Kardels Tagebuch: 1914-1918

Einträge von April 1918

Harboe Kardel
Frankreich
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Kardels Tochter Elsbeth Kardel Knutz hat unserer Zeitung die eigenhändig abgetippten Tagebücher zur Verfügung gestellt, sodass Der Nordschleswiger bis zum Ende der Aufzeichnungen bis 2018 Kardels Tagebucheintragungen abdrucken kann. Die Einträge sind immer am 1. eines Monats 100 Jahre später abrufbar.

5. April 1918.

Meine 5-tägige Ruhe, die am Ostersonntaganhob, ist nun zu Ende.

Sie brachte, kurz gesagt: ein Gespräch mit der schönen Aachnerin, einen Weinabend mit Pape und Selige, ein Gespräch mit Jeanne über ihr Verlobt sein mit Maurice, der übrigens sehr niedlich seinen Gefühlen Ausdruck geben konnte, und eine zwecklose Theaterfahrt Mit Marten nach Lille.

Gestern mussten wir alle überflüssigen Sachen abgeben nachAalbecke.

Viele neue Batterien sind vorne eingesetzt. Auch hier drängt`s zur Entscheidung. Sie soll uns auf dem Posten finden. Möge Gott unserm Vorhaben Gelingen geben.

6. April 1918.

Ich denke in diesen Tagen viel zurück. Und es ist merkwürdig: je mehr ich an die Heimat denke, umso mehr Freudigkeit habe ich, hier meine Pflicht zu tun. Jetzt empfinde ich recht, wie schön die Tage zu Hause waren.

Als ich heute nach Mittag unterwegs war, um von unserer B-Stelle aus„Cäsar“ einzuschießen, schoss Tommy ganz in meine Nähe mit den unangenehmen Ratschern.

21. April 1918.

Ereignisreiche Tage liegen hinter mir. Ich kann sie nur kurz skizzieren.

In der Nacht vom 7.8./4verließ ich mit den Geschützen die Stellung bei Tenbrielen.

Nachts vom 8.9./4Erkundung unserer Stellung bei Kapelleneck. Unglaubliche Fülle auf den Straßen!

Vorne Ruhe. Mittags meldete ich mich bei Hauptmann v. Kalkstein II/-163-

Nachmittags fieberhaftes Rüsten. Es geht los!

Ein endloser Zug strebte nach vorne: Wir auch um 7 Uhr Abends. Hinterm Kanal fing es an zu gießen. Ein Geschütz und ein B-Wagen blieben stecken. Oft stockt die endlos lange, sich in stockfinsterer Nacht vorschiebende Kolonne. Wenn nur der Feind nichts merkt!

Ein Schuss in diesen Haufen, und der ganze Aufmarsch ist gestört. Das waren schreckliche Stunden im Vorgelände von 1.30 bis 5.30, während unsere Geschosse über uns hinweg heulten und die feindlichen in unsere Reihen schlugen.

Diese verfluchten Krachgranaten! Dies Jammern der verwundeten hinterher! Wie schön, als wir uns erst erhoben und in dichten Scharen im gemütlichen Schritt vorwärtsgingen, als handle es sich um einen Spaziergang.

Ich hielt mich immer in der Nähe von Hauptmann Kalkstein. Gefangene Tommys erschienen in Haufen.

Um 9 Uhr etwa landeten wir an der Hecke nördlich desBlaurepoortbaches,dort wurde Kriegsrat gehalten.

Meine Melder, Botzer und Ferchen hatten mich verloren: Der eine hatte meinenRucksack, ich hab ihn nie wiedergesehen.

Ich ging zur Batterie. Diese stand auf der Kaiser-Straße bei Kreuz-König. Tommy fotzte wüst in der Gegend um her. Dass bei uns nichts passiert ist, wundert mich.

Um 4.30 nachmittags kam der Befehl, um 5.30 den Angriff bisWytschaete vorzutragen. Die Art. Vorbereitung war sehr mau. Und doch kamen wir fein vorwärts. Wir nahmen den Rondeelwald.

Der Standort des Kampftruppen-Kommandeurs war an dem Anhang am Wambeke-Bach. Von dort aus nötigten wir 2mal bewaffnete englische Abteilungen durch M.G. Feuer zur Übergabe.

Die Nacht verbrachten wir in einer kleinen Holzhütte.

Am 11.Früh wurden wir dort raus geschossen. Wir gingen in den grünen Betonunterstand. Ich ging morgens zum Regt. Gefechtsstand und traf dort Lt. Friedrichsen, der am 11. 4.nachmittags verwundet wurde.

Der famose Bursche von Hptm. v. Kalkstein, Nikolaus Beck aus Scherrebek, gab mir den Gedanken ein, mit einem englischen Geschütz zu schießen, das nahe am Zick-Zack-Weg stand.

Nachmittags wurden wir bös befunkt. Leider bekam ich aus dem Geschütz nur einen Schuss heraus. Der Grund des Versagens war nicht zu finden.

Inzwischen war die Kommando-Zentrale näher an den Rondeelwaldherangelegt worden. Ein gemütlicher Bunker, in dem mit Abwechslung geschlafen wurde, da nur 2 Liegestätten da waren. In dem blieben wir bis zum 14.4. abends.

Rührend sorgte Hauptm. V. Kalksteinfür seinen „Avo“, in jeder Weise, wie ein Vater.

Ich schoss noch am 12.und 13.Mit dem englischen Geschütz.

Inzwischen war Schuster auch mit der Batterie näher herangekommen.

Am15.4.morgens beim Angriff aufWytschaete konnte ich Bruder Andreas begrüßen. Er kam mit einem großen Brotsack geschleppt.- Er ist Schustersständiger Begleiter.

Am14.abends waren wir im Pappelhof, wo es immer grässlich voll, sonst aber gemütlich warm war.

Am 16. abends schoss „Tommy“ wie verrückt. 6/17 war dem III.Batl. zugeteilt . Schuster und ich mussten dorthin. Es war grässlich dunkel, der Feind streute das ganze Gelände ab. Wir fielen in Granatrichter und hingen im Stacheldraht fest. Es war eine „wunderbare“ Nacht. Erschöpft legten wir uns in Oberlt. JürgensensBunker hin und warteten größere stille ab.

Dann suchten wir in Wytschaeteeine Stellung aus und kriegten ein Geschütz glücklich dahin und fanden 2 gute Betonbunker.

Mittags ging ich wieder zu II/-163-, das jetzt westlich Wytschaete, am Bohlenweg lag und wurde mit großer Freude empfangen.

Abend s zogen wir um in die Wellblechvilla, in der Major Dziobekwohnte. Dort war es kalt und nicht besonders gemütlich, wenn geschossen wurde. Ich habe da furchtbar gefrohren und mir eine böse Erkältung geholt.

Am 18.4.Volltreffer im Melder Unterstand. Kanonier Sagerist tot.

Am 20.4. morgens sagte Hauptm. v . Kalksteinzu Lt . Schusterich wäre krank und müsse zurück.

Von letzterem und Bruder Andreas trennte ich mich bei Blau-Pkt. G. Mit Schramm ritt ich nach Hause. Von Wytschaetenach Halluinwar ein langer Ritt, die Straßen waren belebt von endlosen Kolonnen. Das Trichtergelände war überbrückt. Erstaunt sah der „Igel“-Unterstand auf das ungewohnte treiben. – Als ich mich im Spiegel sah, erschrak ich fast. So verwildert war ich.

Heute war ich im Revier bei Dr. Fischer. Es ist Sonntag und herrliches Wetter. Hoffentlich kommt die ganze Batterie bald raus.

Eben marschierte mit kling und klang das I.R. -163- hier vorbei in Ruhe, nach siegreicher Schlacht.

23. April 1918.

Gestern Abend traf ich in Halluin-Hebbe Schröder, stud. theol., Rudis und meinen Husumer Freund.

25. April 1918.

Am 23.4.schöner Spaziergang mit Gätgens durch die friedliche, frühlingswarme Landschaft am Kanal bei Halluin.

Am 24.4.morgens reite ich in Stellung.

Die 6. Steht an der Höhe, 1 km nordöstlich Messines, wo am 10.4. unser erster Kommandostand war. Ruhige Sache.

Am 25.4. von 3.30 -5.30 Gasschiessen, von 6 Uhr bis 10.20 Feuerwalze! Kein feindlicher Schuss stört uns, nur einmal etwas eigenes Gas. Das Unternehmen gelingt. Der Kemmelberg ist genommen, 20.000 Gefangene.

Brief an Vetter Gerhard Kardelkommt zurück: „Für sein Vaterland gefallen“,als

Inf. Offizier am 18.4. bei Wytschaete (Flandern). Gott legt der lieben Tante Grete in Kellinghusen eine schwere Last auf. Welch` schmerzliche Opfer fordert der Krieg!

Heut`nachmittag fiel auch nicht weit von mir einer von den neuen Leuten, der erst 3 Tage im Feld war. In seiner Tasche fand man einen rührenden Brief an seine Mutter.

26. April 1918.

Heutemorgen schossen wir auf Dickebusch.Der Angriff soll heute bis dahin vorgetragen werden. Vor uns biwakieren schon Bagagen. Wie stehen in der Etappe

Wir erwarten jeden Tag unsere Ablösung.

Ich habe immer für den guten Vetter Gerhard Kardel gefürchtet. Besonders vor dem Sturm von Wytschaete. Nun ist er- der 4. In unserer Familie-für sein Vaterland gestorben. Es wird meiner lieben Mutter auch sehr nahe gehen. Sie war erst kürzlich in Kellinghusen.

Schusterist zur 4. Batterie rübergegangen. Ich bin allein in der Batterie.

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