Kardels Tagebuch: 1915-1918

Einträge von April 1917

Harboe Kardel
Frankreich
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Kardels Tochter Elsbeth Kardel Knutz hat unserer Zeitung die eigenhändig abgetippten Tagebücher zur Verfügung gestellt, sodass Der Nordschleswiger bis zum Ende der Aufzeichnungen bis 2018 Kardels Tagebucheintragungen abdrucken kann. Die Einträge sind immer am 1. eines Monats 100 Jahre später abrufbar.

2. April 1917.

Das Ausrüsten der Wagen brachte mir viel Verdruss. Am 30. März, morgens, 5 Uhr, bei strömenden Regen rückten wir ab, zunächst nach Roulers. Unsere Bahnfahrt ging über Lille-Douai nach Vitry en Artois.Das Dorf war überfüllt, und wir bekamen nur Notquartiere. Die drei Offiziere und wir drei „Vizes“ wohnten und schliefen in einem Zimmer. Der nächste Tag war der Erkundung geweiht. Ich sah Arras und die Siegfried-Stellung. Unsere Stellung war mehr als dürftig. In der nächsten Nacht hatten Gätgens, Wiesler und ich uns in einem Dachstübchen eingenistet. Meine beiden Kameraden mussten schon um 3 Uhr raus. Ich konnte länger bleiben, da ich nicht „A,V,O.“ (Artillerie-Verbindungs-Offizier) wurde. In dem Notquartier ist es kalt und wenig gemütlich.

Lt. Friedrichsen hat uns Vizes unsere Putzer genommen. Das finde ich höchst schäbig. Kann ich denn um jede Kleinigkeit zu einem Handwerker laufen? So werde ich stets zurückgesetzt.

Gestern Abend kam Befehl, ich sollte den behelfsmäßigen Flakzug in Stellung führen. Ich fuhr also mit einem Geschütz nach Hamblain und suche dort nach der 4. und 5. Batterie. Die Ortskommandantur wusste natürlich wieder von nichts. Ich tauschte das Geschütz bei der 5. Um, und fuhr damit nach Guèmappe, wo das andere Geschütz schon eingetroffen war. Bald kam auch Lt. Huster, ein feiner Mann. Ich wäre gern geblieben, aber sollte ja nur so lange den Zug übernehmen, wie er nicht da war. Jetzt muss ich wieder nach Vitry zurück.

3. April 1917.

Nun sitze ich auf unserer Beobschtung, einem kleinen Miniergang in der 3. Stellung, der sehr eng, aber durch ein kleines Öfchen warm und gemütlich ist.

Ich bin in der letzten Zeit wieder anständig bewegt worden.

Gestern Abend um halb elf bekam ich den Befehl, um 7 in Feuerstellung zu sein. Sturmartiger Eisiger Wind wehte uns auf der Fahrt entgegen. Wir wohnten mit den Telefonisten zusammen in einer Bretterbude. Einen englischen Flieger sah ich abstürzen.—Die Mulde, in der all` die Batterien stehen, wurde anständig „beflastert“.

Und am Abend musste ich ganz ohne Grund Wiesler auf der Beobachtungsstelle ablösen. Die Mulde, durch die wir hindurch mussten, lag unter schwerem Feuer, der Telefonist und ich waren in großer Gefahr. Wir wurden einmal mit Erde überschüttet. Doch wir kamen mit Gottes Hilfe glücklich hindurch. Morgen gehe ich als A.V.O. zu Kampfbattaillon Nord, Regiment 163.

4. April 1917.

Ich liege vor Arras. Wenn ich hier doch bloß erst wieder heraus wäre! Die Unterstände beben, der Sand kollert die Stufen herunter, der Batl. Kommandeur ist unzufrieden mit mir. „ Hier wird Krieg geführt“, sagte er. „ Sie sind mir unterstellt.“

Wenn ich meiner Stellung nicht gewachsen bin, kann er mich ja fortschicken.

Als ich vom Graben kommend vor dem Batl. Gefechts Stand war, schoss der Engländer mit Schrapnells, so dass die Stücke neben mir in die Erde flogen.

Diesen Tag werde ich nie vergessen. Eben habe ich meine Meldung einem Infanteristen mitgegeben, der nach Monchy ging.

Noch immer hält das Dauerschiessen an.

5. April 1917.

Auch heute hat es den ganzen Tag getrommelt. Es gab nur kurze Pausen. Nach vorne kam ich heute nicht. Es war unmöglich. Hauptmann Becker ging heute nach hinten , und Oberleutnant Westmann löste ihn ab. Zu Essen gabs nur ein Frühstück, seitdem nichts.

6. April 1917.

Das ist ein trauriger Karfreitag heute. Essen habe ich seit gestern nichts empfangen. Der gute Leutnant Förster har mich immer mit durchgefüttert. Um viertel nach fünf morgens war es ziemlich ruhig, und ich schickte den Telefonisten mit einer Meldung nach hinten. Doch die Ruhe hält nicht an. Um halb neun betrommelt der Engländer 10 Minuten lang die ersten Gräben. Tote und Verwundete liegen noch in den Gräben herum. Wäre ich doch zu Hause! Der Krieg ist zu schrecklich.

Eine Skizze über die feindlichen Gräben habe ich fertiggestellt. Aber ist sie Vollständig? Darüber musste ich mit Lt. F. sprechen.

Bitzer ist noch nicht zurück. Wegen des Essens muss ich von Pontius zu Pilatus laufen. Unter schweren Granaten dröhnte noch vor kurzem der Unterstand. Jetzt regnet`s. Es gefällt mir hier nicht, dass alle mich zur Seite stoßen, außer Lt. Förster.

7. April 1917.

Einige Melder, die mit frischem Mut und Schneid durchs Feuer gingen, haben mir gefallen, ihre Stahlhelme gaben ihnen eins abenteuerliches Aussehen.

Gestern Abend um 8 Uhr kam Bitzer zurück. Er brachte mir grüße von Mutter und Geschwistern, die mich für Augenblicke das Elend um mich hier vergessen ließen. Wie herrlich schmeckten mir die Osterkuchen meiner lieben Mutter!-

Die Feldwache vor Neuville wurde zusammengetrommelt.

Um 4 Uhr morgens gingen Lt. Förster und Vizefeldwebel Schwarz nach hinten.

Nun geht auch der stille Sonnabend zu Ende. Das Artillerie – Feuer ist noch immer heftig. Es kommt mir oft so vor, als wenn ich zu wenig tue. Aber ich habe draußen ja nichts zu suchen. Ich setze mich nutzlos der Gefahr aus. Wie will ich Gott danken, wenn er mich morgen glücklich in Ruhe zurückkehren lässt.

Über ein kleines Sprüchlein, das ich nebenan von den Melder hörte, habe ich mich sehr gefreut: „ Glücklich isst, wer vergisst, was er sonst im Frieden isst.“

29. April 1917.

Erst jetzt kann ich die letzten Wochen beschreiben.

Vizewachtmeister Frenzel löste mich am 8. April frühzeitig ab. Oberleutnant Westmann dankte mir für meinen Einsatz. Der Nachhauseweg barg viele Gefahren: zunächst im Württemberger Weg und dann im Monchy-Riegel. Doch es ging gut.

Man kann auch mancher Gefahr durch Einfühlung in die Lage entgehen. Wie war ich froh, als ich auf Boiry zuging! Auch das warme Wetter stimmte mich froh. Ich hatte das wohlige Gefühl, „hinten“ zu sein nie so empfunden wie an diesem Ostertag.

In der Nacht und gegen Morgen ging vorne ein furchtbares Trommelfeuer los und hörte nicht wieder auf. Eben vor Mittag kam ein Meldereiter, der den Befehl brachte, es solle von allen Batterieen ein Offizier und ein Vizewachtmeister in Stellung gesandt werden. Lt. Schuster sei leicht verwundet, er müsse sofort abgelöst werden. Daraufhin begaben sich Lt. Friedrichsen und Vizewachtmeister Gätgens nach vorne. Um 4 Uhr bekam ich schon Befehl, mit den Protzen an der Wegegabel kurz vor Guèmappe zu stehen und mit der Beatterie Verbindung zu halten. Kaum war ich da, gab mir Hauptmann Waltfried schon den Befehl, die Geschütze möglichst bald aus der Stellung zu holen und zeigte mir die rückwertige Stellung und den zukünftigen Gefechtsstand. Also vorwärts! Überall vor mir sah ich Einschläge, aber wir müssen hindurch. Kaum sind wir angetrabt, da fliegt ein Sprengstück gegen mein Stahlhelm, so dass es einen hellen Klang gibt. Ein stiller Dank gegen Gott—dann geht es weiter auf die große Straße Arras-Cambrai bis zu dem Wegekreuz und dann in die Mulde, wo die 6. Batterie noch unentwegt feuert. Im Schweiss gebadet, arbeiteten die Kanoniere. Sie zitterten vor Aufregung, denn die feindlichen Granaten kamen ihnen oft sehr nahe.—Zwei Geschütze sind aufgeprotzt. Die fahren vorauf. Ich warte, bis das 3. Geschütz auch kommt und gehe mit diesem zurück. Das 4. Geschütz holt Unteroffizier Junge.

Zwischen dem Bois du Vert und der Zuckerfabrik liegt unsere neue Stellung. Es war stockfinster und ein entsetzlicher Schneesturm. Nur einzelne Schrapnells verirrten sich zu uns. Durch Boiry hindurch führte ich Protzen und Staffel nach Hamblain zurück. Doch das alte Quartier war verlassen. Ich hörte, sie sind in Sailly. Als wir sie dort nicht fanden, bezogen wir 3 Uhr nachts wieder Quartier in Hamblain. Meyer und ich schliefen in der Schreibstube. Die Madame heizte uns ein und brachte uns ein Kaffee, unaufgefordert.-

Am nächsten Morgen, so um 8 Uhr, kommt Wachtmeister Wenzel an, der mit seiner Bagage die ganze Nacht auf der Straße gehalten hatte – auch ein Zeichen für die Verwirrung, die bei den oberen Befehlsstellen in diesen Tagen geherrscht haben muss. Viele Befehle wurden durch Gegenbefehle wiederrufen!

Bald nachher musste ich die Protzen bis 700 Meter nordöstlich Boiry führen und mich selbst in der Feuerstellung melden. Hauptmann Waltfried machte mich sofort zu seinem Ordonnanz-Offizier, weil Lt. Dirks krank war. Dadurch wurden mir viele Strapazen erspart, und ich habe einen klaren Überblick über die „Schlacht bei Arras“ erhalten.

Unser Gefechtsstand war an diesem Tage noch am Rande des Bois du Vert in einem ehemaligen Offiziers-Kasino. Das feindliche Feuer war unerheblich,- unser Feuer,- das von der idealen Beobachtungsstelle des Bois du Vert geleitet wurde, war sehr wirkungsvoll. Der Feind lag vor, z.T. im Monchy-Riegel.-

Am Nachmittag ritt ich zum Artillerie-Kommandeur, Major U. und Leutnant v. Rantzau nach Hamblain um Munition zu bekommen.- Abends wählten Hauptmann W. und ich für die Batterien neue Stellungen am Cujeul-Bach aus.-Am Pionier-Park Boiry suchte ich noch spät nach Munition. Abends um 10 Uhr kam ich zur Gruppe zurück, wo alle Batterie-Führer versammelt waren, und mit Brot und Suppe ihren Hunger stillten. Wir waren alle furchtbar müde.

Nun kann ich die folgenden Ereignisse nur kurz skizzieren, sonst werde ich nie fertig.

Um 3.30 Meldung, dass die Engländer Monchy angreifen wollen. Ich bringe den Schießbefehl zu den Batterie-Führern. Um 5 Uhr machen diese Stellungswechsel nach hinten, da geht der Angriff los. Die Batterien werden wieder vorgezogen. Ich hatte schon Telefon zu den neuen Stellungen legen lassen.

Am Morgen des 11.4. werden 2 Tanks von Oberleutnant Kolster , einer von Leutnant Schubert erledigt. Monchy wird von den Engländern besetzt. Die Gruppe hat sich in der Kiesgrube eingerichtet. Hauptmann Waltfried spricht von naher Ablösung. Ein Schuss geht in die Kiesgrube. Die Leitungen sind dauernd entzwei. Deshalb zieht die Gruppe am 12.4. um an den Cujeul-Bach, 1200 m. südlich Boiry. Solange nicht dahin geschossen wurde, fühlten wir uns dort glücklich.

Am nächsten Tag gegen Mittag machte ich mit Offizierstellvertreter Schönfelder eine Patrouille nach Guémappe, um den Verlauf unserer vordersten Linie dort festzustellen. Es gelang uns die gestellte Aufgabe zu erfüllen.

So gegen 5 Uhr Nachm. –Lt. von Rantzau war gerade da mit seinen Pferden, und wir alle stehen vor dem Unterstand—geht eine Granate 20 Schritt von uns entfernt in den Boden.—Keine Splitterwirkung, wir wären sonst alle erledigt gewesen.

Gegen Abend wurde Guèmappe angegriffen. Hauptmann Waltfried ging mit mir auf die Höhe, nach Vis. Von dort verfolgten wir das Zurückfluten der Engländer unter dem Feuer unserer Batterie. Als wir zurück kamen, waren 2 verwundete Offiziere im Unterstand. Die 6. Batterie bekommt den Auftrag zum Gas-Schießen (2000 Schuss) aufs Schenkendorf – Werk.

Am Morgen des 14. Greifen die Engländer von Monchy aus an und kommen bis über das Termitenwäldchen hinaus. Aber Hauptmann Kesselring von der 6. Batterie des 12. Bayrischen Artillerie-Regiments, Offizier-Stellvertreter Bergstädt und Leutnant Friedrichsen funken so kräftig in ihre Gräben, in die sie vom Bois du Vert aus hineinsehen, dass sie sich nicht halten können und die Infanterie mühelos 200 Mann gefangen nehmen konnte. Von diesen sahen Hauptmann Waltfried und ich einige in Boiry: Junge Burschen, die froh waren, dem Krieg entronnen zu sein.

Nach Mittag erkunde ich den neuen Gefechtstand, 800 m. Rückwerts. Doch der Umzug ist schwierig. Der Tommy streut die ganze Gegend, bis weit nach hinten hin ab. Dr. Fischer und ich kommen, abgesehen von einigen Lehmklumpen, als erste gut durch. Am Abend war die Baracke schon sehr schön eingerichtet.

Unteroffizier Junge wurde verschüttet und erlitt einen Nervenschock.

Am 15.4. suchte ich eine Beobachtungsstelle für die Gruppe und einen Platz für ein Nahkampfgeschütz in Vis. Als ich zurückkam, sagte Hauptmann Waltfried mir, dass Leutnant Petersen gefallen sei, und dass ich bei der morgen erfolgenden Ablösung der Gruppe zur 6. Batterie zurück müsse.

Nachher wurde noch Unteroffizier Langmeier verwundet.

Die 6. Batterie ging 250 mtr. weiter vor. Hier bekam Prill einen Bauchschuss. Die ganze Nacht bekam die Batterie das schwerste Feuer. Leutnant Huster war verzweifelt. Am Morgen des 16. Ging sie in die alte Stellung der 4.-

Ich begleitete Hauptmann Waltfried, als er durch die Batterien ging, um Abschied zu nehmen. Die 75 er, die auf der Gruppe ablösten, ignorierten mich. Ich hatte ja keine Achselstücke. Überhaupt, um Offiziersdienst zu machen bin ich gut genug. Anerkennung zu finden, ist mir nicht möglich.

Om Sonnenschein ging ich von Boiry nach Hamblain, und nur die Ungewissheit über die Ablösung der Batterien dämpfte meine Freude ein wenig. In der Gesellschaft des guten Hans Gätgens waren alle Mühen bald vergessen.

Am 17.4.Morgens löste Lt. Friedrichsen Lt. Huster ab. Dieser fuhr gleich zur Beerdigung von Lt. Petersen nach Douai.

Als Gätgens und ich bei Wenzel Kaffee tranken, kam Unteroffizier Thode herein mit dem Ablösungsbefehl. Nie waren wir froher, die bisher schwerste Zeit des Krieges war glücklich überstanden.

Am 18.4. um 4 Uhr morgens kamen die Geschütze. Während des Herausziehens war die Batterie schwer beschossen worden. Vize Meyer musste noch mit der Gig die zurückgebliebenen Sachen holen. Ich ritt als Quartiermacher um 7 Uhr morgens nach Dechy bei Douai. Es regnete, und meine Füße waren wund. Die Ortskommandantur konnte mir kein Quartier geben. Trotzdem brachte ich die Batterie in Häusern unter, zu Lt. Friedrichsens Zufriedenheit.

Am nächsten Morgen ritt ich mit Dobriner und Unteroffizier Kröger schon wieder los nach St. Aubert. Dort konnten wir infolge des Vorhandenseins guter Quartiere wieder alle zufriedenstellen. In dem gemütlichen Kasino konnte ich nur Kaffee trinken, denn bald musste der Quartiermachertrupp seine Pferde wieder satteln, um über Solennes und Le Cateau nach Bazuel zu reiten. Wie war der kleine schwarze Gaul schlapp.

Am 19.4. neun Uhr abends kamen wir in Bazuel an, ließen uns die Quartiere anweisen und blieben selbst die Nacht über in unserem nachmaligen Kasino. Wir brachten die Batterie an der nach Le Cateau führenden Straße gut unter.

Am nächsten Tag gingen Hans Gätgens und ich nach Le Cateau und machten Einkäufe. Nacher machten wir in Le Cateau eine Eierquelle auf.—Der Abend war langweilig.

Sonntag fuhren Lt. Friedrichsen, Gätgens und ich mit vielen anderen Offizieren des

Regiments nach Estrèe nördlich St. Quentin um Stellungen auszusuchen.

Am Abend gab es gemütliche Skatrunden, anschließend lustiges Schnapstrinken und Singen.

Am Montag d. 23.4. morgens war Pferderevision. Am Nachmittag kommt Befehl:

Die Batterien sind alarmbereit und bereiten sich zum Abmarsch vor.-

Abends um 7 Uhr: Quartiermacher sind zu entsenden nach Cagmoncles bei Cambrai.

Dobriner, Kröger, Sievers und ich reiten über Le Cateau, Beaumont, Beauvois, Carnières nach Cagmoncles, allwo wir am Morgen des 25. 4. Quartier machen. Die Ortskommandantur gab uns eine viel zu hohe Belegungsstärke an.

Am 26.4. um halb sieben reiten wir zur Erkundung nach vorne. Ich kam wieder mit zurück. Abends führte ich noch den 2ten Zug in Stellung.

Am 27. 4. Ruhte ich mich aus.

Heute haben wir in Cambrai Quartier bezogen.

Ich bin mutlos und habe keine Freudigkeit mehr. Den einzigen Erfolg, der für mein späteres Leben von Nutzen wäre, den preußischen Offiziersgrad kann ich nicht erlangen. Mein Ehrgeiz sträubt sich gegen diese Ungerechtigkeit. Wie wird es mir schwer, für ein Vaterland zu kämpfen, dessen Repräsentanten mich so schlecht behandeln! Bald gehen nun die Jungen in Feuerstellung, und ich muss für sie laufen und springen. Es müssen Offiziere im Regiment geben, die mich systematisch niederhalten. Lieber Gott, ich bitte Dich flehentlich: Wende mein Schicksal! Du kannst es. Ich bin so furchtbar unglücklich. Und bis du hilfst, verleihe mir Geduld.

Heute morgen erhielt ich die traurige Nachricht, das Lembke tot ist, Bentzin und Schulz sind schwer, Voigt und Synder leicht verwundet. –Ein Schuss für die Straße nach Anneux bestimmt, ging in den Tagesraum des 1. Geschützes. Nun sind alle unsere guten Geschützführer hinüber.

Nun ist der sonnige, warme Sonntag zu Ende. Alles war so still und friedlich in dem alten Cambrai. Wie oft habe ich es nicht heute gedacht: Wenn doch erst Friede wäre! Wie würde ich aufatmen! Lt. Huster fragte mich, wo ich all die schönen Lieder her hätte, die ich zum Klavier sang. „Die habe ich von zu Hause mitgebracht“. Viel Welt-

erfahrung—Gewandtheit und Geld hat mir mein Elternhaus nicht mitgegeben, aber ein feines Gefühl, dass sich nur dem Guten und Reinen, niemals dem Gemeinen widmen kann und eine helle Begeisterung für alles Schöne, für Gesang und Poesie, dazu Freude und froher Geselligkeit. So bin ich und ich kann nicht anders sein.

Heute Abend war ich mit Lt. Huster und Lt. Finzelberg im Offiziers-Speisehaus. Dort war auch der alte Oberst Rehfeldt. Lt. Semper suchte einen Puff. Auf diese Weise—Lt. Meinssen zeigte ihn ihm—gerieten wir da mit hinein. Glücklicherweise verschwanden wir aber bald wieder.

30. April 1917.

Eben haben wir Lembke auf dem neuen Friedhof vor der Stadt zur letzten Ruhe geleitet.

Ich bedaure, dass ich übermorgen Cambrai für einige Tage verlassen muss. Ich bin gerne hier.

Pastor Rienau schreibt aus Husum an mich: „ Hoffentlich haben Sie alles gut überstanden und bekommen bald die sicher längst verdienten Achselstücke“.

Augenblicklich ist gar keine Aussicht, dass ich sie bald bekomme. Meine Lage ist zum Verzweifeln.

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