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Leipziger Buchpreis an Esther Kinsky

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Leipzig
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Esther Kinsky
Esther Kinsky Foto: dpa

Die Schriftstellerin Esther Kinsky hat den renommierten Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen. Die Jury zeichnete in der Kategorie Belletristik ihr Buch "Hain. Geländeroman" aus.

Der zum 14. Mal verliehene Preis der Leipziger Buchmesse zählt zu den wichtigsten Literaturauszeichnungen in Deutschland. Er ist mit insgesamt 60 000 Euro dotiert. Für den Sieg gibt es in jeder Kategorie 15 000 Euro, die fünf Nominierten in jeder Sparte erhalten jeweils 1000 Euro.

Esther Kinsky (61), die in Berlin lebt und arbeitet, erzählt in "Hain. Geländeroman" (Suhrkamp Verlag) von drei italienischen Reisen einer Ich-Erzählerin abseits der touristischen Pfade. Landschaftsmeditation, Kindheitserinnerungen und Trauer kommen zusammen.

"Was für ein stilles, kaum bewegtes, menschenarmes Buch", hieß es in der Begründung der Jury. "Und zugleich: Was für eine Schule der Wahrnehmung. In der Reizreduktion zeigt sich jedes noch so unscheinbare Detail mit geradezu übersinnlicher Genauigkeit; die Tonlosigkeit steigert sich zum Gesang der Dinge." Man werde der unspektakulären Melodie des Buches und der rhythmischen Präzision seiner Sätze nur gerecht, wenn man es langsam lese: "mit einer Geduld, die nichts erwartet, und gerade deshalb mit einem Staunen über die Fülle seiner Einzelheiten belohnt wird"

Kinsky setzte sich gegen die ebenfalls nominierten Romanautoren Isabel Fargo Cole ("Die grüne Grenze"), Anja Kampmann ("Wie hoch die Wasser steigen"), Georg Klein ("Miakro") und Matthias Senkel ("Dunkle Zahlen") durch.

In der Kategorie Sachbuch/Essayistik ging die Auszeichnung an den Historiker Karl Schlögel für das Werk "Das sowjetische Jahrhundert. Archäologie einer untergegangenen Welt" (Verlag C. H. Beck). "Das Buch ist meisterhaft erzählte und zugleich denkbar originelle Geschichtsschreibung. Vielleicht aber ist letztlich Schlögels Ton das Außergewöhnlichste an diesem Buch: ohne Triumphalismus oder Nostalgie, dafür in einer heroisch-scharfsichtigen Melancholie, mit Sinn für Tragik", hieß es in der Begründung der Jury.

Den Preis für die beste Übersetzung erhielten Sabine Stöhr und Juri Durkot für die Übertragung des Romans "Internat" von Serhij Zhadan aus dem Ukrainischen (Suhrkamp). In der Übertragung entfalten die dichten Beschreibungen eine große Kraft, urteilte die Jury. "Lebendiger als in diesem Roman kann man vom Krieg nicht erzählen, lebendiger kann eine Übersetzung nicht sein. Sabine Stöhrs und Juri Durkots Schattierungen der Düsternis sind von großer Schönheit."

Unter dem Motto "Zoom in Romania" stellte sich Rumänien mit einer vielfältigen Literaturszene als offizieller Gast der Buchmesse vor. Für den Auftritt wurden 40 Bücher wichtiger Autoren neu ins Deutsche übersetzt. "Rumänien ist ein wunderbares Land mit einer wunderbaren Literatur, das aber erst noch entdeckt werden muss", sagte Buchmesse-Direktor Oliver Zille.

Der rumänische Außenminister Teodor Meleșcanu hatte schon bei der Eröffnungsfeier am Vorabend für einen "vorurteilsfreien Blick" auf Rumänien geworben. Der Auftritt als Gastland der Messe könne dazu beitragen, der bevorstehenden Übernahme der EU-Ratspräsidentschaft durch Bukarest zum Erfolg zu verhelfen. Bis zum Sonntag stellen zahlreiche rumänische Autoren bei rund 70 Veranstaltungen ihre Werke vor.

Georgien, diesjähriges Gastland der Frankfurter Buchmesse im Oktober, kündigte insgesamt gut 450 Veranstaltungen in Deutschland, Österreich und der Schweiz an.

Bei Kinderbüchern liegen in diesem Jahr Erzählungen über Mut und Entschlossenheit im Trend, wie Christine Kranz von der Jury des "Leipziger Lesekompasses" sagte. Von den insgesamt 9000 Neuerscheinungen für Kinder und Jugendliche schafften es 30 Titel in die diesjährigen Empfehlungen. Sie sind als Orientierung für Lehrer, Eltern und Bibliothekare gedacht.

Insgesamt stellen bei der Buchmesse mehr als 2600 Verlage aus 46 Ländern ihre Neuerscheinungen vor. Bis zum Sonntag werden rund 300 000 Besucher erwartet. Zum Auftakt am Donnerstag bildeten sich bei frühlingshaftem Wetter schon vor Beginn lange Schlangen vor der Messe. Ein Anziehungspunkt für junge Leute ist alljährlich die gleichzeitig laufende Manga-Comic-Con.

Am Mittwoch war der traditionelle Branchentreff mit einem Aufruf zu Meinungsfreiheit, Vielfalt und Toleranz eröffnet worden. Bei dem Festakt im Gewandhaus erhielt die norwegische Schriftstellerin Åsne Seierstad den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. Ihr Buch "Einer von uns" über den norwegischen Massenmörder Anders Breivik geht der Frage nach, wie es zu der grausamen rechtsextremistischen Gewalttat kommen konnte.

Zur Person

Esther Kinsky (61) ist als Übersetzerin und Autorin von Romanen und Lyrik bekannt. 1956 in Engelskirchen im Bergischen Land geboren, wuchs sie im Rheinland auf. Sie studierte Slawistik und Anglistik in Bonn und in Toronto und machte sich zunächst als
literarische Übersetzerin aus dem Polnischen, Englischen und Russischen einen Namen. So übertrug sie Werke von Olga Tokarczuk, Joanna Bator und Iain Sinclair. Neben Kinderbüchern, Essays und Lyrik erschien 2009 ihr erster Roman "Sommerfrische". Es folgten "Banatsko"
(2011), "Am Fluss" (2014) und jetzt "Hain".

Zu ihren zahlreichen Auszeichnungen gehören der Paul-Celan-Preis und der Kranichsteiner Literaturpreis. Derzeit hat Kinsky die August-Wilhelm-von-Schlegel-Gastprofessur für Poetik der Übersetzung an der Freien Universität Berlin. Sie wohnte lange in London, später in Ungarn. Jetzt lebt sie in Berlin und im Friaul. Sie war mit dem schottischen Autor und Übersetzer Martin Chalmers (1948-2014) verheiratet.

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