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Auto des Jahres: „Kein Volksauto gewählt“

Auto des Jahres: „Kein Volksauto gewählt“

Auto des Jahres: „Kein Volksauto gewählt“

Genf
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Der Jaguar I-Pace in Genf Foto: Fabrice Coffrini/ AFP/Ritzau Scanpix

Das Elektroauto Jaguar I-Pace mit einem Preis von über 700.000 Kronen wurde zum Auto des Jahres gewählt. Wie kann das sein? Wir haben beim einzigen dänischen Jurymitglied und beim Chefredakteur einer Autozeitschrift nachgefragt.

Kann man ein Auto für 713.000 Kronen (mit dänischen Abgaben) als Auto des Jahres in Europa wählen? Ja klar, dachten sich offenbar die rund 60 Jurymitglieder aus 23 verschiedenen europäischen Ländern. Und somit bekam der Jaguar I-Pace, der mit einem Elektroantrieb versehen ist, den Titel als Europas Auto des Jahres. Nach dem Nissan Leaf ist der Jaguar erst das zweite Auto, das mit einem E-Antrieb versehen ist, das Titelträger wird. Es war zudem das erste Mal, dass Jaguar die Kür gewann.

Doch warum bekommt ein solch teures und zum Teil unpraktisches Auto – der Jaguar wird unter anderem aufgrund der langen Ladezeiten von einigen Motorjournalisten kritisiert – zum Auto des Jahres gewählt? „Der Nordschleswiger“ hat bei Søren W. Rasmussen nachgehakt. Er ist autotechnischer Redakteur beim Verband der dänischen Autofahrer FDM und das einzige Jurymitglied aus Dänemark.

„Die diesjährige Wahl war eine, die vom Abwarten geprägt war. Viele warten auf die E-Autos der großen Autohersteller, die im kommenden Jahr auf den Markt kommen“, so Rasmussen. 2019 stand ihm zufolge demnach nur ein E-Auto zur Wahl – der Jaguar I-Pace. „Das machte es ja einfach, wenn ein E-Auto nun gewinnen sollte. Und in diesem Jahr war die Stimmung eben danach“, betont er.

„Grüner Touch“

Der „grüne Touch“ hat einen großen Einfluss auf die Wahl zum Auto des Jahres bekommen. „Das signalisiert, dass wir auf dem Weg in eine neue Welt sind“, sagt Rasmussen. Ob der Jaguar nun ein würdiger Träger des Titels ist, kann man laut Rasmussen diskutieren. „Es ist ein tolles Auto. Beim Fahren lächelt man ununterbrochen. Das Auto hinterlässt einen positiven Eindruck. Allein darauf bezogen, ist es nicht ungerecht, dass der Jaguar den ersten Platz belegt“, unterstreicht Rasmussen. Er hatte jedoch eine „zeitgemäße Lösung“ als Favoriten.

„Meine Stimme bekam der Citroën C5 Aircross. Für das Auto gibt es eine sogenannte Plugin-Lösung (E- und Verbrennungsmotor), es ist praktisch und weitaus volksnaher sowie günstiger als der Jaguar“, erklärt Rasmussen. In vielerlei Hinsicht kann man seiner Meinung nach die Wahl 2019 mit der von 1978, als der Porsche 928 den Titel bekam, vergleichen. Damals, wie in diesem Jahr, gab es im Voraus keinen eindeutigen Gewinner. „Zum Beispiel bekam in diesem Jahr die Neuauflage des Sportwagens Alpine A110 den zweiten Platz. Das Auto hat von mir keinen einzigen Punkt bekommen, weil ich es nicht als ein Auto des Jahres sehe“, unterstreicht er, und ergänzt: „Es ist ein lustiges Auto, erzählt aber nichts darüber, wie weit die Autoindustrie gekommen ist.“

Mikkel Thomsager, Chefredakteur des neben FDM-Motor noch einzigen Automagazins in Dänemark, Bil Magasinet, sieht den Jaguar als würdigen Titelträger. Und das obwohl dieser für viele Bürger vom Preis her unerreichbar sein wird. „Ich finde die Wahl des Jaguars als Auto des Jahres richtig. Das Auto hat eine Zukunftsperspektive“, so Thomsager und ergänzt: „Der Jaguar trägt die E-Autos in einen Bereich hinein, wo man Lust auf das Fahren mit solchen Autos bekommt.“ Ihm zufolge soll das Auto des Jahres nicht der klassische Familienkombi sein.

Wegweiser

„Wir brauchen Autos, die ein Wegweiser sein können. Der Jaguar ist ein gutes Produkt. Er fährt dynamisch, hat eine innovative Einrichtung und macht Spaß. Deshalb ist die Wahl meiner Meinung nach völlig in Ordnung“, so Thomsager. Einziger Minuspunkt seien auch laut Thomsager die Ladezeiten des Jaguars. „Aber alles in allem ist der Jaguar ein Statement, welchen Weg die Autobranche einschlagen soll“, so der Chefredakteur, und er vergleicht den Jaguar mit einem Hyundai Kona. „Der Hyundai ist noch das typische E-Auto. Eine Kombination aus E-Motor mit vier Reifen, die schlecht fährt“, betont er. Heute und in Zukunft müssen sich Autokäufer ihm zufolge dessen bewusst sein, wofür sie ihr Auto brauchen. „Ein Hyundai Kona bei einem Fahrbedarf von 30.000 Kilometern im Jahr macht wenig Sinn. Auch ein Plugin-Hybrid ist dort nicht rentabel“, so Thomsager.

Voll aufgeladen schafft der Jaguar I-Pace, nach eigenen Angaben, eine Reichweite von rund 415 Kilometern. In Dänemark kostet das Auto 713.880 Kronen und wird derzeit nur in der Topversion mit 400 PS angeboten. Diese werden von zwei E-Motoren geliefert, die die Hinter- beziehungsweise die Vorderachse antreiben. Demnach hat das Auto einen Allradantrieb.

Die sieben Autos im Finale in Genf waren: Jaguar I-Pace, Alpine A110, Citroën C5 Aircross, Ford Focus, Kia Ceed, Mercedes-Benz A-Klasse und Peugeot 508. Der Ford Focus wurde im Januar zum Auto des Jahres in Dänemark gewählt.

Das Jurydasein hat Rasmussen zufolge auch seine Vorteile. „Es ist unglaublich spannend, und ich habe dadurch die Möglichkeit, einen Blick in die Autoindustrie zu werfen, die andere beispielsweise nicht haben“, so der FDM-Redakteur. „Ich bin froh, dass ich dadurch dazu beitragen kann, meine und die Arbeit der Autoindustrie auf ein höheres Niveau zu bringen“, erklärt Rasmussen gegenüber unserer Zeitung.

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