Leitartikel

Glanzbilder und Vorurteile

Gwyn Nissen
Gwyn Nissen Chefredakteur
Apenrade/Aabenraa
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Foto: Henning Bagger/Ritzau Scanpix

Zu Lebzeiten wurde Prinz Henrik oft verhöhnt und verspottet, als Hofnarr dargestellt. Zu Unrecht, wie die vielen Nachrufe der vergangenen Tage zeigen. Vielleicht lernen wir heute, nächstes Mal wenn wir einem Fremden gegenüberstehen, nicht zu schnell zu urteilen und dieses Urteil nicht jahrelang mit uns herumzutragen, meint Chefredakteur Gwyn Nissen.

„Prinz Henrik musste erst sterben, so die Vorwürfe, bevor er allgemeine Anerkennung erfahren durfte“, schrieb Kolumnist Jan Diedrichsen Dienstag in unserer Zeitung und fügte hinzu, dass sich Prinz Henrik in der Wahrnehmung vieler „erst im Tode vom peinlichen Outcast zum bewunderten Freigeist wandelte“. In den sozialen Netzwerken war der Tenor ähnlich: Hätte Prinz Henrik doch nur die Liebe erlebt, die ihm jetzt vom dänischen Volk zuteil wird. Zu Lebzeiten wurde er oft verhöhnt und verspottet, als Hofnarr dargestellt. Zu Unrecht, wie die vielen Nachrufe der vergangenen Tage zeigen.

Die Beisetzung am Dienstag war der endgültige Beweis dafür, welch große Bedeutung Prinz Henrik für die königliche Familie hatte: Er war eine sammelnde Figur – auch nach seinem Tode.

Was können wir daraus lernen? Prinz Henrik ist der Edel-Einwanderer, der nicht dänisch genug wurde und nicht Dänisch genug lernte. So zumindest die Volksstimmung vor seinem Tode. Erst jetzt respektiert man seine Eigenart, seinen Wunsch, Däne zu sein und Franzose zu bleiben. Ja, Prinz Henrik ist vom Antihelden zum Helden gewachsen, weil er, so Ex-Bischof Erik Normann Svendsen bei der Beisetzung, „den Hut aufgesetzt hat, wie es ihm passte“.

Vielleicht kann der Tod von Prinz Henrik uns helfen, in Zukunft auch andere Leute zu akzeptieren und so zu respektieren, wie sie sind. Mit all ihren Tücken und Macken, Fehlern und Eigenheiten, Schwächen und Kratzern.

Vielleicht können wir das Glanzbild des perfekten Prinzen endlich zerreißen. Es hat ihn nie gegeben, und es wird ihn nie geben. Genau so, wie es auch den perfekten Menschen nicht gibt – oder geben wird. Vielleicht lernen wir heute, nächstes Mal wenn wir einem Fremden gegenüberstehen, nicht zu schnell zu urteilen und dieses Urteil nicht jahrelang mit uns herumzutragen. Vielleicht lernen wir, mit „den anderen“ so umzugehen, wie wir von anderen gesehen und behandelt werden möchten.

Vielleicht hat uns Prinz Henrik schlauer gemacht. Vielleicht.

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