Leitartikel

Dänemark kann nicht Bahn

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
Apenrade/Aabenraa
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IC4-Züge in Aarhus. Foto: Scanpix

Der Bahnverkehr ist in eine Zwickmühle geraten: Sollen neue Züge jetzt mit dem alten Signalsystem ausgerüstet werden, um dann später aufs neue zu wechseln? Oder wartet man lieber ganz mit den neuen Zügen. Spüren werden es vor allem die Zugreisenden, denn Signalfehler sind die häufigste Ursache für verspätete Züge, meint Chefredakteur Gwyn Nissen.

Es ist kaum vorstellbar, aber Dänemark hat einen neuen Bahnskandal und zwar in einer Größenordnung, der den IC4-Skandal wie den Fehleinkauf einer Modelleisenbahn aussehen lässt. Es mag sein, dass Dänemark Brücken bauen kann und auch ansonsten größere Infrastrukturprojekte im Griff hat – aber nur so lange es sich um Straßen und Brücken handelt. Dänemark kann nicht Bahn.

Die IC4-Züge des italienischen Herstellers kamen nie richtig zum Einsatz. Einige wenige fahren – und nur weil der Rest der IC4-Flotte als Ersatzteillager dient. Daher fahren in Dänemark vor allem noch IC3-Züge die in den Jahren 1989 bis 1998 – in Dänemark – gebaut wurden.

Das IC4-Projekt verzögerte sich um sieben Jahre und die Italiener verschenkten zwischendurch sogar einen der dänischen Züge an das libysche Staatsoberhaupt Gaddafi. Um überhaupt weiter zu kommen, ließ sich die dänische Bahn unbrauchbare Züge liefern, um sie für 800 Millionen Kronen selber umzurüsten – und dennoch gab es technische Schwierigkeiten unter anderem mit den Bremsen, Kupplungen und Achsen.

Die IC4-Züge sind aufgegeben. Stattdessen sollen neue Züge bestellt werden, doch in der Zwischenzeit bereitet sich der Betreiber des Streckennetzes, Banedanmark, auf die Einführung des neuen ERTMS-Signalsystems vor. Und jetzt halten sie mal die Ohren steif: Das Projekt verzögert sich – beim jetzigen Stand der Dinge – um neun Jahre auf 2030 und kostet nun über 22 Milliarden Kronen. Oder genau so viel wie seinerzeit die Brücke über den Großen Belt. Allein die Überschreitung des Budgets – 7,2 Milliarden Kronen – kostet mehr als das festgefahrene IC4-Projekt.

Das ERTMS-System soll die alten Lichtsignale ersetzen. Statt dass der Lokomotivführer den Zug bei Rot anhält, soll der Zug in Zukunft vom Computern gestoppt werden. Das dauert aber noch eine Weile, denn der Bahnverkehr ist in eine Zwickmühle geraten: Sollen neue Züge jetzt mit dem alten System ausgerüstet werden, um dann später aufs Neue zu wechseln? Oder wartet man lieber ganz mit den neuen Zügen.

Die Verantwortlichen bei Banedanmark sind schon lange auf dem Abstellgleis. Die neue Leitung ist von der Wirklichkeit überholt worden und die Politiker haben von der Komplexität her gefühlt ein Raumschiff gekauft – und nicht Bahngleise mit Zügen drauf.
Konsequenzen wird es daher nicht geben, denn die Schuld kann nirgends platziert werden. Aber zahlen werden die Steuerzahler – umgerechnet 1.500 Kronen pro Bürger in Dänemark. Nur für die Haushaltsüberschreitung.

Spüren werden es vor allem die Zugreisenden, denn Signalfehler sind die häufigste Ursache für verspätete Züge. Und davon wird es weiterhin eine Menge geben, wenn uns die Signale – zum Teil aus den 1930er Jahren – in die Zukunft lotsen.

Dänemark kann nicht Bahn.

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