Ein Veteran erzählt

„Heute würde ich versuchen, mehr Menschlichkeit zu zeigen“

„Heute würde ich versuchen, mehr Menschlichkeit zu zeigen“

„Heute würde ich versuchen, mehr Menschlichkeit zu zeigen“

Bettina P. Oesten
Sonderburg/Sønderborg
Zuletzt aktualisiert um:
Als ehemaliger Soldat bringt Kim Andersen die nötigen Voraussetzungen mit, um die etwa 450 Veteranen in der Kommune Sonderburg da zu unterstützen, wo die Hilfe am meisten gebraucht wird. Foto: Karin Riggelsen

Kim Andersen spricht über seine Erfahrungen als Soldat, seine Arbeit als Veteranenkoordinator und darüber, was Kriegseinsätze mit und aus ihm gemacht haben.

Viermal war er für die dänischen Streitkräfte („Forsvaret“) im Auslandseinsatz, zweimal in Bosnien und zweimal im Kosovo. Er weiß, was es heißt, mitten im Kampfgeschehen zu stehen und rund um die Uhr in höchster Alarmbereitschaft zu sein, nie wissend, ob man die Waffe zücken muss, bevor es andere tun, ob man den nächsten Einsatz überlebt oder ihn mit seinem Leben bezahlen muss. Immer auf das geringste Übel hoffend, aber auch auf das Schlimmste gefasst.

Seit 2015 ist Kim Andersen nicht mehr als Soldat, sondern als Veteranenkoordinator der Kommune Sonderburg im Einsatz und somit Ansprechpartner für die etwa 450 Männer und Frauen der Kommune, die nach beendeter Auslandsmission in einem Kriegs- oder Krisengebiet nach Hause zurückkehrt sind und ihr normales Leben wieder aufnehmen möchten. Doch nicht immer schaffen sie das, zumindest nicht ohne Hilfe von außen. Der zweimal geschiedene zweifache Vater weiß nur zu gut, welchen Tribut ein Leben zwischen Krieg und Frieden fordern kann, denn, wie er selbst sagt: „Ich habe alles durchgemacht, was man nur durchmachen kann.“

Der erste Auslandseinsatz

Seinen ersten Auslandseinsatz hat der heute 44-Jährige 1997 in Bosnien, da ist er Anfang 20. Es sei immer sein Traum gewesen, als Soldat ins Ausland zu gehen, er habe das, und nichts anderes, gewollt, sagt er. Die schnell aufeinanderfolgenden Einsätze geben seinem Leben Inhalt, er findet seine Nische, merkt, dass er seinen Job gut macht. In Bosnien ist er in erster Linie für die elektronische Kampfführung zuständig, spürt vorzeitig Gefahren auf und unterstützt so die Abwehr. Im Kosovo ist er u. a. dabei, als in der Stadt Mitrovica 25.000 Serben auf die Brücke über den Ibar-Fluß zusteuern und etwa 300 Nato-Soldaten versuchen, ihnen Einhalt zu gebieten. Scharfschützen haben auf den Dächern der Stadt Stellung bezogen, immer wieder werden Tränengas- und Blendgranaten in die Menge gefeuert, ein beißender Geruch hängt über der Stadt.

Der Kosovokrieg

Der Kosovokrieg (auch als Kosovo-Konflikt bezeichnet) war ein bewaffneter Konflikt in den Jugoslawienkriegen, bei dem es um die Unabhängigkeit Kosovos von Serbien ging. Er dauerte vom 28. Februar 1998 bis zum 10. Juni 1999. Konfliktparteien waren die Befreiungsarmee des Kosovo, die jugoslawische Armee und serbische Ordnungskräfte sowie ab 1999 die Nato-Streitkräfte unter Führung der Vereinigten Staaten. Das mehrheitlich von ethnisch albanischer Bevölkerung bewohnte Gebiet war eine Provinz Serbiens innerhalb der Bundesrepublik Jugoslawien, die zu dieser Zeit aus Serbien und Montenegro bestand. Während des gesamten Konfliktes, vor allem aber 1999, waren Hunderttausende Einwohner des Kosovo auf der Flucht. Tausende kamen um, 650 Ortschaften wurden schwer beschädigt oder zerstört.
Derzeit sind 8.000 Nato-Soldaten in dem Gebiet stationiert, um den nach wie vor schwelenden Konflikt zwischen Serben und Kosovo-Albanern in Schach zu halten.

Die Lage ist hochgradig angespannt, das Adrenalin pumpt durch den Körper. Und dann ist auf einmal – von jetzt auf gleich – sein Einsatz zu Ende, man holt ihn direkt von der Austerlitz-Brücke in Mitrovica ab, drückt ihm sein Gepäck in die Hand und bringt ihn zum Flughafen in Mazedonien, während seine Nachfolgerin auf selbiger Brücke ihren Dienst antritt, mitten unter explodierenden Granaten. Am nächsten Tag setzt er wieder den Fuß auf friedlichen dänischen Boden.

Hoher Grad an Anspannung

So eine schnelle „Wachablösung“ sei beim Militär ganz normal, sagt er. Darauf sei man vorbereitet. Vielen Veteranen bereite es dagegen die größten Schwierigkeiten, den hohen Grad an Anspannung, Wachheit und Aufmerksamkeit, der in einem Kriegs- und Krisengebiet einfach überlebensnotwendig sei, bei der Rückkehr in die Heimat auf ein normales Maß herunterzufahren. Beim täglichen Einkauf in Dänemark müsse man kein Gelände sichern und auf eventuelle Heckenschützen achten. Man müsse auch nicht bei der Fahrt zur Arbeit jeden Tag neue Routen abfahren, um die Gefahr von Bombenanschlägen zu mindern. Trotzdem hätten viele ehemalige Soldaten die Angewohnheit, in solche Denkmuster zu verfallen. Väter, die nie denselben Weg wählen, wenn sie ihre Kinder zur Schule oder in den Kindergarten bringen – solche Fälle sind Kim bekannt. Viele Menschen würden gar nicht verstehen, wie schwer es sei, den Hebel im Kopf auf Normalität umzuschalten.

Kim Andersen mit seinem Sohn Oskar am Leuchtturm von Kekenis, der zu einem Refugium für Kriegsveteranen geworden ist. Im Gegensatz zu seiner älteren Schwester Mie zeigt der Elfjährige bislang noch kein Interesse an einem Leben als Soldat. Foto: Karin Riggelsen

„Die Leute wollen meist nur wissen, ob du jemanden erschossen hast oder ob auf dich geschossen wurde. Mehr nicht. Wer es nicht selbst erlebt hat, kann sich kaum vorstellen, wie schwer die Wiedereingliederung in den ganz normalen Alltag für viele ehemalige Soldaten sein kann. Deshalb ist es so wichtig, dass die Rückkehrer einen Ansprechpartner haben, bei dem sie bei Bedarf ihr Herz ausschütten können.“

Die ruhelose Zeit beginnt

Nach seinem letzten Einsatz im Kosovo im Jahr 2000 beginnt für Kim eine ruhelose Zeit. Er bemüht sich – erfolglos – um weitere Auslandseinsätze, bekommt eine Anstellung an der Sonderburger Kaserne, hat viele Nebenjobs und versucht so, seine innere Unruhe loszuwerden. Es kommt ihm nicht in den Sinn, dass mit ihm etwas nicht stimmen könnte. Auch nicht, als seine damalige Freundin ihn verlässt und er plötzlich die einfachsten Dinge nicht mehr hinbekommt, z. B. seine Schuhe zu binden. Er isst nichts mehr, geht tagelang nicht aus dem Haus.

Dann steht eines Tages sein Vater vor der Tür, überredet ihn, sich von einem Arzt untersuchen zu lassen. Den Termin für seinen Sohn hat er sich schon vorher besorgt.

„Ich war zwar immer noch der Meinung, dass mit mir alles in Ordnung ist, wollte mich aber mit meinem Vater nicht anlegen und bin deshalb mit ihm zur Kaserne in Fredericia gefahren, wo mich der Regimentsarzt nach der Untersuchung sofort an einen Regimentspsychologen in Kopenhagen weiterverwies, weil er meinte, dass ich suizidgefährdet sei. Als er das sagte, wusste ich, dass er recht hat. In den Tagen davor war mir genau dieser Gedanke häufig durch den Kopf gegangen. Auf einmal fiel das Kartenhaus in sich zusammen, und ich konnte den Tatsachen ins Auge blicken.“

PTBS wird diagnostiziert

Im Zuge der anschließenden Betreuung durch einen Apenrader Psychologen wird Kim eine milde Form von PTBS, eine posttraumatische Belastungsstörung (siehe Infokasten), bescheinigt. Bei den Gesprächen mit dem Psychologen wird besonders ein Ereignis in ihm wieder wachgerufen, das ihn in all den Jahren beschäftigt hat.

Was ist PTBS?

Eine posttraumatische Belastungsstörung tritt als eine verzögerte psychische Reaktion auf ein extrem belastendes Ereignis auf Die Erlebnisse (Traumata) können von längerer oder kürzerer Dauer sein, wie z. B. schwere Unfälle, Gewaltverbrechen, Naturkatastrophen oder Kriegshandlungen, wobei die Betroffenen dabei Gefühle wie Angst und Schutzlosigkeit erleben und Hilflosigkeit und Kontrollverlust empfinden.
Typisch für die PTBS sind die sogenannten Symptome des Wiedererlebens, die sich den Betroffenen tagsüber in Form von Erinnerungen an das Trauma, Tagträumen oder Flashbacks, nachts in Angstträumen aufdrängen. Das Gegenstück dazu sind emotionale Stumpfheit, Gleichgültigkeit und Teilnahmslosigkeit der Umgebung und anderen Menschen gegenüber.

Während einer seiner Einsätze im Kosovo hat er die Aufgabe bekommen, an einem aus Panzerwagen errichteten Checkpoint die aus dem serbisch dominierten nördlichen Teil von Mitrovica flüchtenden Kosovo-Albaner zu durchsuchen. Alles, was sie besitzen, tragen sie am Körper oder in Plastiktüten. Sie haben gerade alles hinter sich gelassen, was sie sich in mühevoller Arbeit über viele Jahre aufgebaut hatten: Haus, Arbeit, eine sichere Existenz. Jetzt geht es nur noch um das nackte Überleben.

„Besonders für die Kinder muss die ganze Situation sehr einschüchternd gewesen sein. Links und rechts die laut brummenden Panzerwagen, rundherum eine aufgeregte, sehr laute Menschenmenge, die sich immer mehr hochschaukelt. Und mittendrin stehe ich, ein dänischer Soldat, der nur seine Arbeit tut, aber mit seiner ernsten Miene und seinem ungepflegten Vollbart zum Fürchten ausgesehen haben muss.“

Ein prägendes Ereignis

Vor ihm steht plötzlich eine Familie mit kleinen Kindern. Er durchsucht sie, nimmt eine Leibesvisitation an ihr vor, bittet sie in knappen Worten, den Inhalt aller Tüten und Taschen vor seinen Augen auszukippen. Er muss das tun. Schließlich könnten sich Waffen oder Ähnliches darin verstecken. Ein Eskalieren des Konflikts muss um jeden Preis vermieden werden. Er durchwühlt die Sachen, findet nichts, hastig werden die wenigen Habseligkeiten von den Familienmitgliedern wieder verstaut. Die Familie darf den Checkpoint passieren und die ersten Schritte in eine völlig ungewisse Zukunft tun.

Am Leuchtturm von Kekenis können sich Kriegsveteranen von ihrem Einsatz allein oder mit ihren Familien erholen. Foto: Karin Riggelsen

„Es waren nicht die Bomben und Granaten, die mich im Nachhinein am meisten belastet haben. Mit so etwas muss man als Soldat rechnen. Nein, es war diese eine Familie. Dabei haben wir viele flüchtende Familien mit Kindern durch den Checkpoint passieren lassen. Es gab auch keine besonderen Vorfälle bei dieser Familie, die vielleicht erklären würden, warum gerade sie so einen Eindruck hinterließ. Es hat mich einfach in dem einen Moment, als sie vor mir stand, irgendwie unter der rauen Schale menschlich erwischt. Ich habe da gesehen, was es heißt, ein Flüchtender zu sein. Erst viel später habe ich verstanden, was so etwas mit einem Menschen, und insbesondere mit Kindern, macht.“

Sein Leben normalisiert sich

Langsam beginnt Kim, sein Leben mit psychologischer Hilfe wieder in den Griff zu bekommen. Er lässt sich zum Pädagogen ausbilden, gliedert sich wieder in den ganz normalen Alltag ein, wird Vater. Heute kann er vor 200 Zuhörern problemlos einen Vortrag halten, früher hätte er es nur mit Mühe geschafft, sich in einem Raum mit mehreren Personen aufzuhalten. Heute, sagt er, ist er zu dem Menschen geworden, der er gern sein möchte.

Als Veteranenkoordinator anderen ehemaligen Soldaten zu helfen, die Ähnliches durchlebt haben wie er, sieht er als Lebensaufgabe, denn wer, wenn nicht er, kann ihre Gefühle und Gemütszustände, ihre Sorgen und Nöte besser verstehen und nachvollziehen? Dabei brauchen die meisten Soldaten, die von einem Einsatz nach Hause zurückkehren, gar keine Hilfe, schaffen die Wiedereingliederung ohne große Probleme auch allein, betont er. Diejenigen, die Hilfe benötigen, sind heute aber mehr denn je in der glücklichen Lage, jede nur erdenkliche Unterstützung zu erhalten, sei es durch psychologischen Beistand, Hilfsangebote der Kommune bzw. der dänischen Streitkräfte oder durch Freiwilligen-Netzwerke.

Kein Pazifist geworden

Seine Erfahrungen haben ihn nicht zum Pazifisten gemacht, sagt Kim und blickt durch das Fenster auf die knallgelben Rapsfelder, die sich vom Leuchtturm wie große Farbkleckse bis zum Inselmeer erstrecken. Wenn seine Kinder älter seien, würde er sich wieder für einen Einsatz in einem Kriegs- oder Krisengebiet verpflichten. Heute würde er aber vieles anders machen, einfach weil er mit 44 Jahren ein anderer Mensch mit anderen Wertvorstellungen sei als damals mit Anfang 20.

Was macht ein Veteranenkoordinator?

Das Angebot der Kommune Sonderburg an ehemalige Soldaten, denen es z. B. nach einem Auslandseinsatz schwerfällt, im ganz normalen Alltag wieder Fuß zu fassen, ist vielfältig. Die Hilfe umfasst Familien- und individuelle Beratung, praktische Unterstützung wie das Ausfüllen von Formularen, Begleitung bei Gerichtsverhandlungen und vieles mehr.
Auch Angehörige und der Arbeitsplatz der Veteranen können sich bei Bedarf an den Veteranenkoordinator wenden.

Die Kommune Sonderburg ist derzeit federführend in dem Bestreben, die Hilfe für Kriegsveteranen landesweit auszubauen und gezielt zu koordinieren. Kürzlich wurde eine Kooperationsvereinbarung zwischen dem Veteranencenter der dänischen Streitkräfte und Kommunalvertretern zu genau diesem Zweck unterzeichnet.
Der Veteranenkoordinator ist rund um die Uhr an allen Tagen erreichbar und kann unter Telefon 27 90 74 99 oder unter kiad@sonderborg.dk kontaktiert werden. Auf Facebook gibt es außerdem ein Netzwerk für Veteranen in Sonderburg und Umgebung.

Und die flüchtende Familie, die ihn zum mitfühlenden Soldaten reifen ließ, was würde er bei ihr heute anders machen?

„Ich würde versuchen, mehr Menschlichkeit in die Situation einfließen zu lassen. Durch kleine Gesten, die den Kindern vielleicht die Angst nehmen könnten. Ich würde sie etwas beiseite nehmen und ihnen unser Vorgehen erklären: ‚Schaut her, so gefährlich, wie es vielleicht aussieht, ist das Ganze nicht. Gleich ist es überstanden, dann könnt ihr mit euren Eltern weitergehen.‘ So oder so ähnlich. Ich glaube, dass selbst eine so kleine Geste der Mitmenschlichkeit viel ausgemacht hätte.“

Man muss jeden Tag aufs Neue in den Spiegel schauen können, sagt er. Von der Familie am Checkpoint in Mitrovica ist er überzeugt, dass er sie jederzeit auf der Straße wiedererkennen würde. So tief hat das kurze Aufeinandertreffen zwischen den Panzerwagen sich in seine Seele eingebrannt. Ihr würde er eines Tages gern wieder in die Augen schauen. Einfach so, als Mensch.

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