Kardels Tagebuch: 1914-1918

Einträge von Dezember 1917

Harboe Kardel
Frankreich
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Kardels Tochter Elsbeth Kardel Knutz hat unserer Zeitung die eigenhändig abgetippten Tagebücher zur Verfügung gestellt, sodass Der Nordschleswiger bis zum Ende der Aufzeichnungen bis 2018 Kardels Tagebucheintragungen abdrucken kann. Die Einträge sind immer am 1. eines Monats 100 Jahre später abrufbar.

2. Dezember 1917.

Heute Morgen machte ich meinen letzten Spaziergang durch Tonderns Straßen und traf bei dieser Gelegenheit zunächst die redselige Frau Dr. Hansen und danach die schöne Kindergärtnerin in der Süderstrasse. Ich weiß wahrhaftig noch nicht, wie sie heißt, aber so viel ist sicher: ich habe noch nie so himmelblaue Augen gesehen. Ich verabschiedete mich von ihr bei der Tonhalle. Wir sollen die Mädchen verehren, auch dann wenn wir keine Aussichten haben, sie jemals wiederzusehen.

3. Dezember 1917.

In Itzehoe angekommen. Wohne bei Bruder Andreas.

Schwer wurde wieder der Abschied meiner lieben Mutter. Sie hat jetzt auch wieder keine Hilfe. Wie sehr gönnte ich ihr eine Erleichterung.

Bei der Untersuchung lernte ich sämtliche Offiziere der Garnison kennen. Der Vorsitzende der Kommission, ein Major, wollte mich ins Feld schicken, aber durch Vermittlung des Arztes konnte ich bis zum 31.12. bleiben. Damit war ich sehr zufrieden. Bei Lt. Karch und dessen Frau Gicke (aus Langenhorn)trank ich Kaffee.

Nachmittags, Abfahrt nach Kellinghusen.Abends ging ich mit Base Lotte nach Wrist und fuhr weiter nach Neumünster, wo ich bei Tante Dora Suhren wohne.

5. Dezember 1917.

Nun sind die schönen Tage in Brügge auch wieder vorüber. Viel zu schnell. Mit Lotte war ich nach Buchwaldt zu Brüggens spaziert. Herrliche Bewirtung!—Lotte zeigte mir auch ihre Stube, mit dem schönen Blick auf den Pfarrgarten, Dorf und Eidertal.

6. Dezember 1917.

Um 5.15 wurde ich mit einem vorsichtigen Klopfen von Lotte geweckt. „Aufstehen, Harboe“, rief sie, dann verschwand sie wieder.

Nun bin ich in Itzehoe in meiner neuen Stube angelangt und habe mich eingerichtet.

7. Dezember 1917 (Freitag)

Mit dem Hauptmann de Boer und den Leutnants Roggentau und Bade trank ich zuviel Rotwein. Wie konnte ich nur einen solchen Unsinn mitmachen.

Auf dem Ochsenkamp tat ich zum erstenmal wieder militärischen Dienst: Von 9.40-11.20 Geschützexerzieren.-

Eben habe ich in Heiligenstedten Pastor Rönnau`s besucht. Es war da noch ebenso gemütlich wie vor 3 Jahren.

9. Dezember 1917 (Sonntag)

Sonnabend hatte ich von 8-4 Uhr die Aufsicht beim Scharfschießen im Lockstedter Lager. Ich bekam den betreffenden Befehl erst um 9 Uhr zu sehen. Die 3. Ersatz-Batterie stellte mir ein schreckliches schwarzes Pferd. Die alte Mähre stolperte sogar im Schritt.

Bis 14.35 hielt ich mich beim Scheibenstand auf, wo die Rekruten ihre Patronen verknallten. Um 17 Uhr fuhr ich nach Kellinghusen.

Bruder Andreas fühlt sich bei Tante Grete sehr wohl. Abends war Martha Mohr da.

Wir sangen einige schöne Lieder zusammen. An Lotte Paulsen ließ ich Kölnisch Wasser und Lakritz schicken.

Lt. Friedrichsen ließ mir durch Lt. Kleppe sagen, ich müsse mich gleich anfordern lassen. Ich muss zum zum 17. Regiment. Deshalb habe ich heute das Regiment gebeten, mich anzufordern. Es wird mir nicht schwer fallen, von hier zu scheiden, denn ich bin hier ungern. Auch in die Familien, in denen ich früher verkehrte, passe ich nicht mehr hinein.

Ich schreib einen 8 Seiten langen Brief an Lotte Paulsen. Das möchte ich jeden Tag machen.

10. Dezember 1917.

Eben komme ich von Kellinghusen.

Nach dem Abendbrot erzählen wir uns lustige Heiratsgeschichten.

Es war vergnügt.

13. Dezember 1917. (Donnerstag)

Bruder Andreas und ich hatten einen Besuch in Heiligenstadt angesetzt.

Aber weil ich einen Waggon mit Bekleidungsstücken ausladen musste, kamen wir erst gegen 18 Uhr an. Wir fühlten uns bald wieder sehr wohl dort. Pastor Rönnau und Frau sind ja auch 2 prächtige Menschen. Durch das Essen wurde mein Magen in freudige Wallung versetzt, die sich leider etwas laut kundgab.-

Als ich um 23 Uhr wieder zurückkam, fand ich den Befehl vor, den Waggon von heute morgen fertig zu entladen.

Als ich dann wieder meiner Stube näherte, dachte ich: „ Sollte wohl schon aus Brügge etwas da sein?“ Aber ich sagte mir: „Nein, es ist noch zu früh.“ Aber doch, von ihr fand ich einen seitenlangen Brief. Sie würde mich gern noch sehen, bevor ich hinausgehe.

14. Dezember 1917. (Freitag)

Offizier vom Ortsdienst ist ein schlechter Posten.

Nachmittags sprach ich mit Dr. Tölle über einen Erholungsurlaub. Er sagte: „ Wir werden die Sache schon befummeln“.

Das ist fein. Weihnachten zu Hause! Welch` frohe Hoffnung tut sich mir auf.

15. Dezember 1917. (Sonnabend)

Die „Urlaubsschlacht“ ist gewonnen. Hurra!

Mit allen beteiligten Herren sprach ich persönlich. Zuerst noch einmal mal mit Stabsarzt Dr. Tölle, dann mit Hauptmann de Boor, und zuletzt mit Oberlt. v. Holstein. Keiner hatte etwas dagegen. Wer schüchtern ist beim Kommiss, erreicht nichts. Frisch gewagt, ist halb gewonnen.

Nun ist die nächste Frage: Wie reise ich? Mein Herz drängt mich nach Brügge.—

Ja, auf zu Lotte. Wer weiß, ob ich sie sonst im Leben noch mal wiedersehe.

20. Dezember 1917. (Donnerstag)

Zum Theodor-Storm-Abend kam ich nicht, denn die Leutnants Bade und Gomann feierten bei einer Bowle Abschied im Kasino, und ich kam nicht fort. Nachher kam auch der Major Hopf. Es war ein gefährliches Getränk. Um 13.30 ging ich und ließ den Major, Hauptmann Kröger und ein Fähnrich zurück.

Sonntagmorgen war ich noch mit den Mannschaften zur Kirche. 13.46 Abfahrt nach Kellinghusen.

16. Dezember 1917.

Spaziergang mit Tante Grete, Kusinen Lotte und Erika, Frau Mohr und Martha Mohr.Melde mich telefonisch in Brügge an.

17. Dezember 1917 (Montag)

Im hellen Sonnenschein erreiche ich Brügge. Herzliche Auffnahme!

Zwischen Mittag und Kaffee Spaziergang mit Lotte und (Schwägerin) Else nach dem Kirchhof. Abends kommen die Jungfrauen zum singen. Der alte Pastor und ich werden rausgeschmissen. – Plötzliches Zubettgehen, ohne Plauderstündchen.

Ich musste Lotte die Wahrheit gestehen und setzte vorm Einschlafen meine Gedanken in Verse.- Ganz kurz sprach sie auch mit mir, als wir einen Augenblick in meinem Zimmer allein waren. Sie meinte ich sähe durch schöne Brillen.

Guste, ihre Schwester, hatte mich wieder reichlich ausgerüstet.

Über Neumünster, Heide, Husum erreichte ich Tondern. Bruder Willi sprang mir in seiner Lebhaftigkeit entgegen, als ich ausstieg. Mutter erwartete mich hinter der Sperre.

Gestern Abend, den 19.12. genoss ich die Freuden des Eislaufs auf den Süderfennen.

Abends kam Hulda. Heute Fortsetzung des Eissports.

23. Dezember 1917. (Sonntag)

Auch an den Nachmittagen des 21. Und 22. Dez. lief ich fleißig. Lotte Lange war die schönste und lustigste von allen. Oft lief ich mit ihr und Frl. Bachmann an den „Südpol“, bis an den Strom, wo wir durchbohrte Herzen im Eis zeichneten.- gern ließ Lotte Lange sich von mir schieben, und fand das Herrlich. Ich kann mir gar nicht denken, dass sie, wie die Rede geht, mit dem jungen Bachmann versprochen ist.

Heute Morgen, als ich noch im Bett lag, brachte Willi mir ein Telegramm aus Itzehoe: „Anforderung Reserve Feldartl. Reg. 17 liegt vor. Auf telegr. Abruf marschbereit halten. Abmarsch vorraussichtlich am 28.12“.

Heut am Sonntag taut es.

24. Dezember 1917.

Die Weihnachtsfeier in der Kirche ist vorüber. Am weihevollsten war der Augenblick, als die Orgel mit gedämpften Ton das Lied „Stille Nacht---“ anhob.

Wir saßen hinter der Kanzel. Drüben am Hauptsteig saß Lotte Lange mit Mutter und Tante.

Weihnachtsabend –trauliche Stunden, gewürzt durch gebende und nehmende Liebe. Oft gingen meine Gedanken zu Rudis lebensvollem Bild, das wir Kinder Mutter schenkten.

Rektor Siemonsens waren auch wieder hier. Es war alle so traulich wie früher. Nur zwei liebe Menschen fehlten---unser Vater und Bruder Rudi--!

Wie lange noch, und wir sinken auch ins Grab.

26. Dezember 1917. (Mittwoch)

Es sei noch kurz berichtet, wie es mir gestern auf dem Eis erging: Gegen 16 Uhr kamen Lotte und Frl. Bachmann. Wir waren lustig, liefen in langer Reihe nach der

„Insel der Seligen“. Wir spielten „kriegen“ und neckten uns. Leider mussten sie schon um 17 Uhr abspannen. Als Lotte L. mir die Hand zum Abschied schüttelte, sagte sie:

„Hoffentlich sehe ich Sie noch wieder, sonst wünsche ich Ihnen alles Gute“.

Sie erlaubte mir aus dem Feld an sie zu schreiben.

Heute war ich also wieder auf dem Eis mit ihr zusammen. Als sie meiner Ansichtig wurde, sagte sie: „ Er lebt also doch noch!“

Weil ich nämlich das Wandelkonzert am Mittag auf dem Marktplatz versäumt hatte,

meinte sie, ich sei schon abgereist. Wir spielten „kriegen“, liefen dann langsam Hand in Hand auf und ab und Lotte erzählte eine lustige Geschichte.

27. Dezember 1917.

Noch ist das bewusste Telegramm noch nicht gekommen. Ich war also wieder auf dem Eis. Durch Peter Balzer lernte ich Lene Winter kennen. Gegen 15 Uhr erschien Lotte und ihre Freundin an der Ecke der Wassermühle im roten Kleid, schön wie die Jugend selbst.—Ein Flieger flog niedrig über das Eis hin.

Wir liefen zusammen bis halb sechs. Ich übte das Bogenlaufen.

Nun ist alles vorbei, denn eben kommt Liesbeth mit dem Telegramm:

Zwecks Inmarschsetzung spätestens am 28.12. mittags eintreffen!“

Also muss ich morgen früh 5.03 fahren.

Von Lotte Lange werde ich mich brieflich verabschieden.

Wenn ich auch als „Kriegsfreiwilliger“ wieder hinausgehe, so wird es mir doch schwer, mich von der Heimat loszureißen, die mich mit tausend unsichtbaren Fäden hält. Das sind die Herzen der lieben Menschen, die ich kennen lernte. Ich werde sie vermissen. Was erwartet mich draußen? Gefahr jedenfalls, vielleicht Verwundung, vielleicht Tod.

Aber ist etwas auf der Welt so teuer, um es für die Schöne Heimat zu opfern?

Vorwärts mit Gott! Ich stehe in seiner Hand.

28. Dezember 1917. (Freitag)

Heute Morgen 5.03 verließ ich Tondern. Mutter und Schwester Lisbeth brachten mich zur Bahn. Im Zuge ist eisige Kälte!

Freundlicher Abschied vom Zahlmeister, von Major Hopf, Oberlt. Holstein, Hauptmann Kröger, Lt. Wulf, Winkler und Veterinär Lucht. Andreas begleitete mich.

Abschiedsbesuch bei Lt. Karg und Frau Gicke. Dann zur Bahn.

Nun sitze ich im warmen Wartesaal zu Altona. Ich reise vorwärts, und die Gedanken schweifen zurück zu all den lieben Menschen, die ich daheim zurückließ.

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