Leitartikel

Unsere schwere Geschichte

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
Apenrade/Aabenraa
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Entfernter Name in der Gedenkstätte. Foto: JT

Der Zweite Weltkrieg ist nun mal geschehen, er ist nicht einfach „passiert“, sondern wurde von Menschen herbei- und durchgeführt. Und Männer aus der deutschen Minderheit in Nordschleswig haben sich daran beteiligt. Einige waren Opfer – andere Täter. Diesen Teil unserer Geschichte können wir nicht einfach vergessen, meint Chefredakteur Gwyn Nissen.

Es gibt sie immer wieder, die Diskussionen über unsere Geschichte. Über die Rolle der deutschen Minderheit vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Über Täter und Opfer und darüber, was wir mit – und aus – unserer Geschichte machen. Oft sind Diskussionsrunden bei den Neujahrstagungen in Sankelmark der Auslöser gewesen – so auch bei der erneuten Debatte über den Namen eines möglichen Kriegsverbrechers auf den Tafeln in der Gedenkstätte auf dem Knivsberg.

Die deutsche Minderheit hat in den vergangenen Jahren mehrere Namen von verurteilten Kriegsverbrechern von den Tafeln entfernen lassen. Der aktuelle Fall stellt erneut die Frage: Soll auch der Name eines Holebüllers, der als SS-Soldat in der Küche des Konzentrationslagers Dachau tätig gewesen ist, von den Tafeln entfernt werden?

Neu ist der Fall nicht, er wurde vor einigen Jahren bekannt. Historiker Jørn Arpe Munksgaard aus Rothenkrug schrieb dazu bereits 2016 eine Chronik in Jyllands-Posten – und nutzte nun bei der Diskussionsrunde mit Henrik Skov Kristensen in Sankelmark sowie am Dienstag im Nordschleswiger die Möglichkeit, seinen Standpunkt noch einmal publik zu machen.

Munksgaard plädiert dafür, die Namenstafeln aufzugeben und durch neutrale Tafeln ohne Namen zu ersetzen. Sein Argument: es werden in den kommenden Jahren weitere Namen von „Kriminellen“ auftauchen, die entfernt werden müssten. Ein Vorgehen, das dann jedes Mal mit einem Ansehensverlust für die Minderheit verbunden wäre und, das sei von hier aus hinzugefügt, mit aufreibenden Diskussionen in der Minderheit.

Dazu passt der Kommentar von NDR-Redakteurin Anja Reschke von vor zwei Jahren: „Es gibt keinen Schlussstrich in der Geschichte – in keiner. Klar, lieber erinnern wir uns an Karl den Großen, Bismarck oder die Wiedervereinigung – aber Auschwitz ist nun mal passiert. Wieso sollen wir ausgerechnet das Kapitel der Judenverfolgung hinter uns lassen? Dieser Teil unserer Geschichte ist in seiner Abartigkeit so einzigartig, dass er gar nicht vergessen werden kann.“

Das Gleiche kann man teilweise über die Geschichte der deutschen Minderheit sagen: Auch wir erinnern uns lieber an die Bonn-Kopenhagener-Erklärungen, an royale Besuche und Hans Heinrich Hansens Rede in Düppel.

Aber der Zweite Weltkrieg ist nun mal geschehen, er ist nicht einfach „passiert“, sondern wurde von Menschen herbei- und durchgeführt. Und Männer aus der deutschen Minderheit in Nordschleswig haben sich daran beteiligt. Einige waren Opfer – andere Täter. Diesen Teil unserer Geschichte können wir nicht einfach vergessen.

Und wir können keinen Schlussstrich ziehen, indem wir „einfach“ alle Namen in der Gedenkstätte entfernen. Damit wäre es nicht getan – und so einfach ist es nun mal nicht. Und genau hier greift der Name „Gedenkstätte“: Wir gedenken nicht nur den Gefallenen, sondern eben – in gewissen Fällen – auch der eigenen Verantwortung, der nicht immer eigenen Vergangenheit.

Dabei werden wir jedes Mal daran erinnert, dass die Zeit von damals sich nie wiederholen darf, und dass wir heute dazu verpflichtet sind, den Anfängen zu wehren. Dazu gehört auch, dass – beim jetzigen Stand der Dinge – die Namen verurteilter Kriegsverbrecher entfernt werden. Ob diese Kriterien, wie von Munksgaard gewünscht, durch moralisch-ethische Kriterien ersetzt werden sollen, ist allemal eine sachliche (!) Diskussion wert.

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