen. Das kann helfen.

Lesen ist gut. Viel Lesen ist besser.

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Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
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