Diese Woche in Kopenhagen

Prinz Henrik: Von Idiosynkrasien und Singularitäten

Jan Diedrichsen
Jan Diedrichsen Sekretariatsleiter Kopenhagen
Kopenhagen
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Prinz Henrik war ein leidenschaftlicher Weinliebhaber. Foto: Scanpix

Ein neues Phänomen, dass sich in den letzten Jahren immer mehr in der Gesellschaft zeigt, ist die Singularität, das Streben des Einzelnen einzigartig zu sein. Dies wird vor allem auch am Tode von Prinz Henrik deutlich, der von der in vieler Augen peinlichen Persönlichkeit nach seinem Tod zu einem bewunderten Freigeist wurde, sagt Jan Diedrichsen, Leiter des Kopenhagener Sekretariats der deutschen Minderheit in Dänemark.

Der Tod von Prinz Henrik war in der vergangenen Woche die alles dominierende Nachricht. Trauer und Anteilnahme wuchsen zum nationalen Ereignis. Es mischten sich jedoch auch kritische Stimmen in den Chor der Anteilnahme. Prinz Henrik musste erst sterben, so die Vorwürfe, bevor er allgemeine Anerkennung erfahren durfte. Was vor einigen Monaten als peinlich galt, wurde post mortem als ausgeprägte Persönlichkeit gefeiert. Dass unsere Boulevardpresse keinen Anstand kennt, war vorauszusehen; doch es bleibt bemerkenswert, wie sich das „Phänomen“ Prinz Henrik, in der Wahrnehmung vieler, erst im Tode vom peinlichen königlichen Outcast zum bewunderten Freigeist wandelte.

Ich werde nicht über das dänische Jante-lov schreiben, und die Schwierigkeit sich als französischer Prinz in der dänischen Gesellschaft Anerkennung zu verschaffen, mögen andere analysieren. Ich möchte auf ein generelles Phänomen aufmerksam machen, das sich immer deutlicher in allen Bereichen der Gesellschaft zeigt: Der unbändige Drang zum Singulären, zum Einzigartigen. Wir befinden uns in der Spätmoderne, die gänzlich neue Realitäten hervorbringt; ganz anders als noch vor 20 Jahren. Das Besondere ist das Erstrebenswerte. Das Einzigartige wird belohnt, und das Allgemeine gelangt in den Verdacht langweilig und „konform“ zu sein. Und das reicht weit über Selbstdarstellung in den sozialen Medien hinaus – es erfasst alle Bereiche: es wird zum neuen Grundton unserer Gesellschaft.

Wir müssen uns nur die Selbstinszenierungen anschauen, die überall hervorwachsen: Man fährt nicht mehr nur in den Urlaub, man sucht authentische Orte, Erlebnisse und Menschen. Man kleidet sich nicht mehr ein, man kreiert seinen eigenen Stil. Das Singuläre ist das erstrebenswerte Ziel: für Wohnungseinrichtungen, für Kunstproduktion und natürlich für die immer weiter ausufernde Digitalisierung im Allgemeinen.

Alles muss besonders sein; normal ist ein Schimpfwort. Doch bei Prinz Henrik zeigt sich gleichzeitig, wie schmal der Grad der gesellschaftlichen Akzeptanz geworden ist. Prinz Henrik wurde vor seinem Tod von sehr vielen als „Idiosynkrasie“ (Eigentümlichkeit) wahrgenommen und der unverwechselbare Stil des Prinzen wurde erst im Tode zu einer Einzigartigkeit oder in den Worten des Soziologen Andreas Reckwitz zu einer „Singularität“, die von der Mehrheit als bewundernswert wahrgenommen wird.

„Die spätmodernen Gesellschaften feiern das Singuläre.“ Diese neue Entwicklung wird großartig von dem Soziologen Andreas Reckwitz, in dem Buch die „Gesellschaft der Singularitäten“ beschrieben. Das Lesen der Theorien ist ziemlich ernüchternd, denn der Drang zum Einzigartigen hat uns fest im Griff und reicht weit über die bekannte „Individualisierung“ des Einzelnen hinaus. Wer noch zweifeln möge, der schaue sich an, wie die jungen Menschen mit den neuen Medien umgehen, wie das „Besonders-sein“ den Lebensmittelpunkt der eigenen Existenz gründet. Wenn wir ehrlich sind, entdecken wir auch an uns selbst, das Streben nach dem Einzigartigen, dem Besonderen. Es ist jedoch ein anstrengendes Unterfangen, tagtäglich an der eigenen Einzigartigkeit zu feilen, das Besondere herauszustellen und dabei – das ist von zentraler Bedeutung – dennoch gesellschaftlich akzeptiert zu bleiben. Für einige ergibt sich der Wunsch nach Singularität – wie bei Prinz Henrik – erst im Tod.

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Kommentar

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