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Grenzland als Kulturerbe der UNESCO nominiert

Grenzland als Kulturerbe der UNESCO nominiert

Grenzland als Kulturerbe der UNESCO nominiert

Berlin/Kopenhagen/Kiel
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Foto: DPA

Aufgeschoben aber nicht aufgehoben: Am 14. März hätte der gemeinsame deutsch-dänische Unesco-Antrag unterzeichnet werden sollen, doch die Corona-Pandemie verhinderte dies. Nun ist der Antrag abgeschickt.

Nachdem der Coronavirus eine feierliche Unterzeichnung am Sonnabend, 14. März, in Flensburg verhindert hatte, haben nun die deutsche Staatsministerin Michelle Müntefering (SPD) und die dänische Kulturministerin Joy Mogensen (Sozialdemokraten) den Antrag zur Aufnahme des Grenzlandes als Unesco-Kulturerbe unterzeichnet. Staatsministerin Müntefering meldete den Vollzug am späten Vormittag über den Kurznachrichtendienst Twitter.

Somit liegt seit Dienstag, 31. März, der Antrag auf Eintragung des deutsch-dänischen Minderheitenmodells in das Register „guter Praxisbeispiele“ der UNESCO vor. Über die Aufnahme in das UNESCO-Register entscheidet der „Zwischenstaatliche Ausschuss zum Immateriellen Kulturerbe Ende 2021“.

Die Abgabefrist endet mit Ablauf des 31. März und die UNESCO wird nun den Antrag prüfen. Mit einer Entscheidung kann erst Ende 2021 gerechnet werden. Sollte die Entscheidung zugunsten des deutsch-dänischen Minderheitenmodells ausfallen, wird sich höchstwahrscheinlich die Sichtbarkeit erhöhen – und vielleicht auch die Zahl der Fragen danach, wie das Zusammenleben von Mehr- und Minderheit gelingen kann.

Staatsministerin: Kraft der Kultur verbindet

Zur Auswahl des Grenzlandes sagte Staatsministerin Michelle Müntefering: „Das Zusammenleben im deutsch-dänischen Grenzland ist eine Erfolgsgeschichte. Denn hier ist eine Modellregion für das Miteinander entstanden. Die Kraft der Kultur hat entscheidend dazu beigetragen, dass Grenzen in dieser Region nicht mehr trennen, sondern verbinden. So ist aus einem Gegeneinander ein Miteinander und schließlich ein Füreinander geworden. Daher freue ich mich, dass wir in diesem Jahr auch mit dem deutsch-dänischen kulturellen Freundschaftsjahr die gute Nachbarschaft in der deutsch-dänischen Grenzregion feiern. Dass wir gemeinsam – Dänemark und Deutschland – die Bewerbung zur Nominierung des deutsch-dänischen Minderheitenmodells bei der UNESCO einreichen, ist gerade in der aktuellen Krise ein immens wichtiges Signal für Austausch, Dialog und kulturelle Zusammenarbeit in Europa.“

Mogensen würdigt großen Einsatz der Minderheiten

Die dänische Kulturministerin Joy Mogensen unterstreicht: „Das deutsch-dänische Grenzland ist ein einzigartiges Beispiel für das friedliche Zusammenleben der Bevölkerung zweier Länder, veränderter Grenzziehungen zum Trotz. Ich freue mich, gemeinsam mit Michelle Müntefering die Bewerbung zur Aufnahme in das Register guter Praxisbeispiele der UNESCO einzureichen. Möglich ist dies nur dank des großen Einsatzes der Minderheiten in der Grenzregion, die ganz erheblich Kräfte in diese Zusammenarbeit gelegt haben. Es freut mich sehr, dass Dänemark und Deutschland gemeinsam hinter dieser Bewerbung bei der UNESCO stehen.“

Für Monika Grütters, Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien ist „die gemeinsame Nominierung des Zusammenlebens im deutsch-dänischen Grenzland ein schönes Beispiel für die ausgezeichneten Kulturkooperation mit Dänemark – zumal wir 2020 das deutsch-dänische kulturelle Freundschaftsjahr feiern.“ Dieses Zusammenleben habe Vorbildcharakter für den gesellschaftlichen Umgang mit kultureller Vielfalt, es sei ihr ein großes Anliegen, die kulturelle Förderung der dänischen Minderheit auch künftig verlässlich zu unterstützen, so Grütters.

Für Gitte Hougaard-Werner, Vorsitzende des Sydslesvigsk Forening (SSF) ist die Nominierung ein großer Schritt für die gesamte Region – sowie für Dänemark und Deutschland. Nach bedauerlichen Jahren mit Kriegen und Konflikten im Grenzland sei es gelungen, eine Kluft zu überwinden, die noch vor wenigen Jahren unüberwindbar schien, so Hougaard-Werner und unterstreicht: „Wir befinden uns heute in einer Situation, von der andere Grenzregionen lernen können.“

Auch die Parlamentsabgeordnete aus Sonderburg, Ellen Trane Nørby (Venstre), freut sich über die Nominierung. Per E-Mail schrieb sie dem „Nordschleswiger“: „Es ist natürlich etwas ganz Besonderes für uns Nordschleswiger, wenn die deutsch-dänische Zusammenarbeit Unesco-Kulturerbe werden soll – vor allem in diesem Jubiläumsjahr. Das ist nicht bloß eine Anerkennung, dass unsere hervorragend funktionierende Zusammenarbeit etwas Besonderes in der Welt ist, es wird hoffentlich auch eine Inspiration zur Nachahmung sein, sodass mehrere Nachbarländer genau wie Dänemark und Deutschland ihre langjährige Kriegshistorie hinter sich lassen können.“

Hinrich Jürgensen: An Geschichte stets erinnern

Hinrich Jürgensen, der Vorsitzende des Bundes Deutscher Nordschleswiger (BDN), sieht das friedliche Zusammenleben zwischen Minderheiten und Mehrheitsbevölkerungen im Wachstum begriffen. „Wir haben uns gemeinschaftlich von gewaltsamen Konflikten wegbewegt“, so Jürgensen und mahnt: „Aber an unsere Geschichte müssen wir uns stets erinnern, denn das Erreichte ist keine Selbstverständlichkeit. Die UNESCO-Nominierung wird uns darin stärken, die kulturelle Vielfalt auch für kommende Generationen zu sichern. Gleichzeitig werden andere Grenzregionen auf uns aufmerksam werden und hoffentlich von uns lernen, wie Minderheiten und Mehrheitsbevölkerungen friedlich zusammenleben können.“

Die Anderen werden zum Wir

Die Ministerin für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Schleswig-Holstein, Karin Prien, erinnert daran, dass das Grenzland europaweit Beachtung als ein Beispiel gelingender Minderheitenpolitik findet. Die Aktivitäten der Minderheiten seien vielfältig sichtbar und würden als Mehrwert für die ganze Region anerkannt.

„Die ‚Anderen‘ sind ein Teil des ‚Wir‘ geworden. Das ist wahrhaft der gelebte Geist der UNESCO!“, so die Präsidentin der Deutschen UNESCO-Kommission Prof. Dr. Maria Böhmer.

Bis heute sind 178 Staaten dem UNESCO-Übereinkommen zur Erhaltung des Immateriellen Kulturerbes beigetreten. Deutschland ist seit 2013 Vertragsstaat.

aktualisiert um 16.45 Uhr

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