Leitartikel

„Frohe Botschaft “

„Frohe Botschaft “

„Frohe Botschaft “

Apenrade/Aabenraa
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Cornelius von Tiedemann, stellvertretender Chefredakteur, hat Post vom Staat bekommen. Darin fand er eine Aufforderung, der er gern nachkommt.

Am Freitag bekam ich elektronische Post vom dänischen Innenministerium. Was habe ich jetzt wieder angestellt und wieviel soll ich dafür bezahlen, waren meine ersten Gedanken. In meinem Misstrauen allem staatlichen gegenüber bin ich, meiner vielen Jahre in Dänemark zum Trotze, offenbar noch ganz und gar deutsch. Das merkte ich, als sich das Schreiben als freundliche Einladung dazu herausstellte, an der bevorstehenden Europawahl teilzunehmen.

Als deutscher Staatsbürger, der ich noch immer bin, der aber in Dänemark zuhause ist, habe ich nämlich das Recht, meine Stimme bei der Europawahl abzugeben. Und zwar bei der dänischen Europawahl. Ich darf mitentscheiden, welche Politiker aus Nord-, Süd- und Mitteljütland, von Fünen, Bornholm und Seeland (aus ganz Dänemark eben...) nach Brüssel ziehen dürfen, um das Beste für Dänemark in Europa herauszuholen – und um das Beste aus Dänemark nach Europa zu bringen.

14 Abgeordnete schickt Dänemark dieses Mal nach Brüssel, einen mehr als bisher. Und selten war eine Europawahl so spannend. Gerade auch aus Sicht der Minderheiten, darunter die deutsche Minderheit in Nordschleswig – auch wenn die Schleswigsche Partei nicht antritt.
Denn aus den einst verstreuten und zerstrittenen Parteien, die sich dem äußeren rechten Rand zuordnen lassen, hat sich für viele Wähler in Europa heute eine ernsthafte Alternative zu den pro-europäischen Demokraten herauskristallisiert. Sie wollen wieder ein Europa der rivalisierenden Nationalstaaten, sie wollen ein Europa der klaren nationalen Identitäten, wo Minderheiten nicht ins Bild passen – höchstens als Sündenböcke oder Feindbilder. Hier in Nordschleswig haben wir das Glück, uns erstens in einem friedliebenden Land, einer vorbildlichen Demokratie aufzuhalten – und zweitens haben wir immer die starke Bundesrepublik und die Stütze der Bonn-Kopenhagener Erklärungen im Rücken. Doch anderswo in Europa haben Menschen, die nicht oder nicht nur der Mehrheitsbevölkerung, wie auch immer die sich gerade definiert, angehören, es nicht so gut. Und vielerorts droht es ihnen durch den Aufstieg der Kulturnationalisten in den Länderparlamenten in den kommenden Jahren noch schlechter zu gehen.

Bei der MinoritySafepack-Initiative haben wir hier in Nordschleswig mit unseren Stimmen bereits ein deutliches Zeichen der Solidarität mit anderen Minderheitengruppen in Europa gezeigt. Ob wir das auch durch unsere Wahlentscheidungen am 26. Mai wieder tun werden?
Im eigenen Interesse der Minderheit und aller, die sich zur Minderheit zählen, wäre das sicherlich. Auch, um sicherzustellen, dass sich der Kampf für das MinoritySafepack gelohnt hat. Damit die Rechte von Minderheiten künftig eine europäische Aufgabe werden und nicht länger ganze Bevölkerungsgruppen der Willkür nationaler Regierungen ausgeliefert werden.

Wie auch immer man über diese Fragen oder über die Aus- und Einrichtung der EU denkt – dass es ein historischer Segen ist, dass fast ganz Europa Ende Mai zu einer gemeinsamen Wahl geht, kann niemand ernsthaft bestreiten.

Ich für meinen Teil bin dankbar, dass ich hier bei uns in Nordschleswig mitwählen darf, und ich werde von diesem Recht mit Freuden gebrauch machen.

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Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
„Schon gewonnen“