Kardels Tagebuch: 1914-1918

Einträge von Januar 1918

Harboe Kardel
Frankreich
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Kardels Tochter Elsbeth Kardel Knutz hat unserer Zeitung die eigenhändig abgetippten Tagebücher zur Verfügung gestellt, sodass Der Nordschleswiger bis zum Ende der Aufzeichnungen bis 2018 Kardels Tagebucheintragungen abdrucken kann. Die Einträge sind immer am 1. eines Monats 100 Jahre später abrufbar.

1. Januar 1918.
Strecke Hamburg-Köln im ungeheizten Zug. Ebenso Köln-Gent. Ich aß um warm zu werden. In Gent erfahre ich, dass die 17. Res. Division in Moorselle liegt. Doch erstmal: Ordentlich ausschlafen! Ich ass in der „Taverne Emil“ und ging nach gutem Abendessen in die allgemeine Offz. Messe.
Abfahrt von Gent 23.55 Ankunft in Kortrijk: 13.50. Dort Mittagessen. Spreche telefonisch mit Reg. 17.
Ich soll wieder zu 6. Batterie. Bis Gulleghem fuhr ich mit der Kleinbahn. Von dort bringt der Befehlsempfänger Tiedje mich nach dem Quartier der 6. Dort warmherzige Aufnahme durch Lt. Schuster, Kleppe und Dobriner.
Lt. Pape kam auch noch und bei einer Flasche Wein spielten wir Artillerieskat.

Am 31.12.17 morgens ging ich ans zusammenkramen der verstreuten Sachen. Nachmittags soll ich Lt. Hewel auf der A.O.K. Warte Kegelberg ablösen. Fahre beim Regiments Stab vor, wo ich nur Oberlt. Gossler und Lt. Hansen treffe.
Bis zum 2.1. kann ich noch in Ruhe gehen, denn die A.O.K. –Warte ist bereits durch einen Fussartl. Offz. Besetzt.
So feierte ich dann Silvesterabend inmitten meiner Kameraden in der gemütlichen Steinbaracke auf dem flandrischen Hof. Wir tranken Glühwein und stießen um 12 Uhr an- auf ein fröhliches neues Jahr-. Draußen hörte man viel geknatter und sah viele Leuchtkugeln aufsteigen.
Viele Gedanken mögen in dieser Nacht sich melden, aber in jedes Soldatenherzen wird doch wohl der Wunsch nach Frieden alle anderen überragt haben. Auch mit den Leuten tauschten wir Neujahrswünsche. Die stillen gefielen mir besser als die lauten, angeheiterten.
Ich wäre auch am liebsten still geblieben und hätte dem nachgedacht, was das alte Jahr mir gegeben und genommen hat. Schweren Verlust habe ich erlitten, Gott weiß es, aber darum soll ihn mein Dank für alles Gute nicht minder laut preisen.
Das alte Jahr hat mir Lotte Paulsens Freundschaft gebracht, auf die ich stolz bin. Wann werde ich ihr wieder nahe sein? Ach, ich bin so weit von ihr.
Gestern, am Neujahrstage war Gätgens für kurze Zeit von Kortrijk herübergekommen. Nachher waren Dobriner und ich allein.
Nun bin ich auf der A.O.K. Warte-Kegelberg. Auf dem Weg dahin traf ich Lt. Friedrichsen, der aus der Stellung kam. Lt. Menzel ist nach Menin gegangen.

2. Januar 1918.
In der Nacht wurde ich mehrfach geweckt, bald durch den Posten, bald durch das A.O.K.-
Eine Decke war auch zu wenig. Ich fror. Meine Füße steckten im Rucksack.
Heute ist das Wetter klar, viele Flieger sind da. Einen Engländer sah ich brennend
Abstürzen. Auf dem Turm konnte ich mich in der Gegend etwas orientieren. Ich habe Ruhe zum Arbeiten und zum stillen Zurückdenken an die schöne Zeit in der Heimat. Könnte ich sie noch einmal durchleben, die schönen Tage, von denen der erste Teil dieses Buches erzählt! Geduld, auch der Tag kommt, wenn mir Gott Leben und Gesundheit schenkt. Trauern, das ich nun an der Front bin? Nein!—Hier gehöre ich hin. Da war auch der Platz meines Heldenbruders. Ihm muss ich auch hierin folgen.

3. Januar 1918.
Eben kam ein wahrer Bombensegen hier über die Gegend. Oben auf dem Turm der Beobachtung Kegelberg hatte ich einen feinen Rundblick über Front und Hintergelände. Langsam wird das fruchtbare Land der Vernichtung preisgegeben.

4. Januar 1918.
Gestern Abend wurde ich im „Doppelkopf“ angelernt. Allmählich gelingt es mir auch, durch gute Zeiteinteilung für meine Weiterbildung zu sorgen. Ich arbeite in
Sturmhöfels „Deutscher Geschichte“ und Schillers
„Briefe über Don Carlos“.
Als erster Gruss aus der Heimat kam heute ein Brief von Schwipp-Schwägerin Guste.
Sie hat eine witzige, nette, natürliche ungezwungene Art zu schreiben. U.a. Lese ich: „Nun haben wir wieder eine Sorge mehr, denn Du gehörst doch zu uns.“ Meint sie damit das durch ihre Schwester Else und Bruder Hans geknüpfte Band, oder ein anderes näheres?
Lt. Menzel ist aus Brüssel noch nicht zurück.

6. Januar 1918.
Wenn meine Mittagszigarre aufgeraucht ist, ist auch die Mittagsstunde vorüber.
Sie ist dem Lesen gewidmet.
Gestern feierte Lt. Dürschke seine Beförderung mit einer Flasche Wein. Ich habe natürlich mitgemacht, aber gefallen hat es mir doch nicht sehr. Wie wünsche ich mir solche Feier?
Ernste und heitere Gespräche wechseln ab. Lieder ertönen, von Liebe,Wein,Vaterland und Burschenherrlichkeit. Im Rundgesang nennt jeder mit Stolz den Namen seiner Geliebten, der um Mitternacht ein Ständchen gebracht wird. So war es in Husum, da war jede Kneipe poesiedurchwebt. Ach, die guten Kameraden, sie liegen fast alle unterm grünen Rasen.

9. Januar 1918.
Am 7. Januar morgens ging ich in Ruhe. Kurz vor Moorseele überholte mich unser Jagdwagen mit Lt. Schuster. Ich stieg zu ihm in den Wagen.
Sein erstes Wort war:“ Mit Kleppe ist es doch furchtbar traurig.“—„Wieso??“ fragte ich.—„Wissen Sie denn gar nicht, dass er gefallen ist?“ Am Morgen den 5. Januar hat er bei Polderhoek einen tödlichen Infanterieschuss und ist gestern begraben.“-
Nun war auch er dahin, der gute Kleppe, aus dem ich eigentlich nie recht klug geworden bin. Oft erschien er mir als über seine Jahre hinaus gereift, oft wieder noch ein großer Junge zu sein. Obgleich als Mensch ein unbeschriebenes Blatt, hatte er zweifellos viele militärische Fähigkeiten.
Nachmittags besuchten uns Gätgens und Wiesler. Merkwürdig—beim Kartenspielen hab` ich nie Glück. Es wird jedesmal eine teure Sache für mich. Besonders der „Mogel-Ramsch“ liegt mir gar nicht.
Gestern meldete ich mich bei Hauptmann Waltfried. „ Da haben wir einen wieder, den wir gebrauchen können,“ sagte er. Ich blieb beim Stab zum Mittagsessen.
Abends war ich mit Lt. Schuster und Selige zum Theater in Kortrijk. Mein Auge erfreute sich an den bunten Bildern. Nachher saßen wir in der „Deutschen Weinstube“. Das hätte wegfallen können, aber ich lasse mich immer mitschleppen.
Nacht ist es kalt, ich friere gewaltig. Von Abend bis Morgen sind meine Füße
eiskalt.
Als ich eben die „Geschichten aus dem Wiener Wald“ hörte, musste ich denken:
Wie ist doch alles ganz anders, seit Du sie damals hörtest, in Gouy und in Fèrin!
Damals lebte Rudi noch, nun ist er tot, und der gute Kleppe auch, der doch so gern zur Grammophon- Musik seine Zigarette rauchte. Der Krieg wird ja mal aufhören, aber die lieben Menschen, die er verschlang, kommen nicht wieder.

10. Januar 1918.
Heute hat Tauwetter eingesetzt, alles ist wieder ein Schlamm und Dreck.
Ich hatte Ruhe zum Arbeiten. Wenn hier viele sind, ist es schwierig. Im Sommer kann ich mich immer auf meiner Stube aufhalten, aber die ist jetzt nicht geheizt.
An der Front kracht`s wieder.

12. Januar 1918.
Im Regen fuhr ich mit dem Doktorwagen hierher, zur A.O.K.-Warte.
Wie ich schon erwartete, stellte mir das Regiment keinen Burschen. Ich muss versuchen, ob es so geht. Leutnant Menzel lässt seinen Burschen auch für mich sorgen.
Gestern war meiner Lieben Mutter Geburtstag. Gott erhalte sie uns gesund! Sie hat ein goldenes Herz.

14. Januar 1918.
Mutter schreibt: Mühlenbesitzer Bachmann (Tondern) wurde während eines Konzerts in der Aula der Realschule tödlich vom Schlag getroffen.
Hier ist alles ausgeflogen. Die Batterie macht Stellungswechsel.

17. Januar 1918.
Nun bin ich endlich zur Ruhe gekommen nach dem vielen Hin und Her. Seit gestern nehme ich an einem M.G.-Kursus in Kortrijk teil. Ungern verließ ich Kegelberg.
Die 6. Batterie hat´s nun auch gut, sie gehört zur Überwachungsgruppe und steht bei Vyfwegen.
Am 16. Januar meldete ich mich bei Major Fehling. In Kortrijk bekommen wir zunächst nur Quartiere für eine Nacht. Mit Rahl war ich im Offiz. Speisehaus. Unterricht haben wir bei Lt. Lüdemann. Jetzt habe ich auch ein gutes Zimmer bekommen, Rysselstr. 44, mit Lt. Rahl in einem Haus.

18. Januar 1918.
Nach dem Abendessen in der „Offz.Verpflegungs-Anstalt“ hatten Lt. Lüdemann und ich einen längeren Disput über religiöse Fragen. Ich kann mir aus meinem Leben die Religion nicht hinweg denken. Ich muss in die Fußstapfen meiner Vorfahren treten und auf dem Grund weiterbauen.

21. Januar 1918.
Sonntag besuchte ich die Batterie. Treffe Schuster und Gätgens zum gemütlichen Skatspielen. Rückkehr mit dem „Doktorwagen“.

23. Januar 1918.
Am Abend surrten feindliche Flieger über Kortrijk, eine tolle Schießerei war die Folge. Lt. Rahl und ich gingen ins Erdgeschoss. Hauptmann Bösenberg lud uns in sein luxuriöses Zimmer. Er bewirtete uns mit Wein, Zigaretten und Zigarren. Ich spielte auf dem schönen, neuen Klavier. Er lebt nicht schlecht.
Der nächste Abend brachte die Vorstellung einer Hamburger Variètè Truppe. Eine kümmerliche Leistung. Nachher trank ich noch mit Gätgens und Schuster eine Flasche Wein.
Selten war die Zukunft so dunkel wie jetzt. Soll der Krieg denn ewig dauern? Wir alle sehnen uns nach dem Frieden.

27. Januar 1918.
Gestern war große Divisionsübung. Ich war A.V.O. bei II/76. Es war kalt und nebelig. Ich schickte nur Meldungen zurück. Um 3 Uhr nachmittags ritt ich wieder in Kortrijk ein.
Abends folgten Lt. Martens und ich einer Einladung Hauptmann Bösenbergs. Außerdem waren dort noch: Schwester Anna und Schwester Marga vom Feldlazarett 112, Iseghem.
Wir hatten`s gemütlich: tranken Erdbeerbowle, tanzten und waren vergnügt. Als der 27. Jan. angebrochen war, ließen wir seine Majestät hochleben. Martens schwärmte nachher noch lange von „Schwester Marga aus Preußisch-Berlin“.

28. Januar 1918.
Eigentlich wollte ich den Abend des 27. Still zu Hause verleben, aber beim abendbrot fand ich ein Schreiben von Gätgens die 6. Batterie erwartet mich um 8.30 im Offiz. Heim. Nachdem Lüdemann und ich unsere 4 Stücke Brot verzehrt hatten, traf ich meine Kameraden.Wir verbrachten den Abend in der „Cloche d `or“. Hier waren 2 Mädels und ein Piano. Ich spielte zum Tanz und tanzte auch mit Marie. Um halb zwölf gingen Gätgens, Schuster und Dobriner. Später kamen noch andere Stammgäste. Ich ging dann nach Hause.

31. Januar 1918.
Gestern und heute Abend gingen Rahl und ich mit Kortrijker Mädchen. Es ist natürlich nicht das beste Publikum, das nach 8 Uhr die Straßen bevölkert. Doch ist es interessant, auch hierin Erfahrungen zu sammeln. Es dient ja nur der Zerstreuung, mein Herz ist ja nicht dabei. Dieses gehört nur den tugendreichen deutschen Mädels.
In Deutschland streikt man. Wo will das hinaus? Kein Hoffnungsstrahl leuchtet den nach Friede dürstenden Gemütern.
Nun will ich mein herrliches Bett aufsuchen.

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