Buchvorstellung

Vier „gemeinsame“ Kriegsschicksale aus der deutschen und dänischen Minderheit

Siegfried Matlok
Siegfried Matlok Senior-Korrespondent
Aarhus
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Jørn Tranekjær Andresen stammt aus Südschleswig und lebt seit 1960 in Dänemark, heute als Schriftsteller in Beder bei Aarhus. Sechs Jahre lang hat er für sein Buch recherchiert. Foto: DN

Ein neues Buch mit einem Vergleich, ohne vergleichen zu können und doch wertvoll für die Geschichte im deutsch-dänischen Grenzland vor und nach 1945.

Am 9. April – kein Zufall?! – erscheint ein aus Grenzlandsicht bemerkenswertes Buch von Jørn Tranekjær Andresen im Verlag Turbine. Obwohl nicht selbst Historiker, sondern cand. mag. in Dänisch und Musik hat Tranekjær Andresen vier Soldatenschicksale aus dem deutsch-dänischen Grenzland 1938-1948 zusammengefasst, lässt sie sozusagen an gemeinsamer Front kämpfen. Es sind zwei Männer aus der deutschen bzw. dänischen Minderheit, die er differenziert unter die Lupe nimmt. Es ist nämlich kein Vergleich, denn dazu sind die Motive doch zu unterschiedlich, aber alle vier waren im Zweiten Weltkrieg und kehrten nach 1945 auch zurück; dann allerdings mit unterschiedlichen Folgen.

Das für manche so gängige, eindeutige Bild – hier Täter, hier Opfer – verwischt sich bei der Schilderung der vier Schicksale. Der dänische Titel lautet „Blod og jord“, was eine Übersetzung von „Blut und Boden“ sein soll. Klingt harmlos, ja, verharmlosend, was gewiss nicht die Intention des Autors ist. Vielleicht wäre „Blut und Boden“ auf Deutsch sogar besser gewesen, denn in diesen beiden Wörtern steckt ja die verheerende Ideologie des Nationalsozialismus: als eine agrarpolitische Ideologie für ein „Volk ohne Raum“, verknüpft mit rassistischen, antisemitischen Ideen. Für Andresen geht es bei diesem Begriff um Familie (Blut) und Boden (Heimat), wobei letzterer Punkt natürlich im Ringen der beiden Minderheiten um ihr eigenes (historisches) Territorium lange Zeit eine entscheidende Rolle gespielt hat, wenn man an die hart umkämpften Fragen nach einer Grenzziehung auf beiden Seiten sowohl vor und als auch nach 1945 denkt.

Unterschiedliche Ausgangspositionen

Die Ausgangspositionen waren höchst unterschiedlich, und dieser historische Kontext kommt im Buch doch etwas zu kurz: Die deutsche Minderheit forderte nach der aus ihrer Sicht ungerechten Volksabstimmung 1920 „eine neue Entscheidung“, die dänische Minderheit hatte 1920 ihre Hoffnung auf eine „Wiedervereinigung“ zunächst zu den Akten legen müssen. Während die deutsche Minderheit ab Mitte der 30er Jahre – für die Freiwilligenwerbung macht Tranekjær Andresen übrigens vor allem auch den früheren Chefredakteur der Nordschleswigschen Zeitung, Dr. Harboe Kardel, verantwortlich – sich fast ganz dem Nationalsozialismus anschloss, um eigene Ziele zu erreichen, musste sich die dänische Minderheit „neu positionieren“ im Hitler-Staat.

Dass Hitlers NSDAP bei den Wahlen 1932 auch in Hochburgen der dänischen Minderheit weit mehr Zustimmung fand als im gesamtdeutschen Durchschnitt, sollte nicht vergessen werden, aber für die Minderheit ging es nun darum, einerseits – wie für die Dänen in Nordschleswig in der Zeit vor 1920 – eine gewissse „Loyalität“ zu bekunden, zum Beispiel durch die Teilnahme am deutschen Krieg. Andererseits konnte man sich als Minderheit dadurch auch gewisse Spielräume bei den Nazis sichern, die es sonst nicht gegeben hätte, z. B. auch nicht für die Zeitung Flensborg Avis.

Wenn also in der Verlagsmitteilung zum Buch die Überschrift lautet „Sie waren gemeinsam im Kampf, freiwillige Soldaten und Soldaten wider Willen“, dann ist dies eine Wahrheit, die so nicht unreflektiert stehen bleiben kann. „Sie kämpften in der Hitler-Armee, die jungen Männer in der deutschen Minderheit meldeten sich freiwillig für den Kampf für das Vaterland, die Soldaten der dänischen Minderheit wurden gezwungen, für Hitler zu kämpfen.“ Da macht es sich der Autor doch etwas zu leicht. Natürlich war die Begeisterung unter den jungen Männern in Nordschleswig ganz gewiss eine andere als in Südschleswig, aber alle sind auch in Nordschleswig nicht nur aus Begeisterung für das Vaterland in den Krieg gezogen, während umgekehrt auch Mitglieder der dänischen Minderheit als Soldaten ja nicht von vornherein nur als Anti-Nazis in den Krieg gegangen sind. Hinterher waren viele klüger, und selbst habe ich erlebt, dass der Onkel, der nach 1945 deutsch verblieben war, weiterhin als nazistisch verdächtigt wurde, während der Onkel, der nach 1945 nun zur dänischen Minderheit gehörte, Demokrat war. Ungeachtet ihrer jeweiligen soldatischen Vergangenheit. Solche Soldatenschicksale hat es in Grenzland-Familien oft genug gegeben.

In Tondern zur Welt gekommen

Der Autor, 1951 im Krankenhaus Tondern zur Welt gekommen, ist südlich der Grenze aufgewachsen mit seinem Vater, der selbst deutscher Soldat gewesen ist. Erst 1976, als sein Vater mit seinen drei Brüdern im dänischen Fernsehen über ihre Soldatenzeit berichtete, ist ihm die Vergangenheit des Vaters bewusst geworden. Über seine eigenen Erlebnisse u. a. in Polen hatte er nichts erzählt, das Thema wurde wie in den meisten Familien bewusst ausgeklammert.

Jørn Tranekjær Andresen hat als Buch-Autor einen großen Vorteil: Er hat vier Biografien zu entschlüsseln versucht, und dabei ist der Beitrag über seinen Onkel, den aus Achtrup bei Leck stammenden Hans Detlef Andresen, besonders wertvoll. Während er sich in den anderen drei Fällen „nur“ auf Briefe, Akteneinsicht und Aussagen der Söhne stützen musste, konnte er mit seinem Onkel, der vor zwei Jahren 99-jährig verstarb, selbst sprechen, also direkt nachfragen. Hans Detlef Andresen ist deshalb interessant, weil er und seine Familie sich schon seit 1920 für Dänemark entschieden hatten und – wie sein Sohn Jens Andresen erst kürzlich berichtete – auch noch bis in die 60 Jahre auf eine Wiedervereinigung Südschleswigs hoffte.

Hier gewährt das Buch einen tiefen Einblick in die Gefühlswelt eines „echten Dänen“ und seinen Zwiespalt als Soldat für Hitler und dennoch stets mit Heimatliebe an Dänemark denkend. Neben Hans Detlef Andresen behandelt das Buch auch drei weitere Schicksale: von Hermann Tychsen aus der dänischen Minderheit, der als Rektor nach 1945 eine führende Rolle in der dänischen Minderheit spielte, ab 1957 Vorsitzender von Sydslesvigsk Forening (SSF) und SSW-Vize war und der bis zu seinem frühen Tode 1964 auf eine Wiedervereinigung Südschleswigs mit Dänemark setzte.

Personen aus der deutschen Minderheit

Die beiden Personen aus der deutschen Minderheit sind Fritz Scheel Petersen und Hans-Egon Nicolai Petersen, wahrlich mit ganz unterschiedlichen (sozialen) Lebensläufen. Fritz Scheel (1924-1988) war in Wilstrup geboren, hatte sich als Landarbeiter freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet als Soldat in der SS-Totenkopf-Infanterie Ersatz-Bataillon 1. Fritz Scheel wurde wegen seines Kriegsdienstes für Deutschland zu einem Jahr und vier Monaten Gefängnis verurteilt. In seinen 1995 herausgegebenen Erinnerungen mit dem Titel „Karup-Berlin over Østfronten“ äußert er sich verwundert darüber, dass bei seinem Urteil gar nicht seine Zugehörigkeit zur deutschen Minderheit strafmildernd berücksichtigt worden war.

Das zweite Kriegsschicksal aus der deutschen Minderheit widmet sich dem Leben von Hans-Egon Nicolai Petersen. Er war 1921 in Tingleff geboren und wurde 1947 im Pfarrbezirk Lügumkloster der erste Pastor der Nordschleswigschen Gemeinde, später auch Propst in Südtondern. Er hatte Theologie in Kopenhagen, Tübingen und Halle studiert und meldete sich 1944 zur Luftwaffe (3. Fallschirmjäger-Division). Petersen wurde zu einem Jahr Gefängnis verurteilt wegen seiner Kriegsteilnahme, jedoch wurde ihm strafmildernd seine Zugehörigkeit zur deutschen Minderheit angerechnet.

Nicht zuletzt durch die Aussagen seines Sohnes, Nis-Edwin, vermittelt das Buch auch den inneren Kampf Petersens, der nicht in Faarhus, sondern im Kragskovhedelejren in Nordjütland seine Strafe verbüßte. Damals schrieb er denkwürdig folgende Sätze: „Hass ist mir fremd. Auch wenn man uns ohne Rechtsschutz zu Bürgern zweiter Klasse gemacht hat, aber es ändert nichts an meiner Überzeugung, dass sich über kurz oder lang vieles ändern wird. Die Unvernunft und der Chauvinismus sind nicht das letzte Wort. Es werden sicherlich viele Jahre vergehen – zahlreiche schwere Jahre - , aber die Wende kommt. Das ist meine Überzeugung“, so Petersen, der 1982 verstarb.

Auch Fiktion

Jens Tranekjær Andresen, der früher als Textverfasser gearbeitet hat, macht selbst in seinem Buch darauf aufmerksam, dass er sich an manchen Stellen ausnahmsweise auch der Fiktion bedient hat. Und vergleicht sich mit Hans Fallada in seinem Roman „Jeder stirbt für sich allein“, in dem es um den hohen Preis der persönlichen Integrität geht, um den stillen Widerstand gegen den Nationalsozialismus in der Hoffnung auf mehr Menschlichkeit.

Ob das Buch Fallada in den vier Kriegsschicksalen gerecht wird, muss der Leser selbst beurteilen. Die eigene, ganz persönliche Mitverantwortung lässt sich schwer nacherzählen, und den vier Personen hätte man gern die eine oder andere nicht unwichtige Frage stellen wollen, auch wegen der historischen Fakten.

Jørn Tranekjær Andresen hat uns aber mit seinem Buch – ohne moralisch erhobenen Zeigefinger – die Vergangenheit im Grenzland ein ganzes Stück nähergebracht und das Dunkle verdienstvoll etwas erhellt. Zwischen den Menschen in beiden Minderheiten in einer Zeit, die nicht in Vergessenheit geraten darf – und 2018 nicht nur im deutsch-dänischen Grenzland!

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