Bildung

Unsinnige Technologie an den Schulen „das Schlimmste überhaupt“

Cornelius von Tiedemann
Cornelius von Tiedemann Stellv. Chefredakteur
Kopenhagen
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Foto: Billetto Editorial/Unsplash

Der blinde Einsatz neuer Technologie um des Fortschritts willen sei für die Schüler so überflüssig wie ein schlechter Lehrer, meinen Forscher eines neuen Laboratoriums der Uni Kopenhagen. Vom Hype um „virtual reality“ halten sie nicht viel.

In den 1930er Jahren meinten viele, das Fernsehen könne das Ausbildungssystem revolutionieren. In den 1990ern dann war der Computer das neue Ding – und dann kamen Tablets, Smartphones und digitale Tafeln. Heute ist die virtuelle Realität (VR) der neueste Hype.

„Alle wollen virtuelle Realität. Kommunen, Unternehmen und sehr viele Lehrer sind interessiert“, sagt Guido Markransky, Dozent an der Uni Kopenhagen und Leiter eines neuen „Virtual Reality Lab“ am Psychologie-Institut der Uni, zu Videnskab.dk.

„Derzeit werfen alle allen möglichen Inhalt in VR. Sie glauben, dass, wenn man es einfach reinwirft, es von selbst funktioniert. Dabei haben wir den Code noch immer nicht geknackt: Wie soll man den Inhalt so designen, dass die Schüler etwas lernen und motiviert werden?“, so Markransky weiter.

Neue Techniken zunächst überprüfen

In seinem neuen Laboratorium messen Forscher den Lerneffekt verschiedener VR-Simulationen, wie die animierten Universen genannt werden, mit denen die Probanden interagieren, wenn sie ihre VR-Brillen aufsetzen. Auch werden neue Simulationen entwickelt, die auf Studierende verschiedener Fächer zugeschnitten sind und an das fachliche Niveau der Schüler angepasst werden können.

Markransky meint, dass es all entscheidend ist, dass neue Technologien zunächst getestet werden, damit sichergestellt ist, wofür sie wirklich nützlich sind, bevor Lehrer sie im Unterricht einsetzen. „Das Allerschlimmste ist es doch, wenn man Schülern oder Studierenden einfach eine neue Technologie gibt, ohne dass es dokumentiertes Wissen darüber gibt, was sie davon haben“, sagt er zu Videnskab.dk und fährt fort: „Und ohne, dass der Unterrichtende eine klar definierte Absicht mit ihrem Einsatz hat.“

Gibt es überhaupt Beweise für den Effekt von Technik im Unterricht?

Sollen die Schüler etwas Neues lernen? Sollen sie motiviert werden? Mehr an sich selbst glauben? Man müsse, sagt Markransky, genau wissen, wozu die Technologie in der Lage sei – und wie, bevor man sie einsetzt.

Die Debatte, ob die Digitalisierung an den Schulen zu weit geht, brodelt derweil in Dänemark – dem Land, das seine Schulen wie kaum ein anderes mit technischer Ausrüstung versorgt. Was nutzen all die Geräte den Schülern wirklich, so die Frage.

Einer der Kritiker, Jesper Balslev, Dozent am Institut für Kommunikation an der Uni Roskilde, meint, dass es an Evidenz dafür fehle, dass die Schüler dadurch, technische Hilfsmittel zu benutzen, tatsächlich mehr lernen. Der Autor des Buches „Kritik af den digitale fornuft – i uddannelse“ (Kritik der digitalen Vernunft – in Ausbildung) sagt zu Videnskab.dk: „Eines der tragenden Argumente für digitalisierte Ausbildungen war es, dass neue Technologien Engagement schaffen. Doch dieses Argument fußt nicht darauf, dass man überhaupt untersucht hat, ob ein Lehrer die Schüler ebenso gut wie die neue Technologie engagieren kann.“

Mehr zum Thema (auf Dänisch): Udokumenteret brug af teknologi i skolen er det »værste i verden«

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