Integration

Flüchtlingskinder werden ohne Dänischkenntnisse in die Schule geschickt

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Kalundborg
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Schüler in Kopenhagen (Archivbild). Foto: Sarah Christine Nørgaard/Scanpix

In vielen Kommunen sind die Aufnahmeklassen für Flüchtlingskinder abgeschafft worden. Für sie bedeutet das vielfach, ohne Sprachkenntnisse dem Unterricht folgen zu müssen. Kinder und Lehrer überfordert das.

Zahlreiche Flüchtlingskinder müssen ohne jegliche Dänischkenntnisse dem Volksschulunterricht folgen, weil die Aufnahmeklassen vielerorts abgeschafft wurden. Das berichtet DR Sjælland. Der Sender begleitete die zehnjährige Hiba aus Syrien in die Nyrupschule in Kalundborg. Dort wurde sie nach dreimonatigem Aufenthalt in Dänemark eingeschult. Ohne Dänisch sprechen oder verstehen zu können.

Zwei Jahre lang lebt sie nun bereits in Dänemark, besucht die vierte Klasse. Zunächst verstand sie ausschließlich Arabisch. „Die haben alle miteinander geredet, aber ich habe nichts verstanden“, erinnert sie sich an ihren ersten schweren Schultag.

Nach zwei Jahren kann Hiba inzwischen einigermaßen Dänisch, aber ganze Sätze zu formulieren, das fällt ihr noch immer schwer.

23 Kommunen haben die Aufnahmeklassen ganz oder teilweise abgeschafft

Laut Folkeskolen.dk haben 2016 ganze 23 (der insgesamt 98) Kommunen in Dänemark die Aufnahmeklassen ganz oder teilweise abgeschafft. Vor allem Schüler unter 14 Jahren werden seither in ganz gewöhnliche Klassen gesteckt – ohne Rücksicht auf ihre Fähigkeiten.

Der Schulleiter an Hibas Schule meint, dass es genau der richtige Weg sei, wenn die Kinder schnell „unter dänische Schüler kommen, desto schneller lernen sie Dänisch und umso fröhlicher werden sie“, meint John Saxild-Hansen zu DR Sjælland. Der Vorsitzende des Kinder- und Familienausschusses in Kalundborg, Karl-Åge Poulsen (Venstre), meint das auch.

Dabei war es eine zweisprachige Klassenkameradin, der die Brücke zu den dänischsprachigen Kindern für Hiba gebaut hat. Rawan hat für Hiba ins Arabische übersetzt, was die Lehrer und die neuen Klassenkameraden gesagt haben.

Auch für die dänischsprachigen Kinder in der Klasse war es nicht leicht, sich auf Hiba einzulassen. „Ich konnte nicht mit ihr reden. Ich konnte nicht richtig in Kontakt mit ihr kommen, aber jetzt geht das besser. Sie kommt ja auch aus einem anderen Land und versteht unsere Sprache nicht ganz“, sagt Mitschülerin Sarah.

Lehrer klagen über die Zusatzbelastung

So positiv diese Entwicklung klingen mag – bei den Lehrern in Kalundborg wird die Zeit, sich um die Flüchtlingskinder zu kümmern, immer knapper, sagen sie. Lone Varming, die Lehrerin und zugleich Lokalpolitikerin bei den Volkssozialisten (SF) ist, berichtet in DR Sjælland: „Uns erreichen regelmäßig Berichte von Kollegen, die finden, dass es richtig schwer ist, Kinder in der Klasse zu haben, die man einfach nicht erreichen kann und mit denen man nicht kommunizieren kann. Die können da ja jahrelang sitzen, ohne wirklich etwas zu lernen.“

Karl-Åge Poulsen wehrt sich: Die Kommune habe beschlossen, Sondermittel für zum Beispiel „Sprachkonsulenten“ bereitzustellen, zudem gebe es Förderstunden für die nicht dänischsprachigen Schüler. „Aber es kann durchaus sein, dass man neu abwägen muss, ob die Schulen es richtig machen“, so der Venstre-Politiker.

Volksschul-Experte kritisiert Kommunen

Der Volksschul-Experte und Forschungs- und Entwicklungschef am VIA University College, Andreas Rasch-Christensen, hält es für einen fatalen Fehler, dass die Aufnahmeklassen vielerorts weggespart wurden. „Die Lehrer stehen ohnehin schon vor vielen neuen Herausforderungen. Und da kommen dann weitere Herausforderungen hinzu, wenn Kinder und Jugendliche kommen, die sprachliche Schwierigkeiten haben und die ja in vielen Fällen auch traumatische Erlebnisse im Gepäck haben“, sagt er zu DR Sjælland.

Der zehnjährigen Hiba verhagelt all das jedoch nicht die Laune. „Ich habe gute Freunde gefunden. Wir gehen gleich raus und schaukeln“, sagt sie. Und auch wenn es beim Dänisch noch hapert, zeigt Hiba in anderen Bereichen, was sie auf dem Kasten hat. „Hiba ist besser als wir in Mathe. Sie braucht nicht mal Hilfe. Sie macht das einfach alles so und ist vor uns fertig“, sagt Rawan.

Derzeit besuchen 9.723 Kinder und Jugendliche mit Flüchtlingsstatus dänische Schulen bis zur 10. Klasse.

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