Geschichte

Freundeskreis kämpft für Wollspinnerei

Volker Heesch
Volker Heesch Hauptredaktion
Scherrebek/Skærbæk
Zuletzt aktualisiert um:
Inger Lauridsen bei der Präsentation einer der Maschinen. Foto: Volker Heesch

Besucher erhalten jeweils beim Tag der offenen Tür Einblick in Funktion des Industriedenkmals mit über 100 Jahre alten Maschinen.

Schon beim Betreten des Gebäudes in Nachbarschaft zur Kirche in Scherrebek hört man ein Rumpeln und Krachen in der ersten Etage des Gebäudes der 1889 errichteten Wollspinnerei. Erklimmt man die enge hölzerne Treppe und öffnet man die Tür in die Betriebsräume im ersten Stockwerk des in typischer Bauweise der Jahre vor 1900 errichteten Hauses, schlägt einem die Atmosphäre der Industrie vergangener Tage entgegen. Gusseiserne Maschinenungetüme werden über Treibriemen und Zahnräder in Bewegung gehalten. Auf Spindeln wickeln sich, wie von Geisterhand bewegt, Wollfäden, während am anderen Ende zugleich unbehandelte Schafswolle bündelweise von den Apparaturen „gefressen“ wird.

Inmitten der Apparaturen erklärt Inger Lauridsen, Tondern, die Funktion der Technik, auf der in deutlichen Buchstaben die Namen Sächsische Maschinenfabrik Chemnitz oder C. E. Schwalbe, Werdau in Sachsen, einen Hinweis liefern, dass die Maschinen schon vor sehr langer Zeit nach Nordschleswig gelangt sind.

Betriebsfähige Wollspinnerei

Inger Lauridsen, die für den Freundeskreis Skærbæk Uldspinderi im Einsatz ist, der seit 2000 um den Erhalt der Wollspinnerei kämpft, der einzigen, die landesweit erhalten und sogar noch betriebsfähig ist, berichtet, dass die schweren Maschinen vermutlich bereits zur Gründung des Unternehmens durch den Färber Broder Petersen im Jahre 1889 in dem Gebäude installiert wurden. „Wir haben leider keine schriftlichen Unterlagen“, erklärt die frühere Leiterin des Museums in Tondern, die mit Begeisterung über die Erforschung der Unternehmensgeschichte berichtet, die zu Zeiten begann, als Nordschleswig Teil des Deutschen Reiches war – und in Scherrebek unter Federführung des örtlichen Pastors Johannes Jacobsen reihenweise Unternehmen gegründet wurden. Die weltberühmte Webschule und das Seebad Lakolk auf Röm wurden aus der Taufe gehoben.

Inger Lauridsen erzählt, dass der Gründer der Wollspinnerei der in Scherrebek traditionell stark positionierten dänischen Gemeinschaft angehörte, während Jacobsen ein Repräsentant des extrem nationalistischen Zweigs innerhalb der Gruppe der deutschen Nordschleswiger gewesen ist. „Nachforschungen haben gezeigt, dass die Wollspinnerei nicht einen Faden an die Webschule verkauft hat“, so Lauridsen. Man war offenbar so weit voneinander entfernt, dass man selbst auf örtlicher Ebene keine Geschäfte untereinander machte.

Inger Lauridsen berichtete, dass die Spinnerei zwischen 1898 und 1904 in den Besitz des deutschen Spinnmeisters Heinrich Christian-sen übergegangen war. Dessen Unternehmen war aber im Sog der spektakulären Pleite der von Pastor Jacobsen gegründeten Scherrebeker Kreditbank gescheitert. Dieser hatte eigentlich Großes vorgehabt. Die Dampfmaschine der Spinnerei sollte den Generator des neuen Gleichstrom-Elektrizitätswerkes in Scherrebek mit antreiben. Doch wie Pastor Jacobsen musste Christiansen Scherrebek verlassen. Die Wollspinnerei ging wieder in den Besitz des Sohnes des Spinnerei-Gründers, Markus Christian Petersen, über, der selbst kein Interesse an der Betriebsführung hatte. So übernahm 1904 der Sohn seines Bruders, Broder Petersen, den Betrieb, der in seinen besten Jahren rund 20 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigte. „Zum Betrieb gehörten auch Pferdewagen und Stall. Die Rohstoffe lieferten eigene Tierbestände“, berichtet Inger Lauridsen, während sie eine Maschine vorführt, mit der unter Geratter und Gerassel aus sauberer Wolle Filzdecken hergestellt wurden.

Der Freundeskreis ist seit 2000 für die Spinnerei in gemieteten Räumlichkeiten tätig. Foto: Volker Heesch

Pieschdichte Babyhosen

Auch gefilzte Fäden konnten fabriziert werden. „Daraus wurden Hosen gestrickt, die die kleinen Kinder über die Windeln trugen. Sie waren fast pieschdicht“, erzählt Lauridsen. „Laut Mietvertrag dürfen die Maschinen nur wenige Stunden im Jahr laufen“, erklärt sie und kommt auf die Sorgen zu sprechen, ob die Spinnerei erhalten werden kann, für die momentan die Kommune Tondern die Mietzahlungen deckt. „Wie brauchten für die Pflege und Wartung der Maschine eine Art Daniel Düsentrieb“, merkt sie an, denn die Spezialisten, die bis in die 1970er Jahre die Geräte bedient haben, leben alle nicht mehr.

„Zu Beginn unserer Museumsarbeit um 2000 lernten wir eine alte Dame kennen, die hier in der Spinnerei 1921-1923 als Mädchen beschäftigt war, sie hat uns damals viel von der schwierigen Arbeit berichtet“, so Lauridsen und weist auf eine Inschrift, mit der sich die junge Mitarbeiterin wie
andere Beschäftigte auf den Holzwänden verewigt hat.

Der junge Broder Petersen führte den Betrieb bis 1944. In dem Jahr wurde dessen Tochter Anne mit Peter Rasmus Christensen verheiratet, der vom Schwiegervater in die Welt des maschinellen Wollspinnens eingeführt wurde.

Robustes Garn und Wolldecken

Bekannt als Peter Fabrik, stellte Christensen noch Jahrzehnte robustes Garn und auch Wolldecken her, die in Häusern Nordschleswigs z. B. als Auflagen über Matratzen oder schlichtes, aber wärmendes Textil bis in die Gegenwart erhalten geblieben sind – wenn sie nicht in Zeiten billiger Wegwerfware achtlos weggeschmissen worden sind.

Die Dampfmaschine als Antrieb ist in den 1950er Jahren durch einen elektrischen Motor abgelöst worden. Die Tochter des letzten Eigentümers, Anne Marie Sørensen, verkaufte die Wollspinnerei 1985 an Henrik Mowinkel, der bis 2000 Wolle hobbymäßig verarbeitete.

Im selben Jahr begann das Abenteuer Museum Wollspinnerei Scherrebek – mit der weiter lebenden Hoffnung, ein Stück nordschleswigscher Industriegeschichte der Nachwelt zu bewahren.

Mehr lesen