Leitartikel

Eine Frage der Technik

Sara Wasmund
Sara Wasmund Hauptredaktion
Apenrade/Aabenraa
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Foto: Christian Lindgren/Ritzau Scanpix

Rund 1,8 Millionen TDC-Kunden erlebten zu Beginn der Woche etwas in unserer Zeit Ungewöhnliches: Sie konnten nicht mehr telefonieren. Solch große Störungen wie nun bei TDC haben auch einen Vorteil: Sie schärfen das öffentliche Bewusstsein für die Verwundbarkeit der Infrastruktur in unserer Kommunikationsgesellschaft, meint Sara Wasmund.

Und weg war das Netz. Rund 1,8 Millionen TDC-Kunden erlebten zu Beginn der Woche etwas in unserer Zeit Ungewöhnliches: Sie konnten nicht mehr telefonieren. Termine konnten nicht vereinbart oder abgesagt werden, an Arbeitsplätzen schwiegen die Telefone stille, und einen Tag lang waren die Mobiltelefonisten auf sich allein gestellt – oder auf Bekannte, die ein anderes Netz nutzten und deren Handy man mal eben leihen durfte. Zwar waren SMS und Online-Zugänge weiterhin möglich, aber ein Gespräch über SMS kann mühsam sein. Kurzum: Innerhalb eines Tages dämmerte den TDC-Kunden und allen um sie herum, wie abhängig unser Alltag von Technik, Netzen und digitalen Lösungen ist. Wie verlässlich sind unsere Systeme?

Je perfekter die Welt automatisiert und systematisiert ist, desto größer sind die Gefahren, wenn die Technik ausfällt. Nun war es „nur“ das Telefonnetz von TDC. Doch was, wenn es zu flächendeckenden Netzausfällen kommt, weil Router, Überseekabel oder Satellitensysteme hops gegangen sind? Keine E-Mails, keine Messenger-Nachrichten, kein Instagram und keine Telefonate, keine Zeitungsseiten, die per Mausklick an die Druckerei gesendet werden, keine Überweisungen, die getätigt werden können, keine Kartenzahlung an der Supermarkt- oder Tankstellenkasse.

Und eine Stufe elementarer: keine Wasserversorgung, keine Fernwärme, die, über Satellit gesteuert, beispielsweise die hauseigene Zentralheizung regelt. Dann wird es im Winter im Eigenheim schon mal ungemütlich bis gefährlich. Denn nicht jeder hat einen Ofen und einen Stapel Holz parat, um einzuheizen. Mit Blick auf die vergangenen Frostwochen stehen Menschen dann vor ganz elementaren und ernsten Problemen. Was machen wir in solchen Fällen? Rüber zum Nachbarn mit Kamin und dort im Wohnzimmer übernachten? Man fragt sich unwillkürlich: Wie sehen die Pläne der Regierung, der Regionen, der Kommunen und der Mobilfunk- und IT-Systembetreiber aus? Gibt es welche? Wenn ja, wie wird die Umsetzung kommuniziert, wenn es im Notfall keine Netze mehr gibt? Schickt die Kommune dann Boten übers Land?

Solch große Störungen wie nun bei TDC haben auch einen Vorteil: Sie schärfen das öffentliche Bewusstsein für die Verwundbarkeit der Infrastruktur in unserer Kommunikationsgesellschaft. Die Sache ist die: Wir leben gut und bequem in der Illusion, alles unter Kontrolle zu haben, dass alles ohne große Anstrengungen läuft. Das Wasser kommt aus dem Hahn und die Wärme aus der Heizung, sobald ich sie aufdrehe. Am Lautsprecher des Handys ist der Bruder in Kanada, sobald ich einen Knopf drücke. Aber weiß ich, wie all das funktioniert? Habe ich die Kontrolle darüber? Wohl kaum und in meinem Fall: Ganz sicher nicht. Es ist eine Illusion, die aber im Großen und Ganzen gut funktioniert. Auf die ich mich verlasse. Keine Ahnung, wie meine Heizung, mein Handy konstruiert ist – aber es funktioniert. Meistens. Wenn nicht, lande ich in meiner Realität.

Wir können kaum mehr ohne die neuen Hilfsmittel leben. Doch können wir gut mal darüber nachdenken, was wir täten, wenn wir es müssten.

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