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Erste Hilfe: Was tun, wenn...

Erste Hilfe: Was tun, wenn...

Erste Hilfe: Was tun, wenn...

Paulina von Ahn
Paulina von Ahn
Nordschleswig
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Viele Menschen trauen sich nicht, im Notfall zu helfen. Dabei sind die einfachsten Erste-Hilfe-Maßnahmen häufig lebensrettend. Foto: Hjerteforeningen

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Unsicherheit und Angst, das Falsche zu tun, hemmen viele Menschen davor, in Notfällen einzugreifen. Morten Patrzalek, Mitarbeiter des Dänischen Roten Kreuzes, klärt im Gespräch mit dem „Nordschleswiger“ darüber auf, wie wichtig Erste Hilfe ist und wie sie funktioniert.

Viele Bürgerinnen und Bürger sind unsicher, wenn es darum geht, Erste-Hilfe-Maßnahmen praktisch anzuwenden. Besonders ältere Menschen trauen sich häufig nicht, lebensrettende Maßnahmen zu ergreifen. 

Wie die Dänische Herzstiftung (Hjerteforeningen) berichtet, ereignen sich Herzstillstände am häufigsten in Privathaushalten. Das bedeutet, dass meist die gleichaltrige Partnerin oder der gleichaltrige Partner lebensrettende Maßnahmen ergreifen muss. Da besonders Menschen über 60 Jahre anfällig für einen Herzstillstand sind, ist es wichtig, dass ältere Menschen sich im Ernstfall zu helfen wissen.

„Der Nordschleswiger“ hat sich mit einem Mitarbeiter des Dänischen Roten Kreuzes (Røde Kors) unterhalten, um über situationsspezifische Erste Hilfe aufklären zu können. Neben Herzstillständen gibt er auch Tipps zum Umgang mit Blutungen und Umknicken.

Untätigkeit ist am gefährlichsten

Alle Menschen in Dänemark, die ab Oktober 2006 ihren Führerschein gemacht haben, haben zu diesem Zweck einen Erste-Hilfe-Kurs absolviert. Doch für viele liegt dieser schon Jahre zurück, und die Informationen sind in Vergessenheit geraten oder haben sich über die Jahre geändert. 

Morten Patrzalek ist Ausbilder beim Dänischen Roten Kreuz und leitet regelmäßig Kurse, um über Erste-Hilfe-Maßnahmen zu informieren. Er weiß: „Viele Menschen trauen sich nicht, Erste Hilfe zu leisten. Entweder sie sind sich nicht mehr sicher, wie es geht oder sie haben Angst, die Situation zu verschlimmern. Gerade ältere Menschen scheuen sich davor. Wiederbelebungsmaßnahmen erfordern vollen Körpereinsatz, und sie haben Angst, dass sie nicht dazu in der Lage sind.“

Doch trotz vieler Ängste und Unsicherheiten der Menschen bekräftigt Morten, dass Nichtstun immer das Falsche ist.

Etwas tun ist immer besser als Nichts tun!

Morten Patrzalek

Dabei bedeutet „Etwas“ nicht, dass man sämtliche Wiederbelebungstechniken ausführen können muss. Das Wichtigste ist laut Morten, dass man lernt, Notfallsituationen zu erkennen und zu handeln. Das Wichtigste ist dabei, den Notruf zu wählen, wenn es notwendig ist. Doch wann ist das?

Einen Notfall erkennen und handeln

Der Erste-Hilfe-Trainer sagt, dass sämtliche Anzeichen, die darauf hinweisen, dass eine Person nicht vollständig ansprechbar ist, lebensgefährlich sein können. Er beschreibt, wie man in einer Ausnahmesituation vorgehen sollte:

Das Erste, was man tut, wenn man eine Person vorfindet, der es nicht gutzugehen scheint, ist, sie anzusprechen. So stellt man am besten fest, wie ernst die Situation ist. Ist die Person nicht ansprechbar, reagiert verzögert oder wirkt abwesend, ist von einem Notfall auszugehen. Als Nächstes sollte der Nacken der Person überstreckt werden. Dazu hebt man vorsichtig den Kopf an und führt das Kinn nach oben. Diese Maßnahme stellt sicher, dass die Atemwege der Person frei sind, um einer Erstickungsgefahr entgegenzuwirken. Ist das erledigt, überprüft man die Atmung der Person. Dazu legt man sein eigenes Ohr über den Mund der betroffenen Person, sodass das eigene Kinn das Gesicht berührt und hält gleichzeitig den Blick auf den Brustkorb gerichtet. Wenn man zehn Sekunden lang in dieser Position verharrt, kann man sowohl fühlen als auch hören und sehen, ob eine Atmung vorhanden ist.

Zu diesem Zeitpunkt hat man bereits mehrere Maßnahmen ergriffen und Informationen gesammelt, die lebensentscheidend sein können. Spätestens jetzt wählt man die Notrufnummer – in Dänemark die 112 – und schildert der Notrufmitarbeiterin oder dem Notrufmitarbeiter die Situation. Diese oder dieser kann entscheiden, ob die Situation einen Rettungseinsatz erfordert und ruft gegebenenfalls einen Krankenwagen. Darüber hinaus kann sie oder er weitere Anweisungen geben, wie man mit der betroffenen Person umgehen soll.

„Häufig wird an dieser Stelle auf einen Videoanruf umgeschaltet, damit beide Gesprächspartnerinnen oder -partner sich gegenseitig zeigen können, wie die Lage ist oder welche Maßnahmen zu ergreifen sind“, sagt Morten Patrzalek.

Notrufmitarbeiterinnen und -mitarbeiter wissen genau, was im Notfall zu tun ist. Foto: Karin Riggelsen

Wer sich nicht sicher ist, ob eine Situation schwerwiegend genug ist, um den Notruf zu wählen, sollte nicht zögern, genau dies zu tun. Anhand festgelegter Leitfäden und Erfahrungen können Notrufmitarbeiterinnen und -mitarbeiter auch über die Entfernung hinweg entscheiden, welche Maßnahmen erforderlich sind.

Wie in welchem Fall handeln?

Die Liste an Ausnahmesituationen, die eintreten könnten, ist endlos. Man kann sich nicht auf jeden Notfall vorbereiten. Deshalb sind hier drei der wichtigsten erklärt:

Herzstillstand

Eine Situation, vor der die meisten Leute sich fürchten, ist der Herzstillstand. Die Vorgehensweise beginnt hier erneut mit dem Versuch, die Person anzusprechen, den Kopf zu überstrecken und die Atmung wie oben beschrieben zu kontrollieren. Ist die Person bewusstlos und ihre Atmung nicht normal beziehungsweise nicht vorhanden, liegen Symptome eines Herzstillstandes vor, und der Notruf muss gewählt werden. Danach beginnt man in der Regel mit einer Herz-Lungen-Wiederbelebung. Dazu faltet man die Hände übereinander und drückt mit der oberen Hand die untere Handfläche in die Mitte der Brust. Dann beginnt man, in einem relativ flotten Rhythmus von 100- bis 120-mal pro Minute – wie zum Beispiel bei dem Lied „Staying Alive“ – fünf bis sechs Zentimeter tief in die Brust zu drücken. An dieser Stelle haben viele Leute Angst, der betroffenen Person eine Rippe zu brechen und trauen sich deshalb nicht, die Herz-Druck-Massage auszuführen. Morten Patrzalek versichert: „Eine gebrochene Rippe ist egal, wenn man dadurch ein Leben rettet“. Da die Alternative zu einem Rippenbruch der Tod ist, solle man nicht davor zurückschrecken, die Maßnahme fortzuführen.

Eine gebrochene Rippe ist egal, wenn man dadurch ein Leben rettet.

Morten Patrzalek

Nach 30 Wiederholungen der Druckbewegung hält man inne, um eine Mund-zu-Mund-Beatmung durchzuführen. Hierzu öffnet man mit den Händen den Mund der bewusstlosen Person, legt seinen eigenen Mund darüber und pustet. Dies wiederholt man einmal und geht erneut zur Herz-Druck-Massage über, sodass ein 30-zu-2-Intervall entsteht. Erst wenn die Rettungskräfte eintreffen und die Situation übernehmen, kann man die Maßnahmen einstellen.

Häufig wird man nach dem getätigten Notruf durch Freiwillige unterstützt, die vor den Rettungskräften eintreffen. Durch das „Hjerteløber“-System, das im Jahr 2020 in ganz Dänemark eingeführt wurde, werden freiwillige Helferinnen und Helfer im Notfall über eine bestimmte App informiert. Die Aufgabe der „Hjerteløbere“ besteht darin, schnell zu handeln, indem bei einem Herzstillstand in der Nähe ein Defibrillator geholt und lebensrettende Erste Hilfe geleistet werden muss, bis professionelle Sanitäterinnen und Sanitäter eintreffen.

Blutungen

Eine weitere Situation, die häufig vorkommt und schnelles Handeln erfordert, sind Blutungen, die zum Beispiel durch einen Schnitt ausgelöst werden. Laut Morten ist die wirkungsvollste Maßnahme, im wahrsten Sinne des Wortes, den Finger in die Wunde zu drücken. Egal, wie groß die Verletzung ist, laut Morten gibt es immer eine Stelle, an der eine Vene oder Arterie verletzt wurde. An genau diese Stelle soll man ein oder zwei Finger legen, um die Blutung zu stoppen.

„Gar nicht lange nach Handtüchern oder Lappen suchen“, sagt der Experte; die Finger seien das schnellste und wirkungsvollste Hilfsmittel. Ebenfalls hilfreich ist, die betroffene Stelle nach oben zu legen. Bei einer Verletzung am Bein oder Arm kann man diese erhöhen, sodass das Blut nicht zusätzlich in diese Richtung fließt.

Umknicken

Die dritte Situation, die sehr schnell passiert und bei den meisten Arbeitsplätzen vorkommt, ist das typische Umknicken. Daraus resultiert zum Beispiel ein verdrehter Knöchel, der daraufhin anschwillt und Schmerzen verursacht. Laut Morten machen viele Menschen diese banale Verletzung zu einem großen Problem, in dem sie es ignorieren und die Stelle trotz Schmerzen belasten. Stattdessen schlägt er vor, sich an das Merkwort „RICE“ zu halten. Das R steht für „rest“, also Schonen, das I für „Ice“, also Kühlen, indem man Eis nicht direkt auf die Haut, sondern in einem Handtuch oder Kleidungsstück eingewickelt auf die Verletzung legt, das C für „Compression“, also das Umwickeln des Körperteils mit einer Bandage oder einem Verband, und E für „Elevate“, also das Hochlegen des Körperteils auf beispielsweise einen Stuhl oder ein Kissen. Nach 20 bis 30 Minuten Kühle probiert man, ob die Schmerzen weg sind und legt gegebenenfalls erneut ein Kühlelement auf die Verletzung. Stellt sich keine Besserung ein, sollte man eine Ärztin oder einen Arzt aufsuchen. 

Selbstständige Weiterbildung

Diese Hinweise und Tipps sollen nicht als Ersatz für eine Weiterbildung gelten. Allgemeine Erste-Hilfe-Maßnahmen ändern sich mit der Zeit immer wieder, und mindestens alle paar Jahre sollte man einen Erste-Hilfe-Kurs besuchen, um auf dem aktuellen Stand zu bleiben. Auch die Wiederholung bereits bekannter Maßnahmen ist sinnvoll, da diese Sicherheit verschafft und die Hemmungen verringert, in Ausnahmesituationen zu handeln. Auf der Internetseite des Dänischen Roten Kreuzes werden Termine für regelmäßig stattfindende Erste-Hilfe-Kurse in ganz Dänemark angeboten. Wer sich weiterbilden möchte, kann sich dort anmelden.

Laut der Dänischen Herzstiftung erscheint ein Krankenwagen in Dänemark nach durchschnittlich acht Minuten am Notfall-Ort. Da mit jeder Minute, in der keine Maßnahmen ergriffen werden, die Überlebenschance bei einem Herzstillstand um etwa 10 Prozent sinkt, ist es für die betroffene Person überlebenswichtig, dass die Mitmenschen sich trauen, zu helfen.

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