Letzte Ruhe

Halbleere Friedhöfe allenthalben

Cornelius von Tiedemann
Cornelius von Tiedemann Stellv. Chefredakteur
Apenrade/Aabenraa
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Foto: Karin Riggelsen

Im ganzen Land lichten sich auf den Kirchhöfen die Reihen. Verliert der Friedhof seine Funktion als Gedenkstätte?

„Halbleere Friedhöfe stehen vor der Schließung“, titelte der Regionalsender DR Midt og Vest kürzlich. Zahlen des Verbandes der dänischen Friedhofsleiter belegen zumindest den ersten Teil der Schlagzeile: Die Hälfte der Friedhofsflächen in Dänemark ist demnach ungenutzt.

„In Gemeinden, wo die Bevölkerungszahl sinkt, laufen mehr und mehr Grabstätten aus, und das bedeutet, dass mehr und mehr Löcher zwischen den Grabstätten kommen“, zitiert DR Asger Grove Korsholm, Propst der Nordre og Sønder Propstei in Herning. Er könne sich durchaus vorstellen, dass in einigen der kleineren Landgemeinden bald Friedhöfe schließen, sagt auch Viborgs Bischof Henrik Stubkjær.
Gerd Lorenzen, Geschäftsführer der deutschen Nordschleswigschen Gemeinde, sieht eine der Ursachen für die verwaisenden Friedhöfe in dem Trend, dass kaum noch Menschen sich traditionell im Sarg begraben lassen. „Die Leute leben einfach länger, das ist ein Faktor. Wichtiger aber ist: Es gibt sehr viel mehr Kremierungen“, sagt er. Zahlen des Landesverbandes der Krematorien belegen das: 2016 wurden 82,9 Prozent der Verstorbenen in Dänemark kremiert.

„Urnengräber sind viel kleiner, und die Liegezeit ist kürzer“, sagt Lorenzen. Die Gräber verschwinden also oftmals schnell wieder vom Friedhof, wenn nicht verlängert wird. Während Grabstätten bei Erdbestattungen zunächst für 25 oder 30 Jahre bindend sind, sind Urnengräber dies nur für 15 oder 10 Jahre. Dabei spielen dann nicht nur die Kosten für das Grablegat eine Rolle – sondern gerade auch die Pflegekosten. „Je größer das Grab, desto länger und teurer“, sagt Lorenzen.

Unterschiedliche Preise

Für Mitglieder der Nordschleswigschen Gemeinde wäre eine Bestattung in ihrer nordschleswigschen Heimat übrigens teuerer als für Mitglieder der dänischen Volkskirche – wenn die Gemeinde nicht einspringen würde. Denn Volkskirchen-Mitglieder sparen mit ihrer Kirchensteuer ein Leben lang auf ihr Recht auf eine Grabstätte hin. Für die deutschen Nordschleswiger also, die nicht in einer der Volkskirche angehörenden Stadtgemeinden organisiert sind, sondern in der Nordschleswigschen Gemeinde, bezahlt diese den Erwerb.

„Das war immer schon so. Aber 2012 stiegen die Friedhofskosten immens nach einer Richtlinienänderung der Volkskirche. Friedhöfe müssen seitdem selbstfinanzierend sein, also durch Grablegate und Grabpflege“, sagt Lorenzen. Er muss im Schnitt 150.000 Kronen im Haushalt für die Bestattungskosten reservieren – Tendenz steigend. Die Kosten für die Grabpflege müssen die Hinterbliebenen übernehmen, so wie es auch bei der Volkskirche der Fall ist. Und dazu sind augenscheinlich immer weniger bereit.

„Ein weiterer wichtiger Faktor: Dadurch, dass die Familien mehr und mehr verstreut werden, werden kaum noch Grabstätten verlängert. Vor zwei Generationen war das noch ganz üblich, und sei es für zehn Jahre“, sagt Lorenzen, der das Phänomen auch aus persönlichem Erleben kennt. „Ich sehe das auf dem Buhrkaller Friedhof, wo meine Familie zum Großteil begraben liegt. Das ist sehr auffällig, wie viele Gräber da wegfallen“.

Bischöfe suchen Lösungen

Der Bischof von Viborg hat schon eine Idee, wie die leeren Flächen genutzt werden könnten. „Wir sind an einem Punkt in unserer Gesellschaft, wo die Dinge unfassbar schnell gehen, und wo wir ständig von Kommunikation überströmt werden. Wir könnten Orte entwickeln, an denen man Ruhe finden kann“, schlägt er in DR vor. Friedhöfe also als eine Art Ruhezone-Parks?

Auch dem Riber Bischof Elof Westergaard gefällt das. Doch er hat kürzlich in Jyllands-Posten als Sprecher der dänischen Bischöfe in Friedhofs-Fragen eine andere Herangehensweise vorgeschlagen – und damit eine teils hitzig geführte Debatte ausgelöst. Westergaard und die Bischöfe wollen verhindern, dass es überhaupt erst zu leeren Friedhöfen kommt – und Gläubige anderer Religionen dazu einladen, sich auf kirchlichen Friedhöfen beisetzen zu lassen. Dies sei heute schon möglich – aber noch kaum bekannt, sagt Westergaard im Nordschleswiger-Interview.

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